Das Internet als Spiegelungsorgan

Von Andreas Neider, November 2014

Gegenwärtig arbeiten Computerentwickler daran, die dem Internet zugrunde liegende Technologie immer mehr dem menschlichen Organismus anzupassen. Neuromorphe Computerchips sollen Nervenzellen nachbilden und eine neue Ära der Informatik einläuten.

Foto: © Charlotte Fischer

Aus der Medizin ist bekannt, dass sowohl in unserem Gehirn wie im übrigen Nervensystem elektrische Ströme, sogenannte Aktionspotenziale aufgebaut und weitergeleitet werden. Diese sind mittels EEG oder EKG messbar. Fließt Strom, wird im Körper eine Botschaft übermittelt, die entsprechende chemische Reaktionen auslöst; fließt kein Strom, so ist auch das eine Botschaft, und es findet keine chemische Reaktion statt. Unser gesamtes Nervensystem ist durchzogen von solchen Strömen. Durch sie werden einerseits die Reize der Außenwelt, die über die Sinnesorgane aufgenommen werden, an das Gehirn weiter vermittelt. Andererseits werden über die Nervenbahnen und Nervenzellen die Bewegungen des muskulären Apparates koordiniert und auf die Sinnesreize abgestimmt.

Einer der Pioniere der Computertechnik in Amerika, John von Neumann (1903-1957), hatte diesen Zusammenhang bereits in den 1950er-Jahren entdeckt und sein Vorgehen bei der Entwicklung der Computer wie folgt beschrieben: »Beim Entwurf der Maschine versuchten meine Mitarbeiter und ich, einige der bekannten Vorgänge im lebenden Gehirn zu imitieren. Dieser Aspekt veranlasste mich, mich mit Neurologie zu beschäftigen […] und endlich Vorträge über die Möglichkeiten zu halten, ein stark vereinfachtes Modell des lebenden Gehirns für von Menschen zu bauende Maschinen zu kopieren.« Ebenso wie im Nervensystem bildet auch im Computer die Polarität Strom – Nichtstrom die Grundlage jeglicher Informationsübermittlung, wobei im menschlichen Organismus noch ein gehöriges Maß an Chemie, sogenannte Botenstoffe oder Neurotransmitter, eine Rolle spielen. Wir haben es bei der technologischen Grundlage des Internets also mit einer Kopie unseres Nervensystems und unseres Gehirns zu tun.

Unser Gehirn als Beziehungsorgan

Worin aber besteht das Problem? Der Siegeszug dieser Technologie und ihres am weitesten verbreiteten Mediums, des Internet, ist die unmittelbare Folge einer materialistischen Sicht der Naturwissenschaft auf den Menschen und sein Gehirn. Was aber besagt die materialistische Sicht? Unser Gehirn sei die Ursache alles dessen, was wir als Seelisches und Geistiges erleben. Es gebe folglich kein vom Leib unabhängiges Seelisches, alles das beruhe einzig und allein auf materiellen (biochemischen) Vorgängen und habe unabhängig von diesen keinerlei Existenz, sprich, es ende mit dem Tod – der Stecker wird gezogen.

Wenn es ein vom Leib unabhängiges Seelisches, ein Ich, aber nicht gibt, wieso können wir dennoch davon sprechen, wir seien ein Ich? Kann ein Ich von sich behaupten, dass es nicht existiert? Das geht nicht! Entweder gibt es mich, dann kann ich auch von meiner Existenz sprechen, oder es gibt mich nicht, dann kann ich auch nicht behaupten, ich würde existieren. Rein logisch ist die Auffassung der Naturwissenschaft, ein Ich gebe es nicht, nicht haltbar.

Das Problem liegt an anderer Stelle, nämlich in der Annahme, alles Seelische, auch das Ich, müsste ausschließlich mit dem Gehirn zu tun haben. Diese Beschränkung verhindert den Blick auf das eigentliche Verhältnis, das der Mensch als Ich zu seinem Leib hat. Dieser besteht bekanntlich nicht nur aus dem Gehirn, er ist auch nicht einfach nur ein fester, physikalischer Körper. Vielmehr ist ein großer Teil des Körpers gar nicht fest, sondern flüssig und steht überdies über das Medium der Luft mit seiner Umwelt in beständigem Austausch. Das Gehirn ist auch kein isolierter Bestandteil des Leibes, sondern steht mit dem übrigen Organismus in beständigem Austausch. Es ist keine Rechenmaschine, wie dessen technologische Kopien glauben machen, es ist ein Beziehungsorgan.

Wer hinterlässt die Spuren?

Begreift man den Leib als Ganzes, dann erkennt man die Grundlagen der verschiedenen Äußerungen unseres Ich in Denken, Fühlen und Wollen in der leiblichen Dreigliederung von Nerven-Sinnessystem, rhythmischem System und Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Das Gehirn bildet einen Spiegel, in dem sich das Ich bewusst erfassen kann, indem es sich seinem Spiegelbild gegenüberstellt.

Das Gehirn in seiner Spiegelfunktion verkennen und es vom übrigen Leib abtrennen bedeutet aber zugleich, dass man den Menschen auf die materielle Funktionsweise des Gehirns beschränkt, so als wollte man beim Lesen von Spuren im Sand behaupten, der Sand habe diese Spuren aus sich heraus erzeugt, anstatt zu suchen, wer denn da die Spuren im Sand hinterlassen hat.

Begreift man also den Menschen, wird man auch die Technologie des Internets anders begreifen, nämlich als eine gigantische Erweiterung der Spiegelfunktion unseres Gehirns. Und wie sich am einzelnen Gehirn und dem dazugehörigen Leib ein Ich erleben kann, so könnte sich am Medium des Internet die Menschheit als Ganzes besser begreifen lernen, anstatt sich mehr und mehr in diesem Medium zu verlieren und sich an es zu fesseln.

Zum Autor: Andreas Neider leitet die Kulturagentur »Von Mensch zu Mensch«. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Medien.

Literatur: Zeitschrift Gehirn und Geist, 9/2014, S. 56 ff.; John von Neumann: Die Rechenmaschine und das Gehirn, München 1991;

Andreas Neider: Aufmerksamkeitsdefizite. Wie das Internet unser Bewusstsein korrumpiert und was wir dagegen tun können, Stuttgart 2013;

Rudolf Steiner: Der elektronische Doppelgänger, hrsg. von Andreas Neider, Basel 2012; Thomas Fuchs: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan,

Stuttgart 2008; Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln, GA 21, Dornach 1983

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