Der sichere Ort

Von Urs Kaiser, April 2016

Ist unsere Schule ein sicherer Ort? Diese aus der Traumapädagogik stammende Frage könnte ein Schlüssel für die Weiterentwicklung von Waldorfschulen sein.

Foto: © étoile/photocase.de

Der Begriff »sicherer Ort« meint nicht nur einen physischen Ort, der Gefahren und Bedrohung abhält. Es geht um einen Vertrauensort, wo ich mich wohl und sicher fühle, Geborgenheit erfahre, beschützt und verteidigt werde, wo meine Grenzen geachtet werden, wo ich verstanden werde, einen Fehler auch ein zweites Mal machen darf, mich öffnen kann, meine Stärken gesehen werden, meine Meinung gehört wird und mein Verbleib nicht in Frage gestellt wird.

Ein sicherer Ort ist ein Ort, an dem Entwicklung und Wachstum möglich sind, der es erlaubt, die Überlebensstrategien Flucht, Kampf und Erstarren, auf die wir bei Verunsicherung unwillkürlich zurückgreifen, durch neue Verhaltensweisen und gute Erfahrungen zu ersetzen. Ist in unserem Erleben als Schüler, Lehrer oder Eltern Sicherheit und Geborgenheit nicht gegeben, sind wir mit Abwehr von Bedrohung beschäftigt. In diesem Zustand kann weder Lernen noch Verhaltensänderung noch die Aneignung neuer Er­lebensmuster gelingen. Vielmehr chronifizieren sich vermeidende Kommunikationsmuster auf der Ebene der Klassen- gemeinschaft ebenso wie auf der Ebene der Kollegiums­arbeit. Der sichere Ort ist also nichts Statisches. Um ihn muss gerungen werden.

Die Traumapädagogik stellt das Milieu eines Ortes in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit. Belastende und förderliche Umfelder stehen sich gegenüber.

Was macht einen Ort sicher?

Die Frage ist, was einen Ort für jeden Einzelnen sicher oder unsicher macht. Wo ist zum Beispiel auf dem Schulcampus für die Schüler der unsicherste Ort und wo für Lehrer? Der Konferenzraum kann für den einen Lehrer der sicherste Ort sein, für den anderen der unsicherste. Auf seelischer Ebene stellt sich die Frage, was mir Rückhalt gibt und was mir oder uns eher den Boden unter den Füßen wegzieht, wie wir mit negativen Gefühlen wie Ekel oder Ohnmacht umgehen. Haben wir den Mut zu unserer Wahrheit zu stehen? Am Ende ist es eine Frage der Selbst-Führung, wie man mit den so gewonnenen Erkenntnissen umgeht.

Wie also schaffen wir den äußeren sicheren Ort durch ein therapeutisches Milieu, ästhetische Erziehung, durch trans­parente Regeln und Strukturen? Gleichzeitig geht es immer auch um den inneren sicheren Ort, an dem ich als Erwach­sener lernen kann, mich selbst zu führen und in meinem Verhalten zu beobachten. Wenn mich ein Kollege verunsichert, ist das zunächst eine Frage an mich. Ich muss den Stressor an mir bemerken und mich darum bemühen, in meiner Kraft zu bleiben. In einem nächsten Schritt kann ich dann den Kollegen bitten, etwas im Kontakt zu verändern. Beim inneren sicheren Ort geht es also um Bewusstwerdung eigener Muster, um Verantwortungsübernahme und dann um Kommunikation auf Augenhöhe.

Raus aus dem roten Bereich

Die Traumapädagogik kennt viele Möglichkeiten, wie eine Gemeinschaft, die am sicheren Ort für alle bauen will, vorgehen kann. Zum Üben und Institutionalisieren von Kommunikation auf Augenhöhe bietet sich die von Jacob Bausum vom Zentrum für Traumapädagogik in Hanau entwickelte und erprobte Ampelrunde als Methode der Gruppenre­flexion an. Die Ampel ist jedem aus dem Straßenverkehr bekannt. Die Bedeutung ist ebenso klar wie die Folgen der Missachtung. Während grün eindeutig positiv ist und rot ein unverhandelbares Halt bezeichnet, zeigt gelb, dass weitere Kommunikation in der bisherigen Form das Rot zur Folge haben wird oder Rot sich abschwächt. Während im grünen Bereich gewünschtes Verhalten positiv verstärkt wird, verweist gelb auf eine als grenzverletzend erlebte Störung, die im Interesse beider Seiten zu beachten ist. Nächste Schritte in Richtung einer gelingenden Kommunikation werden deutlich mit Fragen wie: »Was müsste XY mehr oder anders machen, damit die Ampel von gelb nach grün umspringen würde?«.

