Corona: Krise oder Chance für den Unterricht?

Von Christoph Hartmann, September 2020

Die Pandemie hat die Schulgemeinschaften hart getroffen. Nach der ersten Schockstarre wurden mehr oder weniger rasch diverse digitale Unterrichtsangebote aufgebaut und erprobt. Im Zuge der Lockerungen mussten die Unterrichtsformen schrittweise optimiert werden. Hier ein subjektiver Erfahrungsbericht eines Oberstufen-Physiklehrers.

Man sah es kommen, wollte es aber zunächst nicht glauben. Mitte März 2020 wurden wegen des Corona-Virus alle Schulen dicht gemacht. Da ich wegen der Betreuung meiner pflegebedürftigen Mutter nicht am Schulort sein konnte, kreisten meine Gedanken um die Anfang April anstehende Physikepoche in der 9. Klasse. Wie könnte mit so einem kurzen Vorlauf aus der Ferne eine für alle Schüler gute Unterrichtsgestaltung erfolgen?

9. Klasse: komplett virtueller Unterricht

Zum Glück hatte ich die Klasse in der Chemie-Epoche letzten Herbst schon persönlich kennenlernen dürfen. Eine Basis für die Beziehung zu den Schülern war also schon gelegt. Jetzt galt es, sinnvolle und lösbare Arbeitsblätter zum Epochenthema zu entwickeln. Da keine eigenen Versuchsvideos mehr gedreht werden konnten, entwickelte ich für jeden Tag aufeinander aufbauende Infos, Aufgaben und Versuchsanleitungen mit dazu passenden Internet-Links zu Lernvideos oder Online-Apps. Die Prüfung geeigneter Lernvideos und die Formulierung von Fragen, die nicht einfach mit Kopien aus dem Internet beantwortet werden konnten, nahm viel Zeit in Anspruch. Das Zusammenstellen machte jedoch viel Freude und gab mir Impulse für zukünftige Epochen.

Hochgeladen wurden die Arbeitsblätter auf die »Schulbox«, einen Server des Kultusministeriums für alle Schulen in Rheinland-Pfalz. Von dort konnten sie heruntergeladen und bearbeitet werden. Meine Mindestanforderung an die Schüler war das Hochladen der Antworten als Fotos der handschriftlichen Texte und Zeichnungen oder deren Übermittlung per Email. Im besten Fall erhielt ich perfekt gestaltete digitale Dokumente im Pdf-Format, wie ich sie selbst nur mit Mühe hinbekommen hätte. Natürlich musste bei einigen nachgehakt werden, wenn Termine nicht eingehalten wurden oder sich Fehler eingeschlichen hatten. Aber schlussendlich wurden von fast allen weitgehend vollständige Dokumente geliefert, die den Vergleich mit den »analogen« Epochenheften nicht zu scheuen brauchten.

Natürlich mussten erst die technischen Voraussetzungen für das virtuelle Klassenzimmer geschaffen werden. Dankenswerterweise ließ unser Vorstand schnell die datenschutzkonforme Plattform BBB (Big Blue Button) dafür hochfahren. Mein Konzept war, mich mit jeweils einem Drittel der Klasse (11 Schüler) alle drei Tage vormittags zu treffen, um die Arbeitsblätter zu erläutern und Lösungswege zu diskutieren. Dabei forderte ich zu Beginn jedes Mal alle nacheinander auf, ihr Befinden und ihre Wünsche zu äußern. Auch am Schluss kam jeder noch einmal zu Wort, um noch offene Fragen zu klären.

Auch wenn es anfangs auf beiden Seiten technische Probleme zu überwinden galt, nahmen fast alle Schüler die neuen Lernangebote zügig und gerne an. Häufigstes Problem war zunächst die Instabilität der Videoverbindung. Nach Aufstockung der BBB-Serverkapazität führte vor allem die unterschiedliche Ausstattung mit digitalen Endgeräten noch zu Schwierigkeiten. Bei manchen dauerte es länger, bis der richtige Browser lief und Mikrofon und Kamera funktionierten. Herzlicher Dank gilt hier auch den Administratoren, die täglich für mich und die Schüler verfügbar waren. Notfalls wurde die Videofunktion des Smartphones genutzt oder ich telefonierte danach mit denen, die eine schlechte Verbindung hatten, um sicher zu sein, dass alle im Boot sind.

Insgesamt war ich erfreut, wie gut der Kontakt trotz der Einschränkungen gelang. Natürlich kann ein Videochat niemals die direkte Begegnung ersetzen. Aber die Schüler arbeiteten größtenteils konzentriert mit und wir konnten uns konstruktiv austauschen. Der sonst übliche Geräuschpegel entfiel und erstaunt durfte ich am Ende feststellen, dass die Arbeitsergebnisse zumindest gleichwertig wie in »analogen« Chemie-Epochen zuvor waren, bei vielen sogar deutlich gehaltvoller. Und was waren die häufigsten Rückmeldungen der Schüler?

