Der beste Start ist ohne Computer

Von Franz Glaw, Januar 2016

Auf dem heiß diskutierten Feld der Medien und ihrer Bedeutung für die Bildung herrscht allenthalben Verunsicherung bei Pädagogen und vor allem bei Eltern.

Manch eine Werbebotschaft, gerade wenn sie als solche nicht direkt zu erkennen ist, sondern als scheinbar unabhängiger Ratgeber daherkommt, will Eltern weismachen, dass bereits im Mutterleib die digitale Bildung einsetzen (»Fötus-Tuning«) und spätestens im Alter von zwei Jahren das Smartphone ständiger Begleiter des Kindes sein muss, wenn es auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereitet werden soll. Ein Vertreter der Waldorfpädagogik wird mit seiner Zurückhaltung auf diesem Gebiet leicht als weltfremder Ignorant angesehen und hat Mühe, überhaupt als Gesprächspartner ernst genommen zu werden.

Da leistet dieses Buch einen hilfreichen und aufklärenden Beitrag zur Urteilsbildung. Wesentliche Aspekte sind dabei Ergebnisse der Neurowissenschaften in Kombination mit den von Jean Piaget beschriebenen Stadien der kognitiven Entwicklung. Demnach führt eine vorzeitige Konfrontation mit digitalen Medien nicht zu der erwünschten Kompetenz, sondern zerstört geradezu die Basis für die Entwicklung entsprechender Fähigkeiten.

Die Autoren kommen auf dieser Grundlage zu der Forderung nach einem entwicklungs­gemäßen Lehrplan, der sich im Wesentlichen mit dem Modell einer anthropologischen Medienerziehung deckt, wie es für die Waldorfpädagogik entwickelt wurde. Das zugrunde- liegende Ziel ist keine dauerhafte Medienabstinenz. Es geht nicht um Modernitätsverweigerung, sondern es sollen junge Menschen die Fähigkeit bilden, sich in der digitalen Welt souverän zu bewegen und die sich bietenden Möglichkeiten bewusst und kritisch zu nutzen. Genau das ist mit »Medienmündigkeit« gemeint. Abschließend fassen Lembke und Leipner ihre Erkenntnisse in Form von zehn Thesen zusammen, von denen stellvertretend drei genannt seien: Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter. Wer bei einem Lernprozess die Wahl zwischen realen und virtuellen Hilfsmitteln hat, sollte sich für die Realität entscheiden. Vor einem Alter von etwa zwölf bis 14 Jahren kann die Konfrontation mit digitalen Medien mehr schaden als nutzen.

Gerald Lembke, Ingo Leipner: Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, geb, 256 S., EUR 19,99, Redline Verlag, München 2015

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