Das Buch der Grammatik

Von Brighid Schottmann, Februar 2013

In den gegenwärtigen Diskussionen um die Sprachkompetenz als fundamentale Schlüsselqualifikation wird auch über die Rolle des Grammatikunterrichts neu nachgedacht. Hier kann das Buch der langjährigen Waldorfpädagogin Helga Lauten neue Impulse und wichtige Hinweise geben. In ihre Betrachtungen bezieht die Autorin nicht nur Äußerungen Rudolf Steiners ein, sondern berücksichtigt auch die altbewährten Sprachlehrbücher von Martin Tittmann und Erika Dühnfort. Sie geht allerdings neue Wege, indem sie auf den spätantiken und mittelalterlichen Bildungskanon, die sogenannten Sieben Freien Künste, zurückgreift, dessen Grundlage das Trivium, also die drei Sprachkünste Grammatik, Rhetorik und Dialektik, bildete. Diese findet sie im Bildungskonzept der Waldorfpädagogik wieder. In umfangreichen Betrachtungen zur Ausbildung des Sprachbewusstseins zeigt sie, wie bei den Kindern und Jugendlichen stufenweise zunächst »ein Gefühl für die Grammatik, die Schönheit und die Macht der Sprache« entwickelt werden muss, damit sich auf diesem »Herzensgrund« das »dialektische Element« entfalten und der Weg vom Sprechen zum Denken betreten werden kann.

Auch hier geht Helga Lauten von ungewohnten Überlegungen aus: Neun Gesichtspunkte sind es, durch die das gesamte Beziehungsgeflecht eines Geschehens gedanklich gekennzeichnet werden könne: Ort, Zeit, Art und Weise, Grund, Mittel, Absicht, Bedingung, Einräumung, Folge. Sprachliche Orientierungspunkte sind die sogenannten Partikel, das heißt, die Gesamtheit der undeklinierbaren Wortgruppen der Präpositionen, Adverbien und Konjunktionen. Trotz möglicher Mehrdeutigkeit sind es immer neun kategoriale Grundbegriffe, die aber jeweils einem Satz eine andere Nuance geben.

Dass diese neun grammatischen Kategorien letztlich in den neun Kategorien des Aristoteles begründet sind, ist eine weitere Entdeckung der Autorin. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass »der gesamte Kosmos der aristotelischen Seinskategorien als strukturierende geistige Ordnung unserer Sprache in den grammatischen Kategorien wirksam und lebendig« ist. Dieses »Weltenalphabet«, wie Rudolf Steiner die Kategorien einmal nennt, als spirituellen Daseinsgrund immer neu zu suchen und zu erfahren, sei Aufgabe des Erziehers, denn es gehe beim Sprachunterricht »niemals nur um die Aneignung von formalgrammatischem Wissen, sondern es geht in erster Linie um den geistigen Gehalt sprachlicher Erscheinungen«.

Was hier nur angedeutet werden kann, wird an einer großen und vielfältigen Fülle von Texten erarbeitet und gezeigt, so dass schon das Lesen dieses Buches nicht nur für Lehrer ein überraschungsreiches Vergnügen ist. Dem Lehrer wird auch das tabellarische Register im Anhang für das Auffinden der erwähnten grammatischen, rhetorischen und dialektischen Stoffe und Themen in Bezug zu den einzelnen Klassenstufen willkommen sein.

Helga Lauten: Die Macht der Sprache. Vom Lesen im Buch der Grammatik, geb., 178 S. mit Abb., EUR 24,80, Edition Wege, alcorde Verlag, Essen 2012 

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