Den Schülern das Lernen in die Hand geben

Von Brigitte Pietschmann, April 2013

Schüler wollen keine fertigen Lösungen verabreicht bekommen. Sie sind keine Aktenordner, in denen man Wissen ablegt. Sie brauchen Herausforderungen, die ihre Lust am Fragen wecken.

Foto: Sven Jungtow

Chemieepoche in einer 9. Klasse: Die Schüler und Schülerinnen bereiten in Vierergruppen einen Versuch vor, bei dem sie herausfinden sollen, wie viel Zucker man in 100 ml Wasser auflösen kann. Wie kann man die Zuckermenge messen? Ein Mädchen schlägt vor, immer mehr Zucker ins Wasser zu geben und zum Schluss den Zucker wieder herauszufiltern. Stille in der Klasse und gespanntes Interesse. Der Lehrer erklärt, warum das nicht geht und schlägt selbst zwei Möglichkeiten vor.

Bei seinen Vorschlägen Schwatzen und Unruhe in der Klasse, das Interesse erlöscht. Als die Gruppen ihre Versuche aufbauen, kommen sie wieder an das Problem des Zuckerabmessens. Sie finden entweder selbst eine Lösung oder fragen ihren Lehrer – diesmal hören sie aufmerksam zu. Der Lernprozess ist angekommen.

Aus Fragen entsteht, was bleibt

»Es ist schon so«, meint Erich Kästner, »die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht«. Für die Erwachsenen heißt das, sich so in die Kinder und Jugendlichen einzufühlen, dass Lernsituationen entstehen, an denen sich das Interesse der Lernenden entzündet.

Lerninhalte sollten so anziehend sein wie Rätsel. Lehrerinnen und Lehrer können aber auch ehrlich interessiert nach dem fragen, was die Schüler zu einem Thema bereits mitbringen. Kinder und Jugendliche sind kompetente Vertreter ihrer Generation und haben oft viel anzubieten. Lehrer hören den Lernenden aktiv zu, bevor sie ihnen einen Vortrag halten. Mindestens bringen sie die Fragen der jungen Menschen an die Oberfläche und sorgen so dafür, dass die Zuhörer einen Fokus für die Erzählung des Lehrers haben. Eine Umkehrung der alten Lehrergewohnheit!

»Teaching is not telling, teaching is guiding discovery«

Diesem von Lynn Staley in »The art of awareness« formulierten Ideal entsprechen offene Aufgaben. Sie bieten sich für aktive Lernprozesse an. Denn es sind Aufgaben, mit denen die Schüler ihren Fähigkeiten gemäß umgehen und an denen sie wachsen können. Höchst unterschiedlich gehen sie mit der Aufforderung aus dem Englischunterricht um: »Schreib in fünf Minuten Wörter auf, die Dir einfallen.« Die Lehrer nehmen wahr, wer was kann und wer welchen Lernbedarf hat. Auf Lehrerseite macht eine Korrektur, bei der etwas vom Schüler zu entdecken ist, meistens mehr Sinn als eine, die der Kontrolle von Lernzielen dient.

Angst macht dumm

Erleben die Schüler sichere emotionale Bindungen, trauen sie sich was, beispielsweise zu experimentieren und Fehler zu machen? Lernende brauchen die Erfahrung, dass die Erwachsenen ihnen etwas zutrauen. Das geht im schützenden Kreis der Klasse mit bindungsfähigen Lehrern. Schüler brauchen die Erfahrung, dass die Erwachsenen ihnen beim Lösen ihrer Probleme und Fragen helfen. Lehrer, die immerzu prüfen wollen, machen Angst, und Angst macht bekanntlich dumm. In einer entspannten Lernatmosphäre nehmen die Schüler Beziehung zu ihren Stärken und Schwächen auf und zu dem, was sie früher schon gelernt haben und jetzt nutzen können. Sie nehmen Verbindung auf zu dem Unterrichtenden und zu der Aufgabe, die für sie vorbereitet ist. Die Aufgabe sollte so gestellt sein, dass sie Erfolg verspricht, denn ohne Erfolgsaussicht keine Anstrengung und ohne Anstrengung kein Erfolg! Kinder oder Jugendliche müssen nicht alles allein schaffen. Außer den unterstützenden Erwachsenen gibt es da noch die Mitschüler, die man um Hilfe bitten kann. Ihr Potenzial wird in unseren Klassenräumen noch viel zu wenig genutzt. Wenn Lehrer so oft wie möglich Lernen auf gleicher Augenhöhe anregen, haben sie viel weniger Disziplinschwierigkeiten, denn das Miteinanderreden wird legal und dient immer öfter dem Problemlösen, das zum Lernen gehört.