Die Ampelrunde kann leicht im Rahmen der Intervision in Konferenzen ohne Berater durchgeführt werden, wenn die Regeln eingeübt sind. Sie kann auch im Rahmen der Gewaltprävention und der Entwicklung der Klassenkultur pädagogisch genutzt werden. Wichtig ist es, zwischen einer Person und deren Verhalten zu unterscheiden. Dazu gilt es, in Ich-Botschaften zu sprechen und jeweils deutlich zu machen, dass ein Verhalten für mich im roten Bereich liegt und ich mich nicht dafür rechtfertigen muss, dass dies aber auch nicht bedeutet, dass der Adressat problematisch ist, sondern dass ich es so erlebe und darum bitte, das anzuerkennen. Mit der Ampelrunde wird ein Konflikt bearbeitbar und die Beteiligten sind ihm nicht ausgeliefert, sondern können sich als kompetente Mitgestalter erleben, die für sich sorgen und das Bemühen des Anderen bemerken und rückmelden.

Jeder hat seinen Grund

Ein weiterer Baustein der Pädagogik des sicheren Ortes ist die Annahme eines guten Grundes: »Alles, was ein Mensch zeigt, ergibt Sinn in seiner Geschichte.« Gute Gründe sind immer emotionale Ausgangslagen. Kinder und Jugendliche wollen sich selbst verstehen und auch ihre inneren guten Gründe erkunden, warum sie sich etwa in einer Weise verhalten, unter der auch sie leiden. Damit dies gelingt, brauchen sie erkundungsfreudige Pädagogen, die offen sind, Schüler als Experten ernst zu nehmen. Die Frage nach dem guten Grund bedeutet nicht, dass ich das Verhalten billige, es bedeutet aber, dass ich mein Gegenüber in seinen Motiven verstehen will, um es darin zu unterstützen, phantasievollere Verhaltensweisen auszuprobieren, die eher zum Ziel führen.

Der Blick auf verhaltensauffällige Schüler kann sich dadurch sehr verändern: Verhält sich ein Schüler scheinbar bizarr, könnte das daran liegen, dass er höchst erregt ist und in elementare Muster zurückfällt. Der Schüler kämpft womöglich in diesem Moment, wo es eigentlich nur ums Rechnen geht, um sein Überleben und ringt um die Herstellung eines sicheren Ortes für sich selbst. Wenn das zuträfe, dann hätte er einen guten Grund, sich so zu verhalten, wie er es tut. Er bemüht sich um Bewältigung der Situation mit den Mitteln, die ihm in dem Moment zur Verfügung stehen. Die Rollenerwartungen der Institution Schule spielen im Moment

existenzieller Verunsicherung für den Schüler keine Rolle. Reagiere ich als Lehrkraft nun so, dass ich die Verunsicherung erhöhe, um ein eigenes Ohnmachtsgefühl zu vermeiden oder gelingt es mir, mich zu regulieren und so für den Schüler Verlässlichkeit und Sicherheit auszustrahlen?

Gleiches gilt für Erwachsene. Auch ihr Verhalten ergibt vor dem Hintergrund ihrer Geschichte einen Sinn, den wir noch nicht kennen. Ihn zu verstehen, ohne deswegen das Verhalten gut zu heißen, ermöglicht uns, eine Beziehung vom Ich aus zu gestalten. Mit der Frage nach dem guten Grund ist man nicht nur bei »Problemträgern« einfühlend, man kann vielmehr Situationen schaffen, die für alle fruchtbar sind, und damit auch günstige Lernbedingungen.

Hilfreiche Fragen für die Praxis:

  1. Was fällt mir auf, wenn ich meine Schule unter der Perspektive des »sicheren Ortes« betrachte? (Kultur im Kollegium, Umgang mit Konflikten, Gestaltung der Räume für Lehrkräfte und Schüler)
  2. Habe ich als Lehrkraft einen ausreichend sicheren Ort für mich, um den Schülern und Kollegen gegenüber sicher auftreten zu können?
  3. Habe ich Rückhalt durch die Schule für das, was ich mache?
  4. Nehme ich mir als Lehrer ausreichend Zeit, meinen inneren sicheren Ort zu pflegen?
  5. Ist unsere Schule / unser Klassenzimmer / der Schulhof ein sicherer Ort? Wo ist er besonders sicher, wo besonders unsicher – auch im Tagesverlauf: zum Beispiel in der großen Pause beim Fahrradkeller? Wann haben Lehrkräfte zuletzt aus Schülerperspektive einen Rundgang durch das Gelände gemacht?
  6. Ist ein »guter Grund« vorstellbar, aus dem heraus ein Schüler oder Lehrer sich so verhalten hat, wie es zu beobachten war? Wie können Verstehensgrundlagen für untypisches Verhalten geschaffen werden?
  7. Wie entstehen Reflexionsräume durch Supervision und Intervision zur regelmäßigen Kräftigung des Kollegiums als Team?
  8. Werden regelmäßig Kinderbesprechungen als Kraftquelle durchgeführt?
  9. Gibt es Experten für Krisenintervention und Deeskalation im Kollegium?
  10. Wie kann ich Machtkämpfe verhindern und Win-Win-Situationen ermöglichen?
  11. Werden Grenzverletzungen zwischen Schülern und Lehrern mindestens präventiv thematisiert? Gibt es Schutzkonzepte für Schüler und Lehrer?
  12. Gibt es Schulungen zur Stressregulation und aktiven Erholung für Lehrer, insbesondere bei hoher Belastung oder bei Überforderung?

