Der Hort als Ort des freien Spiels

Von Angelika von Bremen, Februar 2013

Der Schwerpunkt des Hortkonzepts der Rudolf-Steiner-Schule München-Daglfing liegt in der Förderung des Freispiels. Sie fragen sich vielleicht: Warum muss jetzt auch noch das Freispiel gefördert werden? Müsste das nicht der letzte Bereich sein, aus dem wir Pädagogen uns im allgemeinen Förderungswahn heraushalten?

Ein Blick zurück zeigt, dass noch in den 1960er Jahren das Spiel von Schulkindern eine Angelegenheit war, die weitgehend ohne Erwachsene stattfand. Der räumliche, zeitliche und disziplinarische Rahmen war in der Regel enger als heute. Die Wohnungen waren kleiner, der Tagesrhythmus wurde strenger eingehalten und die Strafen für Unhöflichkeit, Unpünktlichkeit oder wenn etwas kaputt ging, waren wesentlich härter als heute, aber die Umgebung ermöglichte kleinere und größere Fluchten.

Der Schulweg bot zumindest an der einen oder anderen Stelle ein potenzielles Abenteuer. Nach den Hausaufgaben fand sich in der Nähe ein Stück Brachland, ein wilder Garten, ein Abbruchhaus oder ein Schuppen, in dem man alle Pflichten vergessend ein Spiel entwickeln und darin aufgehen konnte.

In den folgenden Jahrzehnten wurden den Kindern in der Familie immer mehr Freiheiten eingeräumt, die Kinderzimmer wurden größer und auch die allgemeine Bewegungsfreiheit innerhalb der Wohnungen nahm zu. Die Kinder durften auch mal in der Wohnung toben, laut oder auch nur faul sein. Dafür wurde die Außenwelt – Schulweg, Brachland oder Parks – von den Eltern als wesentlich gefährlicher eingeschätzt und so der Radius, in dem ohne Anwesenheit von Erwachsenen gespielt werden durfte, immer enger. Außerdem bekam die Schuldfrage bei Konflikten oder Unfällen aller Art einen höheren Stellenwert, was einerseits mit dem wachsenden Versicherungswesen zusammenhing (»Eltern haften für ihre Kinder«); andererseits mischten sich Eltern mehr in die Konflikte der Kinder ein und wurden zu deren Anwälten und Richtern. Insgesamt durften Kinder nun mehr unter Aufsicht, aber weniger ohne Aufsicht, was ihre Möglichkeiten empfindlich einschränkte, selbst Erfahrungen zu sammeln.

Flussbett und Strandgut draußen

Die Frage, die wir uns nun stellten, war, wie wir den Reiz dieses nicht mehr vorhandenen Brachlandes, des Bahndamms oder der geheimen, erwachsenen-freien Zonen in die Realität eines Schul- oder Hortgartens übertragen können. Natürlich wollten wir viel Grün – Bäume, Büsche und Blumen. Nur leider ist das Mengenverhältnis von Kindern und Pflanzen in einem städtischen Schulhof dem Wachstumsprozess der Pflanze nicht sehr zuträglich. Erzieher können da unversehens zu Hausmeistern der alten Schule mutieren, die wegen der Grünanlagen ein großes »Spielen verboten« auf der Stirn stehen hatten. Was also tun? Wie muss der Raum zum Spielen aussehen?

Er sollte einem breiten Flussbett gleichen, in dem sich das Spiel täglich einen neuen Weg suchen kann. Natürlich sind die Quadratmeter im Haus und erst recht im Garten begrenzt, wenn der Hort in der Stadt liegt. Aber auch ein Flussbett hat Grenzen und unterscheidet sich doch gewaltig von einem Kanal.

Für die Gartengestaltung heißt das: Ein Sandkasten, der wirklich bespielt werden kann, sollte eher einer Wanderdüne als einem Frühbeet gleichen. Bei der Bepflanzung muss ein Gleichgewicht aus zu schützenden Pflanzen und einer Art nachwachsender Rohstoffe erhalten werden. Büsche und Bäume müssen immer wieder mal eine Weile geschützt werden, um sich kräftig genug zu entwickeln, damit sie Schutz, Schatten, Früchte oder Grenzen bilden können, die wiederum die so wichtigen Räume schaffen. Aber es muss auch Büsche geben, die bespielbar sind und die notwendigen Stöcke liefern – Büsche, in denen man sich verstecken kann, die Teil von Behausungen oder Schutzwälle sind.

Wir verlangen durchaus, dass nicht durchs Blumenbeet getrampelt wird, aber Blütenblätter, Hagebutten oder Lampignonblumen können für ein Spiel Grundlage oder Accessoire sein und dürfen in Maßen dafür auch verwendet werden. Früchte aller Art, ob essbar oder nicht, kann man beim Spiel gebrauchen, und Schnecken sind die Maikäfer unserer Zeit. Für sie werden ganze Städte aufgebaut, sie werden gesammelt und dann in die Schule, ins Schwimmbad oder zum Einkaufen geschickt.

