Buchstaben einer Weltenschrift

Von Irmela Berger-Beyer, November 2010

Eine Gruppe von Menschen ist aus Russland über die Ostsee auf die Hauptinsel der Ålands geflohen. In Mitteleuropa herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände.

Die Emigranten wollen sich mit Inselbewohnern zu Gesprächen treffen und errichten dafür eine Holzhütte. Ihre Zusammenkünfte waren bisher Gespräche auf einer Baustelle – jetzt soll die Hütte eingeweiht werden. Den Baustellencharakter wollen sie aber für ihre Gespräche auch in Zukunft beibehalten.

Es ist Sommersonnenwende, eine lange helle Nacht in Skandinavien. Einer alten åländischen Gepflogenheit folgend, zur Einweihung eines Hauses den Prolog zum Johannes-Evangelium zu sprechen, beginnt die Versammlung. Der Prolog erweist sich wie geschaffen für ihre Gespräche, brennt doch in ihren Herzen die Frage nach Herkunft, Sinn und Bedeutung des Lebens.

Ergreifende Themen aus Bildung, Erziehung, Partnerschaft und Ehe erfahren eine Steigerung in Dimensionen, die man vielleicht ahnte, aber nicht wusste. Inmitten der Alltagsdramatik mit tragischen Unterbrechungen und schicksalshaften Wendungen wagen diese Menschen Erkenntnisgespräche zu führen.

Der Leser steigt sofort interessiert ein und ist zu eigenem Fragen und Forschen angeregt. Wer war denn eigentlich Johannes? – Wer ist er? Nie wird der Leser verkündend wirkenden Belehrungen ausgesetzt. In Dialogen werden die Erkenntnisse herausgearbeitet, die dem Leser Einblicke gewähren in heute notwendige Fragen über Kosmologie, Religion und Philosophie.

Die Struktur des Prologes zeichnet geheimnisvolle Spuren, die hauptsächlich mithilfe eines Mathematikers, eines Malers, eines jungen Schriftstellerehepaares und eines Philosophen und Lehrers achtsam verfolgt werden. Gemeinsam werden Zeichen einer Weltenschrift gefunden: Die zehn Kategorien des Aristoteles! Sie ergeben – in Verbindung mit der Schöpfungsgeschichte – den Resonanzboden für einen mächtigen Zusammenklang mit der Hierarchienlehre des Dionysios vom Areopag, der nordischen Mythologie und der Farbenlehre Goethes. Neunfach ertönt der hierarchische Glockenklang, wenn der wirklich Verstehende, nämlich der Narr, mit einer Geschichte in das Innerste des Labyrinthes von Chartres führt. Wie wird er den Weg nach draußen weisen? Eine neuzeitliche Kosmologie wird erlebbar, die den Menschen mit einbezieht.

Ein Arbeitsbuch ist entstanden, das in verwirrenden Zeiten Orientierung geben kann. Eltern, Lehrern, Schülern und Studenten wird es eine unerwartet große Hilfe sein und im Ethikunterricht unentbehrlich. Werden doch durch die verschiedenen Beiträge auch Erkenntnisse vergangener Kulturen gegenwärtig. Sie wirken völkerverbindend in unserer gefährdeten Zeit.

Bernd Lampe, Gebärden des Wortes. 57 Gespräche zum Beginn des Johannes-Evangeliums, Verlag der Kooperative Dürnau, 600 Seiten, 32,00 Euro

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