Der gute Mensch

Von Henning Köhler, Juli 2014

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 gesteht allen Menschen eine »angeborene Würde« zu, aus der sich »gleiche und unveräußerliche Rechte« ergeben. Nun wird aber in dem Gesetzestext »Würde« an »Vernunft« und »Gewissen« gekoppelt.

Das wirft Fragen auf. Verfügen z.B. Säuglinge über Vernunft und Gewissen? Im geläufigen Sinn der Begriffe wohl kaum. Wie aber, wenn dem verstandesmäßigen Erfassen von Bedeutungen und Zusammenhängen (Vernunft) und sittlichen Werten (Gewissen) ein erkennendes Fühlen derselben zugrunde läge?

Ich halte das, belehrt durch entwicklungspsychologische Studien, für nahezu zwingend. Vernunft und Gewissen gehören zur universellen Grundausstattung des Menschen, aber nicht nur irgendwie als Potenziale, sondern als a priori wirksame Seeleneigenschaften. Paradoxerweise gehört jede Menge Vernunft dazu, vernünftig denken zu lernen. (Vernunft kommt von Vernehmen.)

Die angeborene Meisterschaft der Kinder beispielsweise, den Sinn gesprochener Worte zu erfassen, auch wenn es Worte ohne Gegenstandsbezug sind, resultiert offensichtlich nicht aus rationalen Denkvollzügen, sondern geht ihnen voraus und überbietet sie in mancher Hinsicht weit. Gene und bedingte Reflexe liefern keine Erklärung für das Phänomen des intuitiven Gewahrwerdens. Neuronale Vernetzungen verstehen nichts. Sie bilden sich auch nicht kurzerhand durch Prägungen, sondern durch eine a priori vorhandene Fähigkeit der aktiven und individuell-selektiven Eindrucksverarbeitung.

Es liegt also nahe, neben Vererbung und Umwelt einen dritten entwicklungsbestimmenden Faktor vorauszusetzen: das zur bewussten Selbst- und Weltvergewisserung hinstrebende (aber, wie aus heilpädagogischer Sicht hinzuzufügen ist, nicht unbedingt in dieses Stadium eintretende) geistige Subjekt. Hinsichtlich des Gewissens stoßen wir auf ein ähnliches Paradoxon. Zur Ausbildung eines moralischen Wertebewusstseins gehört jede Menge Moral, besser gesagt: moralisches Empfinden. Das Kind ist qua Geburt erwartungsvoll (und nachahmungsbereit) eingestimmt auf humane Grundgesten wie Teilen, Schenken, Helfen, Pflegen und Trösten: ethische Ur-Szenen. Gewissensbildung setzt ein antizipierendes Innesein der Werte voraus, die erst später im Denken erscheinen.

Richtet sich jemand bewusst an sittlichen Maximen aus, muss ihn keineswegs sein Gewissen leiten. Umgekehrt regt sich das Gewissen nicht erst, wenn die bewusste Ausrichtung an sittlichen Maximen beginnt. Nachahmungsbereite Hinneigung zum Guten ist eine anthropologische Konstante. Zwar fordern in der Kindheit auch destruktive Antriebe ihr Recht, doch sie obsiegen nur, wenn jene Präferenz durch missliche Umstände außer Kraft gesetzt wird. Das Gewissen an sich hat eher musikalischen Charakter. Es unterscheidet Wohl- und Missklänge im Zwischenmensch­lichen. Säuglinge sind keine vernunft- und gewissenlosen Wesen.

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