Das Paradies in der Krise

Von Andrea Zuleger, März 2011

Die kleine deutschspanische Waldorf-Schule auf La Palma kämpft jeden Monat ums Überleben. Mit Ideenreichtum und viel Engagement hält sich die Escuela Libre de San Miguel seit fast einem Vierteljahrhundert auf der Kanareninsel über Wasser.

Krise im Paradies?

Wenn sich Vera Hoffmann etwas wünschen dürfte, dann einen Millionär und ein Haus. Nicht für sich, sondern für ihre 40 Kinder. Das Haus sollte dicht sein, und der Millionär flüssig. Dann könnte sich die 52-Jährige auf das konzentrieren, was sie am besten kann: Kinder unterrichten. Vera Hoffman hat einen Traumjob unter Palmen bei immerwährenden 25 Grad, sollte man meinen. Seit knapp sieben Jahren leitet sie die deutschspanische Waldorfschule auf der Kanareninsel La Palma. Doch das Projekt gleicht einer fortwährenden Großbaustelle. Mal muss sich die Schule vor den palmerischen Behörden behaupten, mal läuft Regenwasser durchs Dach, mal fehlt das Geld, um die fünf Lehrer zu bezahlen. »Es ist ein Traum und manchmal ein Albtraum«, sagt Hoffmann. »Dabei könnten wir tatsächlich eine Bilderbuchwaldorfschule sein.«

Wie bei Astrid Lindgren geklaut

Die kleine Schule Escuela Libre de San Miguel in Todoque in der Nähe des Touristenortes Puerto Naos wirkt tatsächlich, als entstamme sie einem Buch Astrid Lindgrens: eine Pippi-Langstrumpf-Villa mit Blick auf den Atlantik; ein kleiner Hof, ein Spielplatz mit Lehmhaus, ein paar gackernde Hühner, eine Katze, die sich sonnt. Es ist eine Idylle, ein rundum harmonischer Ort, an dem alles Platz und Zeit hat zu wachsen – auch die Kinder. Alles wirkt familiär und auf liebevolle Art anachronistisch. Dennoch ist die Schule in der Moderne angekommen, wenngleich gezwungenermaßen. Auch hier wirken die Kräfte der Freien Marktwirtschaft. In der Empfangshalle zeugt ein Plakat am Schwarzen Brett von dieser neuen Zeit. Darauf steht in sehr großen Lettern: Initiativa contra la crisis financiera – Initiative gegen die finanzielle Krise. Und Krisen gibt es eine Menge. Deshalb muss Vera Hoffmann nicht nur den Schulalltag organisieren, sondern auch die Weltwirtschaftskrise im Kleinen schultern. Sie muss Finanzjongleurin, Sponsorensammlerin, Managerin, Seelsorgerin, Familientherapeutin und Webdesignerin sein. Und das alles rund um die Uhr für 1000 Euro. Das ist das Gehalt jedes Lehrers an der Schule San Miguel. Am Anfang ihrer Zeit auf La Palma hat Vera Hoffmann ausschließlich von Sponsorengeldern gelebt. Sie hat ein Zimmerchen im Dach der Schule bewohnt. Die überzeugte Waldorfpädagogin wäre vielleicht Lehrerin an ihrer gut organisierten und wohlsituierten Schweizer Schule geblieben, hätte sie gewusst, was 2004 alles auf sie zukam, als sie das Wagnis La Palma startete.

