Chomskys Requiem

Von Ernst-Christian Demisch, April 2018

Mit seinem neuen Werk »Requiem für den amerikanischen Traum« will der Altmeister der »America-First«-Kritik, der 1928 geborene Noam Chomsky, seinen Lesern die Augen für eine nicht so leicht wahrnehmbare Entwicklung öffnen, die von der Demokratie zum Dollar-Imperium einiger Weniger führt.

Das hohe Lied auf die Erfüllung des eigenen Lebenstraums wurde bereits 1756 von Benjamin Franklin in seinem »Almanach« unter dem Titel »Weg zu Wohlstand« veröffentlicht. Sein eigenes Leben – vom armen Schlucker zum Millionär, aber auch zum Erfinder des Blitzableiters und Staatsmann – war als Vorbild prägend für Generationen. Davon hat sich auch 1987 der damals weniger bekannte Immobilienmilliardär Donald Trump anregen lassen, als er seine erste Autobiographie »The Art of Deal« veröffentlichte.

Noam Chomsky hat auch eine bemerkenswerte Karriere in der Wissenschaft hingelegt und erklärt nun als altersweiser Olympier vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), weshalb dieser Traum erledigt sei. In zehn prägnant verfassten Kapiteln zerpflückt er die Säulen des amerikanischen Selbstverständnisses. Dabei zeigt er an markanten Beispielen, wie die amerikanische Wirtschaft seit gut zehn Jahren das politische Leben immer fester in den Griff genommen hat. Sie hat alles getan, um den Bürgern Wohlstand zu suggerieren, gleichzeitig aber alle politischen Organe ausgehöhlt, um diese für ihren Zweck der Gewinnmaximierung arbeiten zu lassen. Die zehn Prinzipien, die Chomsky untersucht, reichen von: »Demokratie einschränken« über »Solidarität bekämpfen« und »Wahlen manipulieren« bis hin zu »die Bevölkerung an den Rand drängen«. Jedem kurzen Kapitel fügt der Autor eine geschickt ausgewählte Sammlung von politischen Reden oder Quellentexten aus der amerikanischen Grundlagenliteratur zur Unterstützung seiner leider negativ ausfallenden Betrachtung bei. Der Bezug zum aktuellen Präsidenten in Washington liegt auf der Hand, wird aber nie direkt angesprochen, um dessen Handeln nicht auch noch eine Ehre zukommen zu lassen, die ihm nach Chomskys Auffassung nicht gebührt.

Das Buch liegt mit seinen ausgesprochenen und nicht ausgesprochenen Idealen vergangener amerikanischer Politik in einer interessanten Nähe zu Ausführungen Rudolf Steiners über die gesellschaftliche Situation 1917-1919, wie er sie zum Beispiel in den »Kernpunkten der sozialen Frage« dargelegt hat. Durch das Ungleichgewicht zwischen Politik, Kultur und Wirtschaft sei es 1914 zum großen Weltkrieg gekommen. Die Ausführungen Chomskys rufen nach einer kräftigen Revitalisierung dieser Gedanken, damit es nicht beim Traum bleibt, sondern zur Umsetzung der großen Menschheitsziele kommt, die ja auch in den USA existieren. Chomsky ruft nach den Lösungen, die Steiner vor einem Jahrhundert formuliert hat. Ob er das weiß?

Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht, geb., 200 S., EUR 20,– Verlag Antje Kunstmann, München 2017

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