Das Waldorfberufskolleg

Von Anne Schnitzler, Astrid Gottschalk, Oktober 2011

Berufskolleg für Sozial- und Gesundheitswesen an der Windrather Talschule

»Wann seid Ihr denn endlich mal wieder da ...?« werde ich immer wieder gefragt, wenn ich durch unsere Schule gehe. In der Tat, »wir« oder vielmehr »sie« – die Schülerinnen und Schüler unseres Berufskollegs – sind relativ selten »da«. Unsere Kollegiaten arbeiten nämlich zwei Drittel ihres ersten Jahres an ihren Praktikumsstellen in Jugendhilfeeinrichtungen, Kindergärten, Krankenhäusern, Wohn- und Arbeitsstätten für Menschen mit Behinderungen und erleben dort, was es bedeutet, wirklich gebraucht zu werden.

Dies scheint mir eines der wesentlichsten Elemente zu sein, die das erste Jahr des Berufskollegs für Sozial- und Gesundheitswesen prägen. Einige der Kollegiaten habe ich, da sie von anderen Schulen kamen, im Rahmen ihrer Praktikumsstelle zum ersten Mal kennengelernt und war beeindruckt, welch hochmotivierte, zuverlässige und selbstständig arbeitende junge Menschen sich bei uns eingefunden haben. Auch über unsere eigenen Schülerinnen und Schüler bekamen wir nur Positives zu hören. Und so freuten wir uns sehr auf die wenigen Wochen, die wir mit ihnen epochenweise in der Schule zusammen arbeiten konnten.

Irgendwie schienen manche schnell vergessen zu haben, dass Pünktlichkeit auch in der Schule Sinn macht und dass ihr Verhalten eine Auswirkung auf die Gesamtstimmung des Unterrichts haben könnte. Trotzdem und gerade weil wir um die Erfahrungen aus den Praktika wussten, konnten wir sehr gut mit ihnen arbeiten. Und ganz wichtig: ihre Erfahrungen im Praktikum gaben ihnen immer wieder die Möglichkeit, über ihre »Schülerrolle« hinauszuwachsen.

Für die Zeit des Unterrichts stellt sich die Frage, ob an einem Berufskolleg, das sich an die staatlichen Richtlinien halten muss, überhaupt noch waldorfpädagogische Inhalte und Arbeitsweisen zum Zuge kommen. Wir haben den Eindruck, dass dies sehr gut möglich ist. Gerade für das erste Jahr sind die Richtlinien sehr freilassend formuliert und es gibt viel Gestaltungsfreiraum. Wie dies im zweiten Jahr aussieht, in dem die Kollegiaten das ganze Schuljahr Unterricht haben, der mit der Fachhochschulreife abschließt, können wir leider noch nicht sagen.

Eine Illusion wurde uns allerdings genommen. Nämlich die, dass der Klassenverband vom Übergang aus der 11. in die 12. Klasse erhalten bleiben könnte. Durch die Jugendlichen, die von anderen Schulen kommen, entsteht eine völlig neue Gruppe und es beginnt ein neuer Abschnitt in ihrer Schullaufbahn. Und das ist, wenn man sie fragt, genau richtig! Sie wollen sich in diesem Alter in neuen Zusammenhängen und Gruppen erleben und neue Rollen für sich finden.

Zur Autorin: Anne Schnitzler ist Oberstufenlehrerin für Mathematik an der Freien Waldorfschule Velbert-Langenberg und leitet das Berufskolleg.

Berufskolleg Umwelttechnik an der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten

Hochmotiviert erobern im August 2010 dreizehn junge Menschen »ihr« neues Berufskolleg. Zusätzlich zu Mathematik, Deutsch, Englisch und Gesellschaftslehre steht viel Technik in den Naturwissenschaften auf dem Stundenplan, da dies die fachliche Ausrichtung der zweijährigen Fachoberschule ist. Schwerpunkt des ersten Jahres sind jedoch eindeutig die rund 30 Wochen Praktikum, in denen die Schüler Berufe wie Fluggerätemechaniker, Medizinisch-Technischer Assistent, Veranstaltungstechniker oder Baubiologe kennen lernen.

So vielseitig wie die Erfahrungen in der Berufswelt sind auch die Werdegänge der Schüler. Neben Gymnasiasten und Realschülern, Berufskollegiaten und VHS-Schülern sind sechs Schüler mit Waldorfbiographie dabei. Sie haben es leichter mit Fächern wie Eurythmie und Musik oder Klassenspielproben, aber auch die anderen sind offen für Waldorfspezifisches. So konnte zuletzt ein gelungenes Klassenspiel zusammen mit der Klasse 12 über die Bühne gehen, wobei der Prozess bis dahin nicht unproblematisch war. Die Integration der Berufskollegiaten gestaltete sich wegen ihrer langen Abwesenheit in den Praktika schwierig, aber auch die selbstverständliche Identifikation mit einem Klassenprojekt fehlte zunächst. Im nächsten Jahr werden die Praktikumszeiten regelmäßig an drei Tagen pro Woche liegen, um den fachbezogenen wie auch künstlerischen Unterrichten eine größere Kontinuität zu ermöglichen.

Der jetzige erste Jahrgang wird dann während eines rein schulischen Jahres auf die Prüfungen zur Fachhochschulreife vorbereitet.

Zur Autorin: Astrid Gottschalk ist Oberstufenlehrerin für Mathematik und Geographie an der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten und leitet das Berufskolleg.

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