Der Engelberg – ein Schulporträt

Von Mario Betti, Dezember 2019

Karl von Baravalle, ehemaliger Schüler, heute Schülervater der Freien Waldorfschule Engelberg, hatte eines Tages, im Hinblick auf den hundertsten Geburtstag der Waldorfschulbewegung, eine Idee: Wäre es nicht an der Zeit ein aktuelles Lebensbild der eigenen Schule zu zeichnen? War nicht der Engelberg im Laufe der Geschichte ein besonderer Ort gewesen und wurde nicht die Schule Patin einiger Schulgründungen in der Region?

Die Idee sollte Wirklichkeit werden.

Es wurden Anrufe getätigt. Eltern, alte und neue Lehrerpersönlichkeiten sagten ihre Mitwirkung zu sowie Schüler unterschiedlicher Altersstufen, die in diesem verlegerisch gelungenen Werk zur Sprache kommen und einen tiefen Einblick in das geben, was Jugend heute bewegt. Auch der Kindergarten wird in seiner Bedeutung hervorgehoben. Alles zusammen wird in dieser besonderen Neuerscheinung zu einem fröhlich-ernsten Blumenstrauß arrangiert. 

Sie ist deshalb besonders, weil hier nicht allgemein über die pädagogische Substanz der Waldorfpädagogik in unserer Zeit gesprochen wird, sondern aus ihr, im Zusammenhang mit einer konkreten und individuellen Schulgemeinschaft. Das bestätigen auch zwei Interviews: mit der »Urschülerin« Elfriede Stollwerck und mit dem Schularzt Wolfgang Kersten. Die Blumenbinderin, um bei der Metapher zu bleiben, ist Uschi Entenmann, Journalistin und Buchautorin. Ihr ist es gelungen, die verschiedenen Beiträge zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschnüren. Das Ergebnis ist ein facettenreiches Porträt einer Schule, die bewusst ihr Profil in die pädagogische Diskussion unserer Tage hineinstellt.

Gesine Brücher, seit 1991 Oberstufenlehrerin, schlägt in ihrer Einleitung bereits Töne an, die das Anliegen dieser reichbebilderten und großformatig gestalteten Momentaufnahme deutlich werden lassen: »Steiners Pädagogik ist kein Fertigprodukt, das vor hundert Jahren mit einem Wurf erfunden wurde. Sie ist so angelegt, dass wir Lehrer sie und uns selbst immer weiter entwickeln müssen … Die Vorurteile und das geringe Wissen über Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit haben uns zu diesem Buch motiviert.« 

Und Frank Hussung, ebenfalls langjähriges Mitglied des Lehrerkollegiums, entfaltet eine lesenswerte, gewichtige Betrachtung über Wesen und Ziele der Waldorfpädagogik, die einen sofort spüren lässt: Dieses Konzept wirkt in unserer Zeit, ohne sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Im Gegenteil: Durch die Art, wie Waldorfpädagogik Wissenschaft, Kunst, Handwerk, Gartenbau und soziales Leben vernetzt, hat sie weiterhin das Potenzial, landläufige, einseitig utilitaristisch orientierte pädagogische Ansätze gründlich zu revidieren.

Dieses Buch ist eine wichtige Informationsquelle über die Waldorfpädagogik und ein lebens­kräftiges Porträt einer Gemeinschaft von Schülern, Eltern und Lehrern am Puls einer herausfordernden Zeit.

Uschi Entenmann: Engelberg. Wie Waldorfpädagogik Menschen wachsen lässt – Erzählt am Beispiel einer Schule, 184 S., EUR 25,–, Klöpfer&Narr, Tübingen 2019

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