Das menschliche Immunsystem

Von Volker Fintelmann, Januar 2021

Eine der vielen Gaben der Schöpferkräfte für den Menschen bezeichnen wir mit einem abstrahierenden Begriff als Immunsystem, ohne uns der Besonderheit und Großartigkeit dieser vielfältig gestalteten Organisation bewusst zu sein.

Das Immunsystem ist kein biochemischer Mechanismus, sondern reagiert empfindsam auf Eindrücke und wird von unseren Vorstellungen, Gefühlen und Willensimpulsen beeinflusst. Die Steuerung der Immunorganisation erfolgt jedoch ganz aus unserer individuellen Präsenz – aus unserem Ich – heraus, und trägt so zur leiblichen Identitätsbildung und Immunität bei; idealerweise geschieht dies durch unser ganzes Leben hindurch.

Das Immunsystem ist Instrument und Werkzeug der Individuation von Leib und Seele. Das ahnt sogar die sogenannte – materialistisch geprägte – Schulmedizin, wenn sie von einer Psycho-Neuro-Immunologie spricht. Auf den Punkt brachte es der schwedische Immunologe Hans Wigzell auf einem Kongress 1994 in Järna (Schweden), als er seinen wissenschaftlichen Vortrag zum Immunsystem mit den Worten zusammenfasste: »Alle Fakten unseres Wissens über das menschliche Immunsystem beweisen, dass jeder Mensch sein einzigartiges Immunsystem hat, von dem es keine Kopie gibt.« Ein grandioser Satz!

Doch die praktische Wirklichkeit in der Medizin sieht anders aus. Sie handhabt das Immunsystem als einheitlichen Automatismus ohne jede Differenzierung in der Therapie oder den in Organe und Organsysteme gegliederten Organismus. Alle Fragen der Immunologie sind jedoch nur wirklichkeitsgemäß zu beantworten, wenn man sie mit der vom Ich geprägten Individualität verbindet.

Vom Modell-Leib zum Individual-Leib

Das anthroposophische Menschenbild geht davon aus, dass jeder Mensch seinen Lebensweg aktiv mitgestaltet und sich schon vor seiner Geburt bereits mit sozialen und geistigen Gesetzmäßigkeiten auseinandersetzt. Dieser wesensbildende Prozess findet seinen Abschluss in der Konzeption und der Verbindung mit dem elterlichen Keim. Die von den Eltern erblich zur Verfügung gestellte physische Leiblichkeit ermöglicht es, dass wir als geistige Individualität physisch erscheinen. Dieser »Modellleib« wird nun von der Individualität schrittweise ergriffen. Im Laufe der Kindheit werden nacheinander – in Siebenjahreszyklen – die im Leib wirksamen Vererbungskräfte abgebaut und individualisiert. Am deutlichsten kann dies am Anfang und am Ende der Pubertät wahrgenommen werden, die mit der »Geburt der Seele« sowie den damit verbundenen Hochs und Tiefs beginnt und mit der selbstbestimmten Verantwortung der Volljährigen endet. Nun kann die Seele dem Ich »dienen«, indem dieses vor allem im vierten Jahrsiebt ein eigenverantwortliches Denken, Fühlen und Handeln (Wollen) ausbildet, bis hin zu der Fähigkeit eines künstlerischen Empfindens und gedanklichen Vertiefens, sodass wir sagen können: Mit 28 Jahren hat der Mensch idealerweise seine leiblich-seelische Identität und auch Immunität voll ausgebildet. Jetzt ist er mit allen Konsequenzen eigenständig und unabhängig von weltlichen und geistigen Autoritäten, die ihn bis zu diesem Lebensalter führten und prägten. Er ist nun ein voll manifestiertes leiblich-seelisches »Selbst«.

Wie arbeitet und »funktioniert« das Immunsystem?

