Corona Krise – eine Entwicklungschance!?

Von Christian Boettger, Januar 2021

Worauf weist uns die Zeit-Situation an den Waldorfschulen hin? – Können aus der Krise Perspektiven gewonnen werden, die Waldorfpädagogik des 21. Jahrhunderts weiter zu entwickeln? Die zahlreichen Rückmeldungen in der Zeit des Shutdowns, der Wiedereröffnung der Schulen und der immer stärker sich polarisierenden Stimmung der letzten Monate weisen auf fünf zentrale Punkte, die als Anregungen dienen können.

1. Immer wieder erreichen den Bund der Freien Waldorfschulen Anfragen von einzelnen Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder auch Schulleitungen, die uns um Regeln und Leitlinien bitten – oft verbunden mit der Hoffnung, dass vom Bund vorgegebene Regeln die staatlichen Regelungen und Vorgaben, die als nicht angemessen empfunden werden, aufheben könnten.

2. Während des Shutdowns im Frühjahr 2020 wurden von heute auf morgen Treffen von Kollegen in Konferenzen untersagt, mit dem Ziel, die Kontakte der Menschen untereinander zu reduzieren. Dadurch konnte vielfach zunächst keine rechtzeitige Absprache untereinander stattfinden. Diese Situation weist auf einen Schwachpunkt unserer Selbstverwaltung hin.

3. Schnell wurde deutlich, dass die von allen Seiten gut gemeinten Arbeitsblätter und Hausaufgaben nicht das geeignete Mittel waren, um eine günstige Lernsituation mit den Schülern herzustellen. Insgesamt wurde zu viel und zu unkoordiniert Stoff in Form von Hausaufgaben gegeben. Auch die vielfältigen Ansätze mit Online-Unterrichtsangeboten zeigten oft nicht die erhoffte Wirkung und führten zu einer bemerkbaren Überforderung der Schüler, Eltern und Lehrkräfte.

4. Es zeigte sich, dass die Schüler an vielen Stellen kein eigenverantwortliches Arbeiten gewohnt sind. Es gab insgesamt zu selten Kontakt zu den Lehrkräften und es wurde bei der Bewältigung der Aufgaben das Fehlen von Atem und Vielfältigkeit bemängelt.

5. An vielen Stellen wurde darauf hingewiesen, dass der Kern der Waldorfpädagogik vollkommen in Vergessenheit zu geraten drohe und stattdessen insbesondere das kognitive Lernen in den Vordergrund getreten sei. Andererseits wurden an vielen Orten kreative Ideen entwickelt, es gab Beispiele des Gelingens und Berichte von vorbildlich gemeisterten Situationen. Auf einer Kollegiums-Tagung zu Beginn des Schuljahres in der Waldorfschule Emmendingen habe ich anhand dieser fünf zentralen Problempunkte dargestellt, dass schon im Ansatz der Waldorfpädagogik und der Gestaltung des Schullebens nach ihren Ideen die Wurzeln für eine Pädagogik des 21. Jahrhundert liegen. Sie ist in ihrem Kern eine Einrichtung für lernende Individuen in einer lernenden Organisation. Meine Intention ist es hier, erkenntnisleitende Ideen und hilfreiche Anregungen zu geben, um das »Immunsystem« der Waldorf-Einrichtungen zu stärken.

Was können wir anders machen?

1. Die Waldorfschule war von Anfang an als ein autonom handelnder Organismus konzipiert. Die pädagogischen Ideen der Lehrer sollten aus der konkreten Beziehung mit den ihnen anvertrauten Schülern entstehen. Die jeweilige Schule muss dieses Ideal verfolgen und zugleich einen beweglichen Umgang mit den staatlichen Regelungen und Gesetzen entwickeln. Dazu sollten die Lehrer sich selbst organisieren und jede Tätigkeit voll verantworten. Insofern sind auch nicht an erster Stelle die »Regeln« des Bundes der Freien Waldorfschulen wichtig, sondern die vor Ort im Wissen um die konkreten Schüler mit den Kollegen fantasievoll entwickelten und abgestimmten Regeln.

