Der Menschenentdecker

Von Tomás Zdrazil, Oktober 2018

E. A. Karl Stockmeyer hat nicht nur die gesamte Administration der ersten Waldorfschule koordiniert, sondern auch das Überleben der Uhlandshöhe gesichert.

E. A. Karl Stockmeyer

Neben dem Schulgründer Emil Molt und dem Schulleiter Rudolf Steiner gab es in der Zeit der Waldorfschulgründung die Rolle des Schulverwalters. Diese übernahm der 33-jährige Naturwissenschaftler E. A. Karl Stockmeyer. Unter den anthroposophischen Lehrern war er derjenige, der sich öffentlich und aktiv mit bildungspolitischen Fragen befasste. Aus der »Philosophie der Freiheit« Steiners entwickelte er eigenständige Ideen zur geistigen Ausrichtung des deutschen Bildungswesens, die er auch publizierte. Molt hat sich mit der Bitte an ihn gewandt, ihn in seinem Plan, in Stuttgart eine freie Schule zu gründen, zu unterstützen.

Stockmeyer hat sich jedoch nur als organisatorischer und konzeptioneller Berater und Helfer aufgefasst. Steiner intervenierte, worauf sich Stockmeyer neben Herbert Hahn der neuen Stuttgarter Schul-Initiative auch als Lehrer anschloss und sich vom Staatsdienst beurlauben ließ.

In der Erarbeitung eines Lehrplans musste er sehr mit den Anschauungen Steiners ringen, die dahin gingen, auf die üblichen Lehrpläne zu verzichten und etwas Eigenständiges zu entwerfen. Er konnte sich auch kaum etwas anderes als den klassischen Stundenplan vorstellen. Doch er überwand sich. Stockmeyer kümmerte sich auch um das künftige Kollegium und ließ sich auf eine »Menschen-Entdeckungsreise« ein. Er sollte – wie Steiner sich scherzend ausdrückte – »die Stars zusammensuchen«. Im August 1919 zog Stockmeyer von Mannheim nach Stuttgart in das neue Schulgebäude um. Er organisierte den Vorbereitungskurs und alle weiteren Kurse Steiners für das Kollegium, die Einrichtung des Baues, das Mobiliar, die Lehrmittel, den Stundenplan, die Leitung der Konferenzen, die Kommunikation mit den Schulbehörden und die gesamte Verwaltung der Schule.

Sein Unterricht richtete sich auf die naturwissenschaftlichen Fächer der obersten Klassen. Er hat vieles aus dem Themenfeld »Lebenskunde und Technologie« in den Lehrplan der Waldorfschule eingeführt, so zum Beispiel das Feldmessen. Stockmeyer war der Vermittler zwischen Steiner und dem Kollegium und zeigte ihm gegenüber eine ungewöhnlich souveräne Haltung: »Sie zeigte sich in den Konferenzen bis in seine äußere Haltung, wenn er mit auf die Hand gestütztem Kinn dasaß und sorgfältig wägend jedes Wort verarbeitete«. Steiner hatte den Wunsch, dass er – wie Herbert Hahn – promovieren sollte.

Doch daran war bei dem immensen Arbeitspensum nicht zu denken. Seine wissenschaftlichen Interessen und Fragen hat er zugunsten des Schulbetriebs und der praktisch-organisatorischen Seite der Schulgründung zurückgestellt. Dass das Wunder der Schulgründung organisatorisch glückte, dass die Schule durchgehend gute Beziehungen zu den Behörden hatte, war Stockmeyer zu verdanken. Die enorme Verwaltungsarbeit des Waldorfschulvereins, der die Schule finanzierte, lastete vorwiegend auf seinen Schultern. Er verfasste in den wirtschaftlich schwersten Jahren 1922/23 Hunderte und Aberhunderte von Bittbriefen an die deutschen und ausländischen Förderer der Schule. Wer weiß, ob die Schule ohne diese Aktivitäten überlebt hätte?

Stockmeyer blieb der Schule bis zu ihrer erzwungenen Schließung 1938 treu und hat besonnen ihre Auflösung begleitet. »Die Arbeit in der Waldorfschule, bis 1925 unter der Leitung von Rudolf Steiner, dem hervorragenden deutschen Philosophen, Geistesforscher und bahnbrechenden Pädagogen, hat mir unvergleichlich starke und fördernde Anregungen und anderweitig nicht mögliche Erfahrungen gebracht, die für das öffentliche Erziehungswesen auszuwerten ich mich für mein ferneres Leben verpflichtet fühle«, schrieb er wahrheitsgetreu, aber vor allem mutig in seine Bewerbung um eine Lehrerstelle im Januar 1940 (!).

In einem von der NSDAP ausgestellten Gutachten über ihn aus der gleichen Zeit steht: »Stockmeyer war ein fanatischer Anthroposoph. Er war maßgebend für die anthroposophische Leitung an der Waldorfschule, war Mitglied des Waldorfschulvorstand-Rates und Leiter der 100 Waldorf­schul-Ortsgruppen. Gegen den Nationalsozialismus nahm er immer scharf Stellung, auch nach der Machtübernahme. Er trägt die Hauptschuld an der ablehnenden Haltung der Lehrerschaft der Waldorfschule. Weltanschaulich und politisch ist er abzulehnen und als Lehrer untragbar.« Schließlich hat er doch eine Lehrerstelle in Königsfeld bekommen, doch wurde seine komplette anthroposophische Bibliothek von der Gestapo beschlagnahmt. Nach 1945 half er bei der Gründung der ersten Waldorfschule in Freiburg.

Bis zu seinem Tode 1963 lebte zurückgezogen in Malsch und beschäftigte sich mit erkenntnistheoretischen und pädagogischen Fragen.

Zum Autor: Prof. Dr. Tomás Zdrazil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

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