Ein Sack voller Ideale

Ihren Hang zum Perfektionismus kann sie auf La Palma nicht ausleben, dafür aber ihren Ideenreichtum. Sonntags ist Flohmarkt, da hat die Schule einen Stand auf dem Hippiemarkt in Argual. Mittwochs ist Brottag. Da backt ein Vater Brote, die von Schülern, Eltern oder auch Vera verkauft werden. Dreimal im Jahr verwandelt sich die Schule in einen großen Flohmarkt. Hinzu kommen Feste zu den Jahreszeiten, Konzerte in der Nachbarstadt Los Llanos, Kunstausstellungen und schwäbische Spätzleabende. Jede Woche ist irgendwo eine Veranstaltung der »Grupo Waldorfo«. Viel Aufwand für ein paar Euro, aber der rettet die Existenz der Schule vom einen zum anderen Monat. Wirtschaftskrise als Dauerzustand. Die Frage, ob das Ganze Herausforderung oder Irrsinn ist, beantwortet Vera Hoffmann je nach Tagesform und Energiehaushalt. Doch Erschöpfung und Enthusiasmus halten sich meist die Waage. Zweimal im Jahr fährt die gelernte Krankenschwester nach Deutschland, um dort in einem anthroposophischen Krankenhaus zu helfen. »Ich habe ganz weiße Sachen an, und alles ist wunderbar geregelt. Ich habe zwar Verantwortung, aber im Grunde genommen sagt mir einfach jemand, was ich zu tun habe. Das ist auch mal ganz angenehm«, sagt Hoffmann und lacht dann herzhaft. Ein Krankenschwesterjob als Ferienentspannung. Hoffmanns Vorgänger, die Gründer der Escuela Libre de San Miguel, machten sich davon wohl keine Vorstellung. Mit nicht viel mehr als einer Handvoll Kindern und einem Sack Ideale sind sie vor mehr als 20 Jahren nach La Palma gekommen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1987 waren sie ausgewandert, in der Hoffnung, dort ihre Kinder mit Sonnenstrahlen statt Becquerel großzuziehen. Die private und damals rein deutschsprachige Initiative überlebte mit ein paar Kindern und einem Schweizer Lehrer, der die Schule führte wie eine kleine Dorfschule. Als dieser in Rente ging, dümpelte die Schule vor sich hin, mal lebendig, mal scheintot und immer am Rande der Legalität. 

Kaum Kontakt zu Einheimischen

Auf die Kanaren kommen die meisten Nord- und Mitteleuropäer heute, weil sie genug von Kälte und Regen haben, weil sie ein ruhigeres, weniger gehetztes Leben führen wollen. Sie versuchen sich im Ökolandbau, im Tourismus, in der Gastronomie. Manche verkaufen Tickets für Delfin-Bootstouren, andere eröffnen ein Geschäft für deutsche Bequemschuhe. Mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg. 

In der Waldorfschule treffen diese deutschsprachigen Auswanderer auf Menschen aus Südamerika, Afrika oder vom spanischen Festland. Rund die Hälfte haben Spanisch als Muttersprache. »Wir leben hier Multikulti mit allen positiven und negativen Facetten. Aber wir leben das nur unter uns. Mit Palmeros haben wir an unserer Schule leider kaum Kontakt«, bedauert Hoffmann. Der erste Schritt zur Integration der Schule auf La Palma war daher, aus der bis dahin deutschsprachigen Enklave eine spanischdeutsche Schule zu machen. Heute findet der gesamte Unterricht auf Spanisch statt. Drei der fünf Lehrer sind spanische Muttersprachler. Dennoch schauen die Einheimischen mit Skepsis auf den bunten Waldorfhaufen, kein palmerisches Kind besucht die Schule. Die Escuela San Miguel ist der Schulbehörde immer noch ein Dorn im Auge. Früher war die Schule gänzlich illegal, heute ist sie ein legaler Grenzfall. Ein raffinierter Schachzug macht es unmöglich, sie einfach zu schließen: Alle Eltern haben mit einer in Spanien anerkannten nordamerikanischen Organisation für Privatunterricht einen Vertrag (Clonlara). Eine Genehmigung würde das Verhältnis der Palmeros zu »ihrer« einzigen Insel-Waldorfschule verändern. Aber nichts hält sich so beharrlich wie Vorurteile. Bis dahin bleibt Vera Hoffmann nur übrig, reich an Ideen zu sein. Und einen Millionär zu suchen. 

Die Escuela Libre de San Miguel liegt auf der Westseite La Palmas in Todoque, nahe des Touristenortes Puerto Naos. Derzeit unterrichtet sie rund 25 Schulkinder von der Klasse 1 bis 6 und betreut 15 Kindergartenkinder ab drei Jahren. Nach der 6. Klasse besuchen die Waldorfkinder eine spanische Regelschule. Inzwischen bietet die Schule sogar SchnupperUnterricht für Schulkinder an, wenn die Familie Ferien auf La Palma macht oder dort für eine begrenzte Zeit wohnt. Außerdem können Kinder über drei Jahre den hauseigenen Kindergarten für die Zeit ihrer Ferien besuchen.

www.grupowaldorflapalma.org.es 

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