Denkverbot

Von Ulrich Matthey, März 2016

Leserbrief zu dem Interview mit Tobias Jaecker, Erziehungskunst 2/2016.

Ich sehe die Pauschalierungen und die stereotypen Verdächtigungen, die Tobias Jaecker anderen vorwirft, in hohem Maße bei ihm selber. So werden die Begriffe Antiamerikanismus und Verschwörungstheorie durch ihren übermäßigen Gebrauch zum Rundumschlag gegen nahezu jede kritische Äußerung über amerikanische Politik eingesetzt.

Viele der von ihm als antiamerikanisch kritisierten Positionen und Einschätzungen finden sich doch gerade auch unter amerikanischen Intellektuellen und Schriftstellern wie beispielsweise bei dem renommierten Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, der die USA als Schurkenstaat und führenden Terroristenstaat bezeichnet, oder der kanadischen Globalisierungskritikerin Naomi Klein oder dem ehemaligen  Chefökonomen und Agenten der NSA, John Perkins, der die USA als Weltmacht ohne Skrupel bezeichnet, um nur einige zu nennen, deren Einschätzungen man nicht teilen muss, die aber weit über das hinausgehen, was Jaecker bei hiesigen Autoren und Politikern zum Anlass nimmt, um sie stereotyp zu diffamieren. »Einen kompletten Umsturz unseres Systems« diagnostizierte laut Spiegel (36/2015) jüngst der frühere US-Präsident Jimmy Carter. Die USA seien für ihn »nur noch eine Oligarchie«. »Unbegrenzte Summen an Bestechungsgeldern« seien Voraussetzung, um in politische Ämter zu gelangen. Eine Wortwahl, für die die linke Politikerin Sarah Wagenknecht von Jaecker wenig überraschend das pauschale Etikett »antiamerikanische Verschwörungstheorie« angehängt bekam. Die Frage, wem die Eskalation der Konflikte eigentlich nutzt, die der Konfliktforscher Friedrich Glasl im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt gestellt hat und seine Antwort, die sich nach seiner Einschätzung durch viele Quellen belegen lässt, wären nach Jaeckers Verständnis schon ein klarer Beleg für Antiamerikanismus. Wikipedia unterscheidet zwischen »Verschwörungshypothesen, die im Grundsatz rationale und überprüfbare Aussagen machen, und Verschwörungsideologien, die ihre stereotypen und monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision immunisieren«. Kritischen Stimmen in dieser Weise pauschal Antiamerikanismus vorzuwerfen und in diskreditierender Absicht in die Nähe von Verschwörungsideologen zu rücken wirkt wie ein implizites Denkverbot.

Zum Interview mit Tobias Jaecker

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