Als vor etwa 40 Jahren die Wissenschaft der Immunität des Menschen, die Immunologie, die öffentliche Bühne der Medizin in Kongressen und wissenschaftlichen Zeitschriften betrat, tat sie dies mit dem Lehrsatz oder Paradigma: »Das Selbst erkennt alles Nicht-Selbst«. Und meinte damit: Ein Immunsystem – ein Selbst – erkennt die nicht zu dem eigenen Organismus zugehörigen, fremden Keime und Substanzen als »Nicht-Selbst«.

So verwandelt das Immunsystem das Fremde leiblich durch Verdauung, seelisch durch Lernen und die Kräfte der Sympathie (Nähe) und Antipathie (Distanz) zu Eigenem. Verdauen und Lernen sind verwandte, lebenslang praktizierte Tätigkeiten.

Die Verdauung von Fremdem ist eine Haupttätigkeit der Immunorganisation. Das geschieht auf leiblich-zellulärer Ebene, in der Hauptsache durch die Makrophagen, die sogenannten Fresszellen. Sie tragen ein hohes Unterscheidungsvermögen in sich, ob das aufgenommene Fremde, sei es als Stoff oder seelischer Eindruck, für den Organismus nützlich oder schädlich ist. In ersterem Fall verwandeln sie es so, dass es als Fremdes überwunden, zu Eigenem verwandelt und in den Organismus integriert wird; im letzteren Fall so, dass es rasch wieder ausgeschieden wird. An diesen Verdauungsvorgängen sind zahlreiche Organfunktionen beteiligt.

Im Märchen vom Aschenputtel heißt dieses Vorgehen »die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen«. Diese Verdauungsvorgänge können durchaus als aggressiv und radikal erlebt werden, sie sind kein verständnisvoller oder freundlicher Vorgang. Deshalb nennt die Schulmedizin einen anderen, daran beteiligten Zelltypus »killercells«. Im weisheitsvollen deutschen Sprachgut haben wir hierfür auch den Ausspruch »Ich habe dich zum Fressen gern«. Denn es sind die seelischen Kräfte der Sympathie, die hierbei wirksam sind und das leibliche Geschehen intendieren.

Die Antipathie zeigt sich in der Immunorganisation dagegen in ganz auf das fremde Agens spezifizierten Gegenmaßnahmen, die es wirkungslos oder unschädlich machen. Die Schulmedizin spricht von einer »Antikörper«-Bildung.

Wir müssten aus ganzheitlicher Sicht auf den Menschen dafür einen ergänzenden Begriff finden – zum Beispiel »Antiseelen-Bildung«. Denn alle Immunvorgänge sind auf Fremdes bezogen, ob leiblich-körperlich oder rein seelisch. Jeder Mensch weiß durch Selbstbeobachtung, dass er auch seelische Eindrücke oder Einflüsse verdauen muss, was wiederum heißt, sie sich zueigen zu machen oder auszuscheiden. Auf keinen Fall dürfen sie abgelagert oder verdrängt werden. Bei der »Antikörper«- oder »Antiseelen«-Bildung waltet eine hohe, selektiv wirkende Intelligenz  – ein analytisches Erkennen, um welchen Stoff oder welchen Seeleneindruck es sich handelt und auf welche Art diese zu beantworten sind. So entstehen spezifische Gegenreaktionen, die sich mit dem Gedächtnis verbinden, um bei erneuter Begegnung die richtige Antwort sofort parat zu haben. Alle Vorgänge sind feinst- oder auch unstofflicher Art und nur indirekt als Reaktionen nachzuweisen. Diese Antipathiekräfte der Immunorganisation sprechen sich auch wie bei der Sympathie in einer volkstümlichen Weise aus: »Ich kann dich nicht riechen«! In der Tat sind die Sinnes-tätigkeiten von Schmecken und Riechen federführend für beide Immunfelder, getragen von ihren Organen Leber und Nieren.