Vorteile: freie Zeiteinteilung, Stärkung der Eigeninitiative, mehr Ruhe und Ordnung, Videos können mehrmals angeschaut werden, man muss nicht so früh aufstehen und die Fahrzeit zur Schule entfällt;

Nachteile: Verbindungsqualität ist verbesserungswürdig, Kommunikation ist schwieriger, Lehrer kann leibhaftig besser erklären, Sozialkontakte fehlen, zu Hause ist man teilweise weniger motiviert und mehr abgelenkt;

Mein Fazit: Die sicher doppelte Vor- und Nachbereitungszeit gegenüber einer »analogen« Epoche hat sich gelohnt, auch wenn ich mehr am Bildschirm saß als sonst. Auch wenn teilweise Gruppenergebnisse präsentiert wurden, bin ich sicher, dass unter den gegebenen Umständen alle profitiert haben. Sicher wäre es schwerer gewesen, wenn vorher noch keine »analoge« Epoche mit dieser Klasse stattgefunden hätte. Eine hinreichende Geräteausstattung und Verbindungskapazität sind unverzichtbar.

12 Klasse: Präsenzunterricht mit je der Hälfte, zeitversetzt

Im Juni war Präsenzunterricht unter Wahrung der Abstandsauflagen für einzelne Klassen wieder erlaubt. Im Hauptunterricht konnte so jeweils nur die Hälfte der Klasse gleichzeitig beschult werden. Da schon damals absehbar war, dass die 12. Klasse womöglich noch länger durch die Einschränkungen betroffen sein würde als der Abiturjahrgang, tüftelten wir einen neuen Stundenplan mit getrenntem Hauptunterricht aus, erst für die Abi-Gruppe und danach für die Realschulgruppe. Die Gruppengrößen ermöglichten es gerade so, in den Fachräumen jeweils 1,5 m Abstand einzuhalten.

Glücklicherweise standen für jede Gruppe benachbarte Fachräume zur Verfügung, so dass die Schüler während der gesamten Epoche an festen Plätzen sitzen konnten. Die Versuche mussten nur einmal auf- und abgebaut werden, weil sie auf einem Rollwagen in den anderen Raum gebracht werden konnten. Zwar musste das Tafelbild zweimal erstellt werden, was aufgrund der täglich doppelten Übung aber auch immer zügiger vonstatten ging. Nach einigen Tagen hatten sich alle auch an die Einhaltung der Abstände gewöhnt.

Die Schüler äußerten sich dankbar, dass überhaupt wieder Präsenzunterricht stattfand und die oben genannten Nachteile des »virtuellen« Unterrichts entfielen. Zusammen mit den flankierenden Hygiene-Maßnahmen auf dem Schulgelände hatte man auch als Lehrkraft ein insgesamt gutes Gefühl. Meine Bewertung der Epoche fällt demnach unterm Strich positiv aus:

Vorteile: Die mündliche Mitarbeit und die individuellen Leistungssteigerungen waren in beiden Gruppen im Vergleich zu früheren Jahrgängen besser. Der Geräuschpegel war deutlich niedriger und in den Gruppen konnten leichter verschiedene Schwerpunkte gesetzt werden, die den Bedürfnissen der Schüler eher gerecht wurden.

Nachteile: Der zusätzliche Zeitaufwand für den doppelten Hauptunterricht würde im Regelbetrieb die Stunden- und Deputatsplaner an ihre Grenzen bringen. Zudem stehen in der Regel nicht genügend bzw. geeignete Räume zur Verfügung, wenn alle Klassen Präsenzunterricht in der Schule erhalten.

Mein Fazit: Der zeitliche Mehraufwand wurde für mich persönlich auch ohne zusätzliche Vergütung durch die höhere Lernbereitschaft in dieser Klasse mehr als ausgeglichen. Es waren mehr direkte Gespräche mit einzelnen Schülern und mehr fruchtbare Diskussionen möglich. In Zukunft würde ich eine gedoppelte Präsenzepoche mit halber Klasse einer rein virtuellen Epoche vorziehen.

10. Klasse: Regelbetrieb ohne Abstandsgebot

Mitte August begann das neue Schuljahr für mich mit der Physik-Epoche in der 10. Klasse vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen. Nachdem die Schulbehörde den allgemeinen Hygieneplan erst fünf Tage vor Schulstart versandte, legte der Vorstand eine Sonderschicht ein, damit alle Elternhäuser rechtzeitig vor Schulbeginn informiert werden konnten.

Die Anfangskonferenz verlief erfreulich diszipliniert, waren doch ausgefeilte Raum-, Aufsichts- und Vertretungspläne zu erstellen. In Abstimmung mit der Nachbarschule wurde der Schulbeginn um eine Viertelstunde verschoben, damit verschiedene Busse benutzt werden konnten. Die Pausenzeiten wurden entkoppelt und die Aufenthaltsräume in den Pausenhöfen abgegrenzt, um Begegnungen verschiedener Klassen in den Fluren und Schulhöfen zu minimieren. Es fiel schwer, gerade das zu vermeiden, was doch ein wesentliches Element unserer Pädagogik ist: der freie Austausch untereinander.

