Denkanstöße und Sinnsuche im Jugendalter

Von Angelika Wiehl, Oktober 2010

»Dem Zeitgeist auf der Spur« – so lautet der Titel des anregenden Buches von Holger Grebe. Als erfahrener Deutsch- und Geschichtslehrer der Balinger Waldorfschule spricht er nicht nur aus fachlicher Kompetenz über Inhalte und Motive des Geschichts- und Literaturunterrichts im Jugendalter, sondern er lässt den Leser durch seine eindrückliche Sprachgebärde über die Rezeption der Inhalte hinaus am bild- und sinnschöpfenden Denken teilnehmen. Darin liegt allem voran die vorbildliche Schreibweise: Wir behandeln zwar sachgemäß den Unterrichtsstoff, durchleben diesen aber in der Art der Darstellung, als wäre er eine Offenbarung der eigenen Seele. Anders gesprochen: Die Wissensvermittlung im schulischen Rahmen steht zurück, da wir aktueller denn je auf die Sinnfrage gestoßen werden und Sinn sich zuerst in der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen artikuliert.

Im Rückblick spürt Holger Grebe dem schillernden Begriff »Zeitgeist« nach. Zwischen den Schicksalssignaturen der Journalistin Marion Gräfin Dönhoff und des Autors Franz Kafka, als »Portalfigur der Moderne« beschrieben, entsteht eine Spurensuche nach Denkanstößen. Das Kapitel zu der Frage »Was ist deutsch?« lotet zwei Blickrichtungen aus: die »verheerende Gleichsetzung« des Wortes »deutsch« mit Auschwitz und die »Lichtspur« des deutschen Volksgeistes, auch abzulesen an der »Suche nach einer Gemeinschaft, die sich aus innerer Freiheit bildet«. Wie der Geschichtsunterricht am persönlichen Familienschicksal anknüpfen kann, beweisen die Zeitzeugenbefragungen zum Dritten Reich: Die Schüler interviewen ihre Großeltern – eine zunehmend beliebte und verbreitete Methode des entdeckenden Lernens –, präsentieren die Interviews vor der Klasse; sie reflektieren über Vergessen und Verdrängen als auch zum menschlichen Gedächtnis gehörend und bemerken, dass Träume ja Wahrbilder und »Botschaften einer anderen Welt« sein können. Weder bei der Betroffenheit noch der seelischen Berührung bleiben die Jugendlichen durch diese Auseinandersetzung stehen, vielmehr erkennen sie, dass »Geschichte zunächst vor allem erinnerte Lebensgeschichte ist«.

Einen ganz anderen, von persönlichen Erfahrungen ausgehenden Blick auf das Zeitgeschehen eröffnet der Reisebericht über Argentinien, wo die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse als Folgen der einseitigen Globalisierung erschreckende Ausmaße angenommen haben. Von dort kehren wir dann zurück in den heimischen Kulturkreis zu »Friedrich Schiller als Rebell, Dichter und Erzieher«, dessen von Polaritäten geprägte Biographie im Bunde mit Rebellentum und »Ideenfeuerwerk« doch Jugendliche unmittelbar begeistern kann. Die Gründe dafür legt die lebendige, Schiller als Zeitgenossen charakterisierende Studie offen und Holger Grebe resümmiert: »Schiller bezog ein Weltvertrauen nicht aus der Wirklichkeit, sondern aus dem Ideal – etwa aus der Idee der Freiheit.« Das spricht doch die jugendlichen Gemüter an!

Zwei weitere Kapitel greifen ebenfalls essentielle Themen des Jugendalters auf: Sprache als Schweigen oder Sagen und schließlich das inzwischen in die Lehrpläne einbezogene kreative Schreiben. Mit Franz Kafka und der »Kaiserlichen Botschaft« gelingt der Ausblick. Entsprechend möchte ich das Buch »eine jugendliche Botschaft« nennen – voller Enthusiasmus für den Unterricht mit Jugendlichen geschrieben, eine anspruchsvolle wie anregende Zeitgeist-Studie, nicht nur als Lektüre zu empfehlen, sondern vor allem auch als methodische Anregung, den Wissensstoff persönlich, zeitgemäß und sinnstiftend zu durchdringen und damit Denkanstöße zu impulsieren.

Holger Grebe: Dem Zeitgeist auf der Spur. Geschichte – Literatur – Pädagogik. Studien und Projekte. Stuttgart 2009.

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