Es gibt also zwei Arbeitsfelder des Immunsystems, die auch als natürliche (archaische) und erworbene (spezifische) Immunität bezeichnet werden. In ersterer waltet tiefe Weisheit, in letzterer hohe Intelligenz, verbunden mit einer hohen Präsenz als Ausdruck der Ich-Tätigkeit, die auch wacht, wenn der Mensch schläft. Dass der ganze Organismus bis in jede einzelne Zelle ich-geprägt »individuell« ist, hat wie ein großes Experiment die Organ-Transplantationsmedizin bewiesen. Diese kann nur erfolgreich praktiziert werden, wenn das Immunsystem durch Medikamente massiv unterdrückt, das heißt, in seiner Präsenz gehemmt wird. Ohne diese Manipulation würde das verpflanzte Organ sofort als fremd erkannt und abgestoßen werden, was nicht selten auch trotz aller Immunsuppression geschieht.

Schulung und Gefährdung des Immunsystems

Das bisher Dargestellte lässt erkennen, dass wir kein fertiges Immunsystem haben, das wie ein Automat ohne unser Zutun funktioniert, sondern dass wir es erst über einen langen Zeitraum bilden und darüber hinaus lebenslang pflegen müssen. Da es dem Ich in seiner Individuationstätigkeit als Werkzeug und Instrument dienen soll, muss es den jeweiligen Bedingungen wie Lebensalter, Umwelt und der Ich-Reife angepasst werden. So verändert sich das Immunsystem im Laufe des Lebens fortwährend, auch wenn es seinen ursprünglichen Typus beibehält. Alles, was auf das Ich wirkt, nimmt Einfluss auf das Immunsystem, fördernd oder hemmend.

Im Vordergrund aller fördernden Einflüsse muss der Blick auf das Ich, das heißt, auf die konkrete Persönlichkeit als Ausdruck der in ihr tätigen ewigen Individualität, gerichtet werden. Damit wird deutlich, welch hohen Einfluss in den ersten zwei Jahrsiebten die Erziehung durch Eltern und Lehrer hat, die als nachahmenswerte Vorbilder wirken sollen. Erziehung ist Entwicklungskunst, ja auch Heilkunst, wie Rudolf Steiner es im Zusammenhang mit Vorträgen für Ärzte und Theologen aussprach. Auch alle Ernährungsvorgänge bedeuten intensive Schulung des Immunsystems, wobei hier die Natur der Lehrer ist. Das gilt auch für Arzneimittel und Krankheiten, an denen das Ich sich – diese überwindend – in seinem Immunitätsstreben schulen kann. Es ist ein Kardinalfehler der Schulmedizin, die Entwicklungsmöglichkeiten der sogenannten Kinderkrankheiten nicht zu erkennen und sie stattdessen durch Impfstrategien ausmerzen zu wollen. Auch Fieber schult die Immunität, ist Ausdruck intensivierter Ich-Tätigkeit im Individuationsbestreben. Es sollte aufmerksam begleitet, jedoch keineswegs unterdrückt oder gar ausgelöscht werden.

Wobei wir schon bei den vielfältigen Gefährdungen in der Ausbildung und Erhaltung eines gesunden, präsenten Immunsystems sind. Grundsätzlich gesagt: Alles, was Ausbildung und Dasein einer freien, individuell geprägten Ichtätigkeit hemmt oder gar bekämpft, schwächt das Immunsystem.

