Dankbar ohne Druck

Von Michael Ritter, Dezember 2011

Zu Henning Köhlers Kolumne »Dankbarkeit« in Erziehungskunst, September 2011

Henning Köhlers Kolumne ist immer wieder aufs Neue ein Lesegenuss. Eloquent, wortgewandt, poetisch, versteht er es, Sachverhalte auf einer tiefen Ebene verständlich zu machen. Aber gerade weil seine Beschreibungen tief wirken können, möchte ich zu seiner Kolumne »Dankbarkeit« Folgendes zu bedenken geben. Köhler schreibt: »Die Kinder geben uns mehr als wir ihnen« und zitiert Korczak, der meint, wer das nicht verstehe, »kann kein Erzieher sein«. Kinder geben mitnichten, wie Köhler meint, ihr vollstes Vertrauen in eine Beziehung hinein. Wenn das so wäre, hätte die oft vertretene Auffassung, der Lehrer müsse sich den Respekt (das Vertrauen) des Kindes verdienen, keinen Sinn. Auch aus der Praxiserfahrung kann ich sagen: Wenn Kinder in einem ehrlichen und offenen Umfeld leben, dann vertrauen sie sehr schnell. Wenn nicht, dann können sie sich sehr effektiv verschließen.

Da Kinder sich so selbstlos einbringen, argumentiert Köhler weiter, schulden wir den Kindern Dankbarkeit. Kann man Dankbarkeit schulden? Wie weit kam unser Erziehungssystem bisher mit Schuldeinforderungen? Mit anderen Worten: Kann man Dankbarkeit fordern?

Wenn ich in der Schuld bin, könnte der Druck aufkommen, diese Schuld ausgleichen zu müssen. Kann das ehrlich sein? Welchen Handlungsantrieb möchte ich ansprechen?

Schuld vermittelt Druck und spricht die Angst an. Verantwortung für die eigene Entwicklung wäre für mich die passendere Aussage, damit Dankbarkeit dem Kind gegenüber keine Pflichtübung wird, sondern ein natürlicher Zustand ist. Potenziell sehr drucklastig ist auch die angeführte Äußerung Steiners. Hier soll die Stimmung dem Kinde gegenüber bis ins Religiöse gesteigert werden. Wer legt fest, ab wann eine Stimmung religiös ist? In welcher Situation und wie lange sollte dieses Gefühl bestehen? Reicht Liebe nicht aus? Was ist mit anderen Gefühlen wie: ärgerlich sein, vielleicht gar wütend sein, genervt, verletzt, traurig, enttäuscht, frustriert, erschöpft sein – gelten auch die als religiös?

Aus langjähriger therapeutischer Arbeit (sehr oft mit Kindern), als Vater von drei Kindern sowie als Mitglied und Verfechter alternativer Kindergärten und Schulen weiß ich, dass im Grunde jeder Mensch gut sein möchte. Gerade in Gemeinschaften, deren Mitglieder um eine stete Entwicklung ihres Bewusstseins bemüht sind, gibt es enorm hohen Anspruch, gut, ja perfekt zu sein.

Wenn nun die Rede von »schulden«, »religiöse Stimmung« und »müssen« ist, dann führt das erfahrungsgemäß zu einem enormen sozialen Druck, dieser Anforderung möglichst immer zu entsprechen. Wenn Gefühle nicht mit religiöser Dankbarkeit übereinstimmen, ja sie sich geradezu entgegengesetzt gebärden, was dann? Hier taucht häufig ein nicht zu unterschätzender Konflikt auf: Man will, soll und möchte dankbar sein, fühlt aber völlig anders. Ihr Kind testet Grenzen aus und möchte nichts sehnlicher als eine klare Ansage. Ihre erste Reaktion: Sie möchten eine eindeutige Grenze setzen, machen aber ein Rückzieher, da ihre momentanen »negativen« Gefühle nicht mit ihrem Bild von Religiosität übereinstimmen.

Was ist, wenn der mental herbeigeführte Perspektivwechsel die Gefühlslage nicht dauerhaft ändert? Spätestens jetzt setzt ein Anpassungs-, und Abwehrmechanismus ein, damit man trotz eines Konfliktes alltagsfähig bleibt. Sehr häufig anzutreffen ist der als »reifer Mechanismus« bezeichnete Altruismus (Selbstlosigkeit). Wenn das eigene Selbst nicht so fühlen will, wie es die pädagogische (gesellschaftliche) Richtschnur vorgibt, dann besteht der altruistische Weg darin, dieses Selbst loszuwerden. Der Altruist wird angeben, weitgehend erhaben über selbstgefällige Egoismen zu sein, sie überwunden zu haben und dadurch in einer vollkommeneren Bewusstseinssphäre zu leben. In Wahrheit gibt der Altruist seine authentischen Reaktionen zugunsten religiöser Stimmungen auf. Hierfür müssen die Gefühle moralisch bewertet werden. »Schlechte« Gefühle werden reflexartig ausgesondert. Nun ist aber allgemein bekannt, dass genau das bestehen bleibt, dem ich mich (etwa durch Verdrängung) widersetze. Die Lösung wäre aber Integration und nicht Aussonderung.

Ich habe oft festgestellt, dass Krankheiten aus unterdrückten Gefühlen entstehen, vor allem aus unterdrückten, altruistisch gezügelten Aggressionen. Ich stimme Köhler grundsätzlich zu, dass Dankbarkeit ein erstrebenswerter Zustand ist. Aber er sollte echt sein und zwanglos von innen kommen. Druck und Zwang, auch im besten Sinne, können sehr subtil zu altruistischen Tendenzen führen. Und wenn Selbstlosigkeit (welch unmögliches Unterfangen!) praktiziert wird: Wie kann ich anderen Wesen gegenüber wahrhaft dankbar sein, wenn ich es meinem Selbst gegenüber definitionsgemäß nicht sein kann? Dankbarkeit sowie alle anderen Gefühle und moralischen Maßstäbe, sollten immer im eigenen Selbst beginnen. Getreu dem Motto: Liebe deine Nächsten, wie dich (dein) Selbst.

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