Der Flucht ein Gesicht geben

Von Andreas Stohlmann, April 2016

Wenn Grenzen überschritten werden, wenn Hütten gebaut und darin unter anderem Namen und anderem Schicksal gelebt wird, das schildert Klassenlehrer Andreas Stohlmann am Beispiel eines »Bauprojekts« mit seiner dritten Klasse aus Schwäbisch Hall.

Am Anfang der 3. Klasse war die Vorbereitung …, nein, es muss besser heißen: am Anfang war die Idee! Wir bauen ein Hüttendorf und das im Rahmen der Hausbau-Epoche. Eines, das aus Resten, aus Paletten, Brettern, Pappe, Planen, Blechen und Stoffen besteht. Ein Dorf soll es werden, in dem man spielen, sich entwickeln und leben kann. Es soll die Maße der Kinder haben, »ihrer« Perspektive gerecht werden. Ein Dorf, an dem und in dem Klein und Groß tätig werden. Es lag einfach in der Luft, der Armut und der Flucht in der Welt ein Gesicht zu geben.

Der Idee, ein Hüttendorf zu bauen, folgten weitere. So entstand der Wunsch bei den Kindern, sich eine zweite Biographie zu geben, einen Namen und eine Geschichte. Interessant war dabei, dass alle Kinder »elternlos« waren und auf der Flucht. Jedes Kind wählte sich aus der Klasse eines, das es noch wenig kannte, und plante mit diesem die Hütte und deren Namen sowie deren ganz eigenes Zeichen. Nun unterbreiteten wir dem Bürgermeister unser Anliegen und baten ihn um einen geeigneten Bauplatz. Nach anfänglicher Irritation im Baurechtsamt angesichts des Vorhabens, ein Favela-Dorf zu bauen, war rasch ein weitläufiger Platz gefunden. Das örtliche Tagblatt verfolgte interessiert das Geschehen.

Das Kind soll der Maßstab sein

Der Grundriss und das Raumvolumen der jeweiligen Hütte waren den Körpermaßen der Kinder abgelesen, plus zwanzig Zentimeter. Als wir mit Kreide begannen, den Grundriss zu markieren, war unausgesprochen klar, dass die Hütten beieinander stehen sollten, mit einem Innenhof als Zentrum. Am nächsten Wochenende war es dann soweit.

Eltern und Großeltern beteiligten sich mit Werkzeug und Materialspenden und vor allem mit unglaublich fröhlichem und initiativ-kreativem Einsatz. Pläne gab es ja nicht, nur einen ungefähren Grundriss. An zwei Sägestationen wurden die Kanthölzer grob auf Länge gesägt. Auf diese wurden die Bodenbretter genagelt. Von dort aus wuchsen die Wände aus Paletten, Schwartenbrettern oder Planen. Schon nach rund fünf Stunden waren die Hütten rudimentär sichtbar. Jeder half jedem, jeder schaute für jeden nach am besten geeigneten Baumaterialien. Es ging zu wie auf einem »Kreativwettbewerb«. Die Mädchen begannen schon mit der Gestaltung der Innenräume, noch bevor die Dachkonstruktion fertig war. Kleine Tische und Bänke wurden genagelt, Fenster ausgeschnitten, Blumenkästen und Regale gezimmert. Stoffe wurden aufgehängt und Hüttenschilder befestigt. Nach fünfzehn Stunden war die Idee vom Hüttendorf Wirklichkeit geworden!

Ein Eingangsportal sowie ein Lattenzaun, Fahnen und Schilder folgten noch als architektonische Beigabe von besonders engagierten Vätern.

Die Hütten waren eingerichtet, nun wurde darin gelebt, gespielt und geschlafen. Am Vorabend des »Tages der offenen Hütten« übten wir eine rasch improvisierte Choreograhie »Favelakinder unter sich« bei Lagerfeuer und Gesang ein. Die Nacht auf dem selbstgeschnittenen Roggenstroh, das Gemurmel der Erwachsenen, das Knistern des Feuers, der Sommersternenhimmel und das Bellen von Hunden in der Ferne: ein unvergessliches Erlebnis!

Es kamen viele Besucher. Die Kinder führten die Interessierten durch ihre Räume, erzählten in ihrer Rolle ihre Geschichte und feilschten und verkauften Selbstgebasteltes.

Ein gemeinsames Feldküchenessen, eine Capoeira-Vorstellung und ein Erfrischungsbad in der nahegelegenen Klinge rundeten den Tag ab. Alle Einnahmen wurden einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge gespendet. Wochen danach wurde »das Dorf« immer wieder von Groß und Klein besucht oder bespielt. Es ist ein Projekt geworden, das das Prädikat nachahmenswert verdient und pädagogisch besonders sinnvoll wirkte.

Eine Hütte für den ersten Ich-Besuch

Der vielbeschriebene und beschworene Rubikon um das neunte, zehnte Lebensjahr herum verunsichert meist nicht nur das Kind, oft auch seine Eltern und Lehrer.

Das Kind erwacht neu für seine Mitwelt, begegnet dem Zuschauer in sich, dem Entdecker und Zweifler. Kurz gesagt, die Perspektive, die Maßstäbe wandeln sich. In einem Meer (und auch Mehr) der erwachsenden Gefühle und daseinsgründigen Gedanken pendelt der Drittklässler oft innerlich irritiert hin und her. Das Alte trägt nicht mehr, das Neue ist erst im Aufbau und Ausbau. Die Hausbau-Epoche ist ein geniales didaktisches Mittel, dieser Umbruchszeit etwas anzubieten, dem ersten, bewussteren »Ich-Besuch« Raum zu geben und die Mitwelt dabei praktisch, spielerisch mitgestalten zu lassen. Viele freie Unterrichtsgespräche führten wir über die Frage nach dem Raum und dessen Inhalt, nach dem Innen und dem Außen eines Körpers. Der Stoff (Materialien), die Helfer (Mitwirkenden) und die Bestimmung (das Leben darin) sollten die Idee, ein Hüttendorf zu bauen, Wirklichkeit werden lassen.

Kein Raum ist ohne Helfer entstanden … und so galt es, die eigenen Maße, Vorstellungen zur Realisation zu bringen. Die eigene Identität gleicht eigentlich einer Räumlichkeit, einer geistigen, die ihrerseits aus einem Innen und Außen besteht. Sie konnte sich im Spiel – oder besser gesagt – in einer selbstgewählten Rolle als »Flüchtlingskind« innerlich darleben, äußerlich in den Bautagen. Weltinteresse gründet auf Empathie und so lebten die Kinder für eine Zeit das Leben anderer Kinder dieser Welt nach und mit. Das Eintauchen in die Biographie eines Anderen lebten die Kinder ernsthaft und intensiv. Ich baue meine Räume, richte sie ein und lebe in ihnen, dieses aber immer im Umraum meiner Nächsten (Klassenkameraden, Eltern, Großeltern), im »Wir-Raum«. Das hat der sich inkarnierenden Seele Freude, Zuversicht und Vertrauen geschenkt. Das Dorf wurde zum unausgesprochenen Sinnbild von Individualisierung in und mit der Gemeinschaft.

Zum Autor: Andreas Stohlmann ist Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall.

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