Der Erste stand eines Morgens in der Eingangshalle

Von Daniel Bernards, Juli 2016

Die Windrather Talschule hat in den letzten Monaten knapp 30 Schülerinnen und Schüler aufgenommen, die im Rahmen der globalen Fluchtbewegungen nach Deutschland gekommen sind.

Auch ein Handwerk wie Korbflechten dient der Integration

Sie heißen Haweri, Khalid oder Turkya. Sie stammen aus Syrien, Guinea, dem Irak und Afghanistan, aber auch aus Albanien, sprechen also Arabisch, Kurdisch oder Farsi. Und sie sind inzwischen alle Teil unserer Schulgemeinschaft.

Die »Neuankömmlinge« an der Windrather Talschule trugen wesentlich dazu bei, dass die Anzahl der Gesamtschülerschaft auf einen Höchststand in der 20-jährigen Geschichte der Schule gestiegen ist. Der Kontakt zu Schülern aus anderen Nationen und einem anderen Kulturkreis begann allerdings schon vor der Zeit, als das Thema »Flucht« medial allgegenwärtig wurde und die Diskussionen in Politik und Gesellschaft zu beherrschen begann. Gleichzeitig ist die Geschichte der Schule und ihrer »Neuen« auch eine, die geprägt wurde durch direkte Nachbarschaft und eine große Hilfs- und Aufnahmebereitschaft aller Beteiligten.

Im Februar 2015 fand die inzwischen schon traditionelle Themenepoche statt. Themenepoche an der Windrather Talschule heißt, dass alle Mittel- und Oberstufenschüler sich statt ihren eigentlichen Fach-Epochen einem großen gesellschaftlichen Thema zuwenden und es in unterschiedlicher Form bearbeiten. Das Thema der zwei Wochen vor über einem Jahr hieß »Gesellschaftliche Inklusion«, also die Möglichkeit der Teilhabe scheinbar benachteiligter Gesellschaftsgruppen an öffentlichen Prozessen. Zu diesem Themenbereich gehörte es, dass Schüler sich mit dem Thema »Flucht und Asyl« beschäftigten, ein Asylbewerberheim besuchten sowie einen Deutsch-Sprachkurs für Zugereiste.

»Das Schicksal dieser Menschen hat unsere Jungen und Mädchen schwer beeindruckt«, erzählt Margarete Erlinghagen, die den Kontakt zur Flüchtlingshilfe Velbert herstellte, der danach mehr und mehr intensiviert wurde und die Basis der späteren Aufnahme darstellte. Gleichzeitig besuchten die Teilnehmer eines Deutschkurses für Flüchtlinge unsere Schule und lauschten dort erstaunt der mittelhochdeutschen Rezitation der ersten Zeilen des Nibelungenliedes.

»Ich will zur Schule gehen«

Nach diesen Begegnungen kam bei den Schülern die Frage auf, warum nicht auch bei ihnen Menschen, die geflohen sind, zur Schule gehen können. Die Schule war bereit dazu, knüpfte Kontakte zu den entsprechenden Behörden und dem Schulamt – und doch ahnte wohl kaum einer, wie nah die Geflüchteten schon bald im wahrs­ten Sinne des Wortes heranrücken würden. Denn im Herbst letzten Jahres wurde die Turnhalle des benachbarten Gymnasiums zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert. Dort bot sich ein Bild wie in vielen anderen Turnhallen zu dieser Zeit: Feldbetten, wenig bis keine Privatsphäre, zu Beginn fehlte es sogar an nötigen

Decken. Die Talschule richtete eine Kleiderkammer ein, wurde an einigen Tagen zum »Rückzugs- und Begegnungsort« – und schon bald zur schulischen Heimat für die Kinder der neuen Nachbarn: »Der erste Schüler stand eines Morgens in unserer Eingangshalle«, erinnert sich Erlinghagen. Dessen Bitte war unmissverständlich: »Ich möchte zur Schule gehen.«

Ein Junge aus Aserbaidschan gab also den Anstoß, es folgten nicht nur seine Schwester, sondern viele weitere, die nur einen Wunsch hatten: »Schule, wir wollen zur Schule gehen.« – »Wie sollten wir das ablehnen?«, fragten da die Lehrer. Immer mehr Neuankömmlinge kamen hinzu, bilden allerdings nicht wie in anderen Einrichtungen eigene »Flüchtlingsklassen«, sondern verteilen sich auf die jeweilige Altersstufe und müssen in diese integriert werden. In mehreren Deutschkursen, mindestens einer täglich, wird versucht, bis heute die nötigen Grundlagen zu geben.

Ein junger Mann, der seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert, wurde eingestellt und zum ersten Ansprechpartner für die »Neuankömmlinge«. Inzwischen hat darüber hinaus eine Lehrerin den Dienst angetreten, in deren Verantwortungsbereich der Deutschunterricht fällt, der zuvor überwiegend durch freiwilliges Engagement gestemmt wurde. Und dennoch: Es wird noch Zeit brauchen, bis sich die Menschen, die allesamt einen schwierigen Fluchtweg hinter sich haben, völlig sicher fühlen und sich so unbeschwert bewegen, wie es Kinder und Jugendliche tun sollten. »Einiges, was die jungen Leute erlebt haben, wissen wir, etwa die Situationen derjenigen, die mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer gekommen sind. Anderes können wir nur erahnen«, berichtet Erlinghagen und ergänzt: »Traumata brechen oft aus, wenn man sich sicher fühlt. Aber gerade Sicherheit wollen wir ja bieten.«

Die Windrather Talschule möchte in naher Zukunft weitere Menschen mit Flucht- und Wanderungsgeschichte aufnehmen. Das hat zum einen finanzielle Gründe, denn sie liegt wieder ganz knapp unter der Zahl von 30 Schülern. Aber nur bei dieser Anzahl bekommt sie seitens der Bezirksregierung eine ganze Lehrerstelle für den Deutschunterricht finanziert. Andererseits passt der Prozess der letzten Wochen und Monate zum Schulkonzept: Eine Schule für alle, die sich den Herausforderungen stellt, welche die Zeit, in der wir leben, an uns richtet.

Zum Autor: Daniel Bernards ist Lehrer für Deutsch und Politik in der Oberstufe und im Berufskolleg der Windrather Talschule.

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