Leiblich und seelisch kann da zu allererst auf die Wärmevorgänge geblickt werden, denn das Ich vermittelt sich Leib und Seele ausschließlich durch die Wärme. Wir können als wenige Beispiele auf Frustration (Coolness) statt Begeisterung schauen, auf eiskalte Getränke statt warmer Tees, auf wärmende Ernährung statt (kältendem) Fast-food, und nicht zuletzt auf die alles durchdringende medial-virtuelle Welt, zu deren Wirkungen seelische Angst- und Kälteprozesse gehören. Und Angst kältet bis in die Knochen hinein! Jeder kann sofort die vielfältigen fördernden oder kränkenden Einflüsse auf das Immunsystem erkennen und die Verantwortung erfassen, welche wir für jeden einzelnen Menschen weltweit in dieser Frage haben, besonders natürlich mit Blick auf Kindheit und Jugend. An der extremen Zunahme chronischer Erkrankungen und immer seltener werdenden akuten, von Fieber begleiteten Krankheiten, auch an der Häufigkeit sogenannter Autoimmun- oder Autoaggressionskrankheiten lässt sich ablesen, wie durchgängig belastet, auch überfordert die Immunsysteme der Menschen sind, und wie notwendig es ist, Wirklichkeitsgemäßes über dieses wunderbare Instrument unserer Ich-Tätigkeit zu wissen.

Corona-Pandemie und Immunsystem

Das bisher Erfahrene bei an Covid-19 Erkrankten scheint zu zeigen, dass das Immunsystem eher übermäßig reagiert. Das erklärt auch, warum mit dem Kortisonpräparat Dexamethason scheinbar positive Wirkungen erzielt werden. Warum reagiert das Immunsystem so stark? Fühlt sich das Ich vom Virus direkt angegriffen, sieht es die von ihm erstrebte Individualisierung gefährdet? Als grundsätzliches Zeitphänomen kann das bejaht werden, denn alle Tendenzen drängen auf Uni- und Konformität, Kollektivismus statt Individualismus. Ein grundsätzlicher Angriff auf das Menschen-Ich kann so als zeittypisch erlebt werden. Wird das durch das neue Virus repräsentiert? Es hatte seinen Ursprung in einem Land, in dem extremer Kollektivismus verordnet ist und gelebt werden muss. Doch seine Besonderheit sehe ich vor allem in den Wegen, auf denen es sich dem Menschen nähert. Das geschieht durch die Atmung vermittels der Luft als Träger (Aerosole). Und Atmung meint hier nicht nur Lungenatmung, sondern auch das den ganzen Organismus durchflutende Geschehen, durch das sich Seele und Leib verbinden und auch wieder lösen, bis in jede einzelne Zelle hinein (Zellatmung). So ist jede Einatmung, in welchem Organ auch immer, das Eintauchen der Seele in den Leib, jede Ausatmung das Sich-Befreien des Leibes von der ihn bedrängenden Seele. Soll durch das Coronavirus die Seele fester an den Leib angeschmiedet, sollen ihre Flügel zum Geist gestutzt werden?

Mir erscheinen die Reaktionen auf das Pandemiegeschehen sich aus zwei geistigen Wurzeln zu speisen: Verstärkung der Aufmerksamkeit auf den anderen Menschen, mehr Altruismus als Egoismus, Entstehung neuer Ideen für ein soziales Miteinander, was die Natur und den Kosmos einschließt. Das ist der positive Effekt. Der negative Effekt ist die Abschottung gegenüber anderen Menschen, die (a)soziale Distanzierung, die Unterordnung unter Anweisungen der Obrigkeit und die Verstärkung materialistischen Denkens und Handelns. Und hier ist jeder Einzelne gefragt: Wollen wir das Virus mächtiger wirken lassen als unser Ich? Noch scheint es mir zu früh für endgültige Antworten. Doch sollte jeder mündige Bürger die Fakten und Phänomene mit eigenem Denken durchdringen und weniger andere für sich denken lassen. Das ist spirituelle Immunologie.

Zum Autor: Prof. Dr. med. Volker Fintelmann, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie. 25 Jahre Leitender Arzt im DRK-Krankenhaus Hamburg, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer.

Kommentare

Marion Koch, Hannover, 25.01.21 18:01

Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen. Ich hätte gerne weitere Artikel die Sie schreiben.
Vielen lieben Dank dafür!
Gruß Marion Koch

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