2. In den letzten Jahrzehnten wurden immer wieder die großen und oft erstarrten Konferenzen in Frage gestellt. Wenn wir uns in kleinen Teams um die jeweiligen Lerngruppen oder auch Klassen organisieren würden, könnten diese Teams von etwa drei Lehrkräften pro Klasse die gestalterische Verantwortung übernehmen (also zehn bis zwölf Schüler pro Lehrperson), sowohl für die Einzelbetreuung als auch für die Individualisierung des Lehrplans und darüber hinaus für Projekte, die im Falle einer Schulschließung von den Schülern selbstverantwortet durchgeführt werden können. Die Teambildung für eine konkrete Schülergruppe beinhaltet einen Paradigmenwechsel, weg von der Priorität der Fächer, hin zu einer Priorisierung der Beziehung. In diesem Ansatz liegt viel Potential, der es ermöglichen könnte, eigene Ideen kollegial zu entwickeln.

3. Damit ist auch schon der Übergang zu der Lösung des dritten Problems möglich. Ein solches Lehrer-Klassenteam kann schon vor dem Auftauchen von Kontaktbeschränkungen zusammen mit den Klassenlehrern bzw. den Klassenbetreuern die wesentlichen Themen und prinzipiellen Verantwortlichkeiten festlegen. Diese können dann im Falle eines Lockdowns mit wenig Aufwand aufgegriffen und von einer ganzen Klasse oder im Idealfall sogar individuell bearbeitet werden. Hier gilt das Prinzip: Weniger ist mehr. Im Falle eines Lockdowns müsste die Themenvielfalt aus dem Begegnungsunterricht reduziert werden.

4. Eines der äußeren Hauptmerkmale der Waldorfpädagogik ist die Beschäftigung mit den zentralen Stoffgebieten in Epochen. Wäre es nicht in Zeiten der Kontaktbeschränkung für den Lernerfolg der Schüler das Beste, wenn man sich auf Projekte beschränken würde, die entweder allein oder – falls möglich – in kleinen Teams bearbeitet werden? Selbstverantwortete Projekte, die die Schüler selbst ausgewählt haben und die von den Lehrkräften begleitet werden, wären der »Lern-Königsweg« der Waldorfpädagogik in Zeiten des Shutdowns oder von Klassenschließungen.

5. Wenn immer wieder bemängelt wurde, dass man unter den aktuellen Bedingungen keine Waldorfpädagogik mehr machen könne, stellt sich die Frage, welches Bild wir eigentlich von dieser Pädagogik haben. Führen uns die vielen liebgewordenen Traditionen – wie zum Beispiel die Länge des Hauptunterrichts, der einzelnen Unterrichtsstunde oder einer Epoche – in die Zukunft? Zentral für die nächsten Jahre ist der Blick für die tieferen oder höheren Entwicklungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen und nicht das, was wir als Erwachsene liebgewonnen haben, wie zum Beispiel das große Fächerspektrum oder die von Lehrern geforderten Arbeitsvoraussetzungen. Wichtig ist es, den Kindern und Jugendlichen Entwicklungszuversicht und Lebensfreude zu vermitteln, denn sie haben sich für ein Leben auf dieser Erde und zu dieser Zeit entschieden – wie auch ihre erwachsenen Begleiter, die ebenfalls in diese Zeit hineingeboren wurden, um unter den Bedingungen dieser Welt in der Begegnung mit den Kindern die Ideen für eine Bildung von morgen zu entwickeln.

Zum Autor: Christian Boettger ist Leiter der Pädagogischen Forschungsstelle und Geschäftsführer im Bund der Freien Waldorfschulen.

Hinweis: Einen Vortrag zu diesem Thema finden Sie verbunden mit einem Kursangebot von #waldorflernt unter www.e-learningwaldorf.de

Kommentare

Beate Schneider-Hättich, Offenburg, 26.01.21 09:01

Hallo Christian,
ich wollte dir rückmelden, wie wertvoll ich diese Aussagen in der heutigen Zeit finde. Ich bin unendlich dankbar für jede Stimme, die sich positiv der Zukunft zuwendet und die Bereitschaft zeigt, sich dem Wandel mit Bewusstsein und Herzenskraft zuzuwenden. Ich sehe eine große Chance und würde mir von Herzen wünschen, dass die Waldorfbewegung diese ergreift. Immer mit dem Blick auf die jungen Seelen, die von uns in dieser Zeit etwas fordern und begleitet sein wollen.
Danke!

Folgen