Schulkinder brauchen erwachsenen-freie Zonen

Kindergartenkinder versinken so sehr in ihr »Du solltest jetzt, Du wärst jetzt«-Spiel, dass es völlig irrelevant ist, ob ein Erwachsener im Raum ist oder nicht. Schulkinder hingegen wollen erwachsenen-freie Zonen. Dies mit der Aufsichtspflicht zu vereinbaren, ist nicht immer leicht, gelingt aber doch meistens, wenn man sich selbst beschäftigt und ein Ohr und ein Auge für die Umgebung hat, wenn man mit oder ohne Kinder Gartenarbeit macht, etwas repariert oder einfach nur mit einzelnen spielt, während das Gros der Kinder sich selbst genug ist.

So wie der Raum einem Flussbett gleichen soll, ähnelt das Material Strandgut. Es gibt eigentlich nichts, was Kindern nicht zum Spielen dienen könnte. Ein schräg gelegtes Brett kann von der Autorennstrecke bis hin zum Zahnarztstuhl, ein Stück Holz vom Brotlaib bis zum Computer alles Mögliche sein. Und es wird selbstverständlich darauf geachtet, dass das Brot nicht verbrennt und die Daten im Computer gespeichert sind, bevor man weggeht. In diesem Sinne sammeln wir eher Material, als dass wir einkaufen. Müll wird in diesem Zusammenhang ein dehnbarer Begriff. Wie lange hält doch ein alter Tisch im Garten und zu welch herrlichen Spielen inspirierten seine Einzelteile, als er dennoch brach. Wir staunen immer neu, wozu ein alter Korbstuhl, eine Seiltrommel oder zwei Europaletten alles dienen können. So versuchen wir, ein wenig Bahndammatmosphäre in den Hortgarten zu bekommen und durch Entsorgung der gefährlichen Teile – der Bretter mit Nägeln, Scherben oder Eisenstangen – unserer Aufsichtspflicht nachzukommen, ohne das Spiel zu behindern.

Höhlen und Wellness-Hotels drinnen

Im Haus wollten wir neben dem großen Gruppenraum mehrere kleine, fast leere Räume haben, die nur mit Tüchern, Kissen, Matratzen und ein paar flexiblen Möbelstücken ausgestattet sind. Die Tücher sind mal Kleider, mal Wände, mal Bettzeug, mal Tischdecken. Ein Kissen kann die letzte Auflage auf einen Thron sein, es kann aber auch – mit der Spitze nach oben an die Stirn gebunden – zur Mitra werden. Matratzen dienen als Betten, Mauern oder Inseln. Ein Tisch wird durchaus mal als solcher genutzt, aber einmal gekippt kann er auch die Basis für ein Haus, auf die Platte gedreht, die Basis für ein Schiff sein. So werden in diesen geschützten Räumen hinter geschlossenen Türen Höhlen, Krankenhäuser oder Wellness-Hotels gebaut. Hier entstehen Geisterbahnen, es werden Schaukämpfe veranstaltet, und es wurden auch schon Messen gelesen. Die Spielmöglichkeiten in diesen Zimmern scheinen unendlich zu sein. Es gibt Moden, die Themen ändern sich immer wieder einmal, aber nie bleiben diese Räume unbespielt.

Spiel braucht Zeit – gefühlte Unendlichkeit

Um sich in diesem Flussbett bewegen zu können – und Spielen heißt körperliche, seelische und geistige Bewegung –, braucht das Kind Zeit. Dabei geht es nicht um eine messbare Menge Zeit. Ein schönes Spiel kann Stunden dauern, in denen man alles vergisst, Hunger, Durst, Kälte oder Hitze, ganz abgesehen von Hausaufgaben oder anderen Pflichten. Es kann aber auch kurze Zeit dauern und dennoch sehr intensiv sein. Es geht nicht um die konkrete Länge, es geht um gefühlte Unendlichkeit. Wir müssen uns im Hort der Realität stellen, dass viele Grundschulkinder auch nachmittags eine Art privaten Stundenplan haben. Sei es, dass sie selbst eine Musik-, Sport- oder Reitstunde haben, sei es, dass sie mit müssen, weil die Geschwister zum Ballett, Töpfern oder Judo gebracht werden und es die Familienlogistik nicht anders zulässt, als dass alle mitfahren. Wir versuchen, durch einen gewissen Rahmen bei den Abholgewohnheiten dem Spiel der Kinder Respekt zu zollen, den Wert des freien Spiels als zumindest gleichberechtigt neben Geigenstunde, Sportverein, Ballett- oder Reitstunde wahrzunehmen. Und wir nehmen den Kindern den unvermeidlichen Blick auf die Uhr ab. Wir rufen zu Tisch oder zu den Hausaufgaben, wir wissen, wann sie sich fertig machen müssen, um rechtzeitig zur S-Bahn, zur Musikstunde oder in den Fußballverein zu kommen. Die Kinder vertrauen uns und können so die Zeit vergessen, was so nötig ist für ein intensives Spiel.

Unser Ziel ist es, die Voraussetzung für das Spielen zu schaffen, indem wir Räume gestalten, Material bereitstellen und die Terminpläne im Auge behalten. Es ist immer wieder eine Freude zu beobachten, wie diese Zeiträume von den Kindern ergriffen, erobert, ausgefüllt, gestaltet, bearbeitet, verändert, durchdrungen – kurzum: bespielt werden.

Zur Autorin: Angelika von Bremen ist Erzieherin an der Rudolf-Steiner-Schule München-Daglfing

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