Mir war am ersten Schultag trotzdem etwas mulmig zumute. Zwar brachten nahezu alle Schüler die geforderte Unterschrift der Eltern zum Hygieneplan mit und hielten sich weitestgehend an die Vorgaben. Ich fragte mich aber, wie sich der Unterricht im vollbesetzten Physiksaal vorgabenkonform gestalten lassen würde. Der ganze Ablauf des Hauptunterrichtes, insbesondere die Versuche mit Beteiligung der Schüler, war zu überdenken und anzupassen.

Der fromme Wunsch, es würde nach den Sommerferien mit nebeneinander sitzenden 15/16-Jährigen kontrollierbar ablaufen, erfüllte sich naturgemäß nicht. 32 Schüler 90 Minuten lang so zu beglücken, dass das Infektionsrisiko auf dem Niveau des oben beschriebenen Unterrichts der 12. Klasse bleibt, war einfach nicht möglich. Es blieb erstmal nichts anderes übrig, als zu lernen, mit dieser Unsicherheit zu leben und sich gegenseitig immer wieder an die Hygienevorgaben zu erinnern.

Prompt wurden am 20. August schon zwei Klassen an anderen Trierer Schulen vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt. Wie gut, dass unsere Schule ihr Medienkonzept gemeinsam mit der Schüler- und Elternschaft schon vor den Sommerferien entwickelt und die Neuausstattung der Schule auf den Weg gebracht hatte.

Wir geht es weiter?

In Rheinland-Pfalz wurden wie in den meisten Bundesländern drei Szenarios für den weiteren Unterricht unter Pandemiebedingungen entwickelt. 1. Regelbetrieb ohne Abstandsgebot, 2. eingeschränkter Regelbetrieb mit Abstandsgebot, 3. temporäre Schulschließung. Wie die Entwicklung seit Schulbeginn zeigt, müssen alle Schulen sich auf die Szenarien 2 + 3 vorbereiten.

Unabhängig von der absolut wichtigen Diskussion um Sinn und Unsinn der Digitalisierung und Mediennutzung ist es meines Erachtens auch an Waldorfschulen notwendig, die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für virtuellen Unterricht zu schaffen, sofern dies nicht bereits geschehen ist. Der Digitalpakt bietet die Chance für eine adäquate Ausstattung der Schulen und Schüler. Lehrer brauchen nicht alles, was technisch machbar ist, aber zumindest die Möglichkeit, gesicherte und störungsfreie Videokonferenzen untereinander und mit den Schülern und Eltern durchzuführen.

Es ist zweifelsohne Mehraufwand, auch die Situation in den Elternhäusern hinsichtlich der vorhandenen Hard- und Software abzufragen und sich bei Bedarf um Unterstützung zu bemühen. Dies ist aus meiner Sicht jedoch unerlässlich, damit alle Schüler auch in Szenario 3 die angestrebten Lernerfolge erzielen können. Alle Lehrer sind außerdem gut beraten, Materialien für den virtuellen Unterricht vorzuhalten und neue Formate wie z.B. digitale Zusammenarbeit an Dokumenten und virtuelle Gruppenräume für die Schüler zu testen. Ein Stufe aufwändiger wäre sicher noch, eigene Versuchsvideos zu drehen. Das könnte gerade jetzt während der Präsenzphase mit Hilfe technisch versierter Schüler erfolgen.

Wir wissen, wie wichtig die Beziehung zwischen uns und den Schülern für deren Lernerfolg und persönliche Entwicklung ist. Lassen wir also nicht zu, dass diese Beziehung unter Umständen leidet, die wir positiv beeinflussen können. Gerade wegen der für viele Familien schwierigen Bedingungen müssen wir diese Beziehung kontinuierlich pflegen, auch mit modernen Mitteln und Methoden. Nützen wir unsere »analoge« Erfahrung und Phantasie, um für alle Szenarien attraktive Lernangebote bereitzustellen. Dann wird – so abgedroschen es klingen mag – aus der Krise eine Chance, die der Reifung der Persönlichkeiten dient, unsere eigene eingeschlossen.

Zum Autor: Dr. Christoph Hartmann ist Teilzeit-Oberstufenlehrer für Physik, Chemie und Feldmessen an der Freien Waldorfschule Trier, selbständiger Diplom-Geoökologe und Lehrbeauftragter an der Universität Bayreuth.

Quelle: Hygieneplan-Corona für die Schulen in Rheinland-Pfalz, 5. überarbeitete Fassung, gültig ab 17.8.2020 und, darauf aufbauend: Hygieneplan der Freien Waldorfschule Trier

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