Partner- oder Gruppenarbeit will gelernt sein. Das braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Viele Lehrer geben zu schnell auf und erlauben sich selbst nicht, Fehler zu machen, wenn sie neue Arbeitsmethoden bei ihren Schülern einführen. Die meisten werden später in einem Team arbeiten und sollten diese Erfahrung auch schon in der Schulzeit gemacht haben.

Ruhe nach dem Sturm

Nachhaltiges Lernen braucht die Phase des Verstehens nach einer Erfahrung. »Was habe ich heute im Unterricht gemacht und was habe ich dabei gelernt?« Diese Frage sollte, altersentsprechend variiert, oft gestellt werden – am Ende des Schultages bei den Kleinen oder am Ende der Stunde bei den Älteren, mindestens aber zum Ende einer Epoche. Wie so oft sind es die Erwachsenen und die Art, wie sie fragen, die mit ihrer Frage förderlich auf die Schüler wirken oder unangemessen bei jüngeren Kindern ein Urteil herauskitzeln. Fragen will gelernt sein! Gute Fragen schüttelt man nur sehr selten aus dem Ärmel! »Was hat Dir heute gut gefallen?« lässt die Schüler das Erlebte beurteilen. Dagegen lenkt »Was hast Du heute alles gelernt?« die Wahrnehmung auf den erfahrenen Unterricht. Es gibt kein Lernen, wenn man ganz im alten Erfahrungsraum bleibt. Rudolf Steiner beschreibt das mit dem Dreischritt des Lernens in »Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung«:

Zunächst lässt der Lehrer durch seine Schilderung einer historischen Situation in den Schülern ein inneres Bild entstehen oder er experimentiert in Physik oder Chemie oder er erzählt von einem neuen Buchstaben im Zusammenhang einer Geschichte. Die Schüler sind als ganze Menschen angestrengt – der 1. Schritt. Im 2. Schritt erinnert der Lehrer mit den Schülern Details und lässt das Gehörte Revue passieren. Die Schüler sind fühlend und denkend dabei. In der folgenden Nacht verbinden sich die Bilder, die die Schüler neu aus dem Tag mitbringen mit ihren bereits vorhandenen. Der 3. Schritt geschieht in der nächsten Unterrichtsstunde, wenn die mitgebrachten Bilder geordnet, ergänzt und weiterführend betrachtet werden.

Rahmenbauer und Perlentaucher

Zugegeben, es macht zunächst mehr Arbeit, Lernsituationen so aufzuarbeiten, dass Schüler handelnd tätig sein können: Ein klarer inhaltlicher und zeitlicher Rahmen muss gesteckt werden, in dem die Schüler ihre Erfahrungen machen können. Wie kann die Arbeit organisiert werden? Wann werden die Ergebnisse wem präsentiert? In der 8. Klasse bereiteten meine Schüler jeweils zu zweit englische Grammatikphänomene auf mit einer Einführung, einer Übphase und einem Test, den sie auch selbst korrigiert haben. Zusammenfassender Kommentar der Lerngruppe am Ende des Schuljahrs: »Hier war eine tolle Lernatmosphäre. Wir haben alles selber gemacht. Das hat Spaß gebracht.« Wenn ich als Lehrerin meinen Schülern  zutraue, ihr Lernen zu organisieren und ihnen passende Aufgaben anvertraue, wie kann ich kontrollieren, was wirklich geschieht? Die schlichte Antwort: Ich schule mich im Wahrnehmen. Wenn Lehrer sich als Perlentaucher auf die Suche nach Qualitäten bei den ihnen anvertrauten jungen Menschen machen und auch mitteilen, was sie entdeckt haben, bleibt das Lehrerleben interessant und spannend. Aus dem Bewerten wird Wahrnehmen von Werten, aus dem Korrigieren wird Lektorieren, das heißt, das konkrete Anregen von Verbesserungen in einer weiteren Version. Weg von »Du hast Dir Mühe gegeben, aber …« hin zu »Auf der 3. Seite fällt mir auf … wie kannst Du das auf Seite 5 so ähnlich machen?« Lehrer, die ihren Schülern das Lernen tatsächlich in die Hand geben, bleiben selber Lernende. Sie verstehen ihren Beruf so, dass sie mit interessierter Anteilnahme die Lernprozesse bei den Kindern und Jugendlichen beobachten, reflektierend nachbereiten und verbessern. Wenn sich lernende Lehrer gegenseitig unterstützen, in Intervisionsgruppen oder festen kollegialen Teams, bleibt ihre Freude am Lernen erhalten. Einzelkämpfer haben es viel schwerer.

Zur Autorin: Brigitte Pietschmann ist Englischlehrerin an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall. Als Begleiterin in der Schulentwicklung und bei Konflikten in Waldorfschulen und -kindergärten tätig. Moderatorin von Lehrer- und Elternfortbildungen.

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