Der Hände Taten

Von Mathias Maurer, Oktober 2014

Paul stickt an seiner Tasche. Unermüdlich geht die Nadel über Kreuz mit Fäden in wechselnden Farben. Er schwitzt leicht, die Zunge im Mundwinkel, die Finger mit der Nadel suchen vorsichtig das richtige Löchlein – der bewundernswerte Willenseinsatz des Viertklässlers ist nicht zu übersehen. Das geht eineinhalb Stunden so.

Julia steht in der Schreinerwerkstatt. Sie hat einen Hobel in der Hand und zieht ihn in fließender Bewegung über das eingespannte Brett. Sie spürt immer wieder mit der Hand die Oberfläche ab, als hätte sie Augen, ertastet Unebenheiten, pustet Späne von der Oberfläche, atmet durch, sichert ihren Stand, setzt neu an. Julia geht in die achte Klasse, ist sehbehindert und schreinert sich ein CD-Regal.

Erik baut ein Faltboot; er informiert sich, denkt nach, vergleicht und prüft, macht Konstruktionspläne, näht, leimt, spannt und schraubt. Das fertige Boot soll ihn samt Gepäck durch norwegische Fjorde tragen.

Wer sich die Hände eines Menschen anschaut, sieht mehr als ein praktisches Werkzeug des mensch­lichen Körpers. Der Hände Schaffen erscheint wie losgelöst von der bloßen Beherrschung dieser Gliedmaße. Wie von Geisterhand bewegt sich die geübte Hand, ob beim Geigenvirtuosen oder beim Stricken von Pullovern. Der Hände Taten schaffen Werke, Tatsachen, die sich in die Zukunft einprägen. Als fände sich der ganze Mensch in der Hand, als berge sie sein Schicksal. – Wird das Boot dicht halten, die Holzfugen passgenau, das Stickmuster exakt sein?

Dass das Denken, das Auffinden von Begriffen, die zu einer Erkenntnis führen, mit dem Begreifen zusammenhängt, liegt auf der Hand. Dieses lässt sich, wie wir sehen, nicht ohne Einfühlung und Willenseinsatz bewerkstelligen. Und ob das, was man sich da so ausgedacht hat, auch wirklich gebrauchstüchtig ist, zeigt unbestechlich das Werk unserer Hände.

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