Das Ende der Waldorfschule

Von Klaus-Peter Freitag, Oktober 2011

Jeden Morgen das Gleiche. Gymnasiasten in der Bahn auf dem Weg zu ihrer Schule: »Wie viele Notenpunkte hast Du?« Kein Wort über Inhalte, nur Noten.

Die Zeit, in der das Fundament für das weitere Leben gelegt wird, verbringen die jungen Menschen die meiste Zeit in der Schule. Kann das Ziel wirklich nur ein »Abschluss« sein?

Befragen Sie sich selbst, wie Ihre Schulzeit Sie geprägt hat. Was konnten Sie dagegen mit Ihrem Abschluss machen? In der Regel tauschen wir ihn nur gegen einen Ausbildungs- oder Studienplatz. Bildung hat aber einen »Nutzwert«, keinen »Tauschwert«.

»Nicht gefragt werden soll: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht; sondern: Was ist im Menschen veranlagt und was kann in ihm entwickelt werden«, schwebte Rudolf Steiner als Ziel der Bildung vor.

Haben wir heute schon ein Bild von dem, was in den einzelnen Schülern wirklich veranlagt, – heute würde man sagen – mit ihnen entwickelt werden kann?

Auch wir Waldorfpädagogen sollten nicht so tun, als würden wir immer wissen, wie wir gute Schule – gerade auch in der Oberstufe – machen können. Vieles von dem, was Steiner sich erhofft, oder erträumt hat, muss von uns überhaupt noch entdeckt und entwickelt werden.

Es reicht nicht, wenn Ehemalige sich an die Klassenfahrten, die Klassenspiele und Jahresarbeiten erinnern. Diese stellen zweifelsohne Höhepunkte dar, aber nur einen kleinen Teil des alltäglichen Unterrichts.

Die Abschlüsse mit ihren Prüfungen sind nicht generell das Problem. In der Regel ist es sogar gut, wenn Schüler, wie Erwachsene auch, sich messen können. Wenn jedoch Abschlüsse ausschließlich Ziel und Wegbestimmung sind, dann würde Schule allgemein ihren Sinn verfehlen.

Alle Überlegungen zur Gestaltung des Abschlusses – wir sprechen hier auch lieber von »Aufschlüssen« – müssen zum Ziel haben, pädagogische Freiheit in der Gestaltung und Begegnung zu ermöglichen.

Auch Waldorfschulen kommen nicht ohne Abschlüsse aus. Ein eigener Abschluss, der staatlicherseits anerkannt und zum Beispiel als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt wäre, ist in Deutschland in absehbarer Zeit nicht zu realisieren. Daher wird zurzeit versucht, durch die Konzeption eines »European Diploma of Secondary Education«, wie es in England auf den Weg gebracht wurde, ein Tor, auch für eine formale Anerkennung zu öffnen. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Projekte, die mit den Portfolioansätzen arbeiten. Das europäische Projekt »European Portfolio Certificate (EPC)« und das Projekt »Abschlussportfolio der Schulen in NRW«. – Dabei geht es in erster Linie um Befähigungsnachweise, nicht um Zugangsberechtigungen.

Gleich, welchen Abschlüssen man sich stellt, das Entscheidende wird sein, ob man zu den Schülern und für sie steht und mit ihnen gemeinsam lernend einen wesentlichen und prägenden Lebensabschnitt beschreitet. Dann ist auch das Ende der Waldorfschule nicht das Ende der Waldorfschule.

Zum Autor: Klaus-Peter Freitag ist Oberstufenlehrer für Mathematik und Philosophie und Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen

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