Traumapädagogik, so meine Erfahrung, zeigt Wirkung auf allen Ebenen einer Organisation und ist geeignet, eingeschliffene Muster aufzubrechen. Sie erlaubt es –  getragen vom gemeinsamen Sinn, einen sicheren Ort für alle Beteiligten zu schaffen –, Verunsicherung auszuhalten und gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen.

Der Schulungsweg des Lehrers hat in einer forschenden Grundhaltung seinen Ausgangspunkt. Laut Rudolf Steiner soll er ein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit, den Mut zur Wahrheit und Phantasie entwickeln. Ein sicherer Ort lebt vom Verantwortlichkeitsgefühl der Menschen für diesen Ort und von der Selbstfürsorge jedes Erwachsenen. Er wird dadurch sicher, dass jeder den Mut entwickeln kann, zu sich und seiner Wahrheit zu stehen, ohne Abwertung fürchten zu müssen. Die Phantasie ist hilfreich, um sich in die Lebenswelt des anderen und seine guten Gründe einfühlen zu können. Sie hilft Lösungen da zu finden, wo zunächst nur Ohnmachtsgefühl herrscht, weil das Geplante nicht greift und fördert so die Fähigkeit auch unter Stress handeln zu können.

Zum Autor: Urs Kaiser ist Waldorflehrer, Supervisor DGSv, Systemischer Berater M.A., Traumapädagoge. Er leitet das Seminar am Michaelshof, Fachschule für Jugend- und Heimerzieher in Kirchheim/Teck

Literatur: J. Bausum et al: Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis, Weinheim 2013 | W. Weiß: Philipp sucht sein Ich, Weinheim 2008 | M. Schmid et al: Traumapädagogik in psychosozialen Handlungsfeldern. Ein Handbuch für Jugendhilfe, Schule und Klinik, Göttingen 2014

Kommentare

Knut Rennert, 23.05.16 11:05

Den Artikel „Der sichere Ort” habe ich mit Gewinn und innerer Zustimmung gelesen. Die Ampelrunde, die Annahme eines guten Grundes und die abschließenden Fragen konnte ich gut nachvollziehen und für wichtig halten. Und trotzdem wurde mir beim Lesen immer unwohler, was ich erst mit etwas Abstand verstanden habe: Es mag wohl sein, dass es in einem geschützten Raum für Traumapatienten richtig ist, sich solchen Fragen direkt zu widmen, doch ist die Schule und das Kollegium nicht in diesem Sinne ein geschützter Raum.

Es müsste, damit das gut gehen kann, schon vorher eine Vertrauensbasis da sein, die dem Einzelnen die Gewissheit gibt, dass ihm das, was er sagt, nicht nachgetragen wird, dass alle, nicht nur Einzelne, drankommen (als Sprecher und Besprochene), und dass alle auch bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Doch wenn dieses Vertrauen da ist, braucht es solche Maßnahmen nicht mehr, weil jeder dann mit jedem sprechen kann über das, was in bedrängt.

Als Bestandteil von Schülerbesprechungen und der meditativen Beschäftigung mit den Schülern und auch Kollegen ist es überaus sinnvoll, sich zu fragen: Wo ist der gelbe oder rote Bereich eines Menschen, und wo liegen die guten Gründe für sein So-Sein? Das habe ich oft getan, musste dabei aber bemerken, dass das durchaus heikel ist. Denn es ist ja eine Form von Magie, wenn ich versuche, in dieser Weise mit dem höheren Ich eines Menschen in Beziehung zu treten – damit berühre ich seinen intimsten Bereich. So kamen einzelne (nicht alle, aber einige) Oberstufenschüler und Kollegen, mit denen ich es schwer hatte bzw. die es mit mir schwer hatten, mit denen ich ich mich in ähnlicher Weise innerlich beschäftigt hatte, zu mir und sagten: „Herr Rennert, sie machen etwas mit mir! Was machen Sie mit mir? Ich möchte das nicht, dass Sie das mit mir machen!” Gelernt habe ich dadurch, was Demut bedeutet, und wie wichtig die Frage ist: Wirkt die Magie, die ich in dieser Weise ausübe, freilassend und freimachend, oder gegenteilig?

So würde ich jetzt sagen: Was für eine Behandlungssituation richtig ist, muss nicht gleichermaßen auch für die soziale und pädagogische Arbeit geeignet sein. Eine Anregung für die innere Arbeit ist dieser Artikel allemal.

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