Der Mensch verschwindet

Von Wolfgang Debus, Mai 2015

Der Chef eines großen Unternehmens gibt eine Gratis-Eintrittskarte für einen Konzertabend an seinen Prokuristen weiter. Auf dem Programm steht Schuberts »Unvollendete«.

Nach dem Konzert erhält der Chef ein Schreiben von seinem Prokuristen, das seine Eindrücke dieses Abends widergibt: Ihm ist aufgefallen, dass sehr viel unnötige, überflüssige Arbeit und Energie und damit auch unnötige Kosten für diese Aufführung aufgewendet wurden. Aus seiner Sicht hätte man Mehrfachbesetzungen bei allen Instrumenten sowie Wiederholungen etlicher Passagen einsparen können und so das ganze Stück mit erheblich weniger Musikern in einer wesentlich kürzeren Zeit aufführen können. Was uns wie ein Witz vorkommt, ist bitterer Ernst.

Das Bild führt uns anschaulich vor Augen, wie das Denken und Handeln vieler Menschen immer mehr von Rationalisierungsberechnungen in Besitz genommen wird.

Einige Jahrzehnte der Besinnung nach den schrecklichen Erfahrungen eines solchen nüchternen Wirkens, das sich in zwei Weltkriegen entlud, brachten eine kurze Erholung und Ausrichtung auf die Entwicklung sozial tragfähiger Verhältnisse: Die Politik hat einen Wohlfahrtsstaat errichtet. Dienstleistungen wurden so bezahlt, dass die Mitarbeiter in menschlichem Arbeitstempo und mit angemessenem Zeitaufwand ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten erschreckend verändert.

Ulrich Schneider ist seit 1999 Geschäftsführer des »Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes«. Als solcher kennt er die Gesetzesentwicklung im Sozialbereich, er weiß um die Kämpfe, die täglich geführt werden müssen, um sozialen Einrichtungen das wirtschaftliche Überleben zu ermöglichen.

In einer Gesellschaft, die beherrscht wird von betriebswirtschaftlichen Theorien und Praktiken, in der es vor allem auf Effizienz und Berechenbarkeit ankommt, in der der Mensch wie eine einstellbare, abstellbare oder reparierbare Maschine behandelt wird, bleibt kein Raum mehr für das eigentlich Menschliche. Und die bestimmende Politik drängt in die gleiche Richtung.

Man darf erschrecken darüber, wie weit die Rationalisierung und Normierung im Pflegebereich eine menschenwürdige Behandlung verhindert. Man darf erschrecken darüber, wie leicht Politik, Unternehmertum und Angestellte sich dazu bereit finden, dem Time-is-Money-Slogan bis zur äußerst möglichen Verknappung von Handgriffen zu folgen. Das Buch liest sich in weiten Passagen wie ein Krimi – und ist doch ein erschütternder Tatsachenbericht.

Ulrich Schneider: Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen, kart., 160 S., EUR 13,99, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2014

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