Der Tag beginnt mit der Praxis

Von Sven Saar, November 2019

In der Freien Waldorfschule Konstanz, die noch im Aufbau begriffen ist, beginnt der Schultag der unteren Klassenstufen mit Handarbeiten, nicht mit Kopfarbeiten. Das Kollegium orientiert sich an chronobiologischen Erkenntnissen und versucht, das Denken der Kinder über die Gliedmaßen anzusprechen.

Zweite Klasse, morgens um fünf nach acht. Tische und Stühle sind noch leer, die Ranzen stehen daneben. Kinder rennen durch die Reihen und spielen Fangen: »Ding, Dong, du bist dran!« – »Gib das her!« – »Lass sie in Ruhe!«

Fünf Mädchen sitzen bei der Praktikantin in der Ecke – denen ist es wohl zu turbulent. Die meisten sind noch draußen, sie wollen sich bewegen. An der Seite wird Tee gekocht, zwei Kinder haben das im Griff. Farina Otten, die Lehrerin, ist noch nicht da, ihre Anwesenheit aber überall zu spüren.

Der gemeinsame Tagesablauf beginnt. Die Kinder stehen in Reihen, sprechen ihre Sprüche, ein Gedicht. Einige schaffen es schon, ganz still zu stehen, andere sind noch zappelig. Zwei Viertklässler klopfen an die Tür: »Können wir ein Cello und eine Geige ausleihen?«

Hände schießen in die Höhe – alle wollen helfen. Man spürt sofort: Wenn Helfen selbstverständlich ist, befinden sich die Kinder auf dem richtigen Weg. Nun wird noch etwas auf den selbstgemachten Instrumenten musiziert. Selbstgemacht? Trommeln aus Bechern, Trompeten aus Gartenschläuchen, Flöten aus Bambusrohren und Flaschen. Ein Nachmittagsprojekt? Nein, ein Teil des Schulkonzepts! An jedem Tag

arbeiten die jüngeren Schüler dieser Schule eine Morgenstunde lang mit ihren Händen – mal bei der Pflege des Schulgeländes, dann mit Ton oder anderen Naturmaterialien oder im selbstgebauten Hochbeet, heute sogar in der Holzwerkstatt. So soll über die Gliedmaßen der Kopf aufgeweckt werden, und so bekommen die Stadtkinder ein Ventil für ihren Bewegungsdrang.

»Learning by Doing«

Farina Otten sagt: »Jetzt erzähle ich euch mal, was wir heute in der Werkstatt machen.« Ein Kind hat schon Äste, Balken und Holzstäbe hereingetragen, ein anderes leere Flaschen aus dem elterlichen Restaurant. Daraus sollen Spiele für den Pausenhof entstehen. Die Konstanzer Schule ist nämlich noch im Entstehen – in einem vorstädtischen Industriegebiet haben die Kinder auf dem engen Gelände kaum Platz, und alle Ressourcen müssen selbst geschaffen werden, am besten ohne dass es viel kostet.

Die heutigen Aufgaben werden an der Tafel erklärt und dann verteilt: »Dafür brauche ich ein paar erfahrene Schnitzer. Wer hat Lust? Danke, Lukas! Wer kann Lukas dabei helfen?«

Ein Balken wird hochgehalten: »Daraus machen wir den König. Wir müssen das abmessen und anzeichnen, bevor wir sägen können. Und hier sind noch ein paar alte Nägel drin. Wer kann die herausziehen?«

»Hier habe ich zwei dünnere Balken: Die sind für die zehn Ritter. Wieviel Stücke müssen wir aus jedem Balken sägen? Dafür brauchen wir zwei Dreierteams. Wisst ihr, was ihr machen müsst? Haben jetzt alle eine Aufgabe?«

Durchweg sind die Kinder gespannt und hochmotiviert: »Ich bin Schnitzer!« – »Und ich Säger!« – »Ich schleife lieber!« – »Alle müssen schleifen, damit es glatt wird!«

Jetzt marschiert die Klasse zur gegenüberliegenden Werkstatt. Hier und dort gibt es ein paar Privatgespräche, aber niemand spielt mehr Fangen. Die Lehrerin und die Praktikantin verteilen Werkzeuge. Voll Eifer steigen alle ein. Jedes Kind wird ganz zur Aufgabe!

Vincent und Finn entdecken ganz von alleine, dass man die Nägel besser herausbekommt, wenn man ein Stück Holz unterlegt und die Zange seitwärts drückt: »Learning by Doing« – die Erfahrung kommt viele Jahre vor der Erforschung der Hebelgesetze, dann können diese auf frucht­baren Boden fallen.

Den zwei Dutzend Achtjährigen wird zugetraut, mit Sägen, Schnitzmessern und Raspeln verantwortungsvoll umzugehen. Hier und da erhalten sie einen kleinen Hinweis und sofort arbeiten sie effektiver und sicherer. Wenn Motivation und Konzentration sich harmonisch vereinen, ist schulisches Lernen buchstäblich ein Kinderspiel!

Ohne schriftliches Konzept

Es ist kurz nach neun. In anderen Schulen sitzen die Kinder jetzt über ihren Heften, lauschen ihren Lehrern oder spielen Flöte. Farina Otten gibt das Signal zum Wegpacken. Man spürt: Das könnte auch noch eine Weile so weitergehen, aber man soll ja aufhören, wenn es am Schönsten ist. Aufräumen und Kehren sind im Nu erledigt. Alle nehmen ihre noch unfertigen Werkstücke mit ins Klassenzimmer und verstauen sie für morgen. Jetzt wird erstmal gefrühstückt. Der Kräutertee, der hier ausgeschenkt wird, ist übrigens auch dem Werkstattkonzept geschuldet: Für einen Schulgarten ist das Gelände viel zu klein, also haben die Kinder Hochbeete gezimmert und mit Kräutern und Gemüse bepflanzt. Für die Lehrer ist diese Art von nachhaltiger Selbstversorgung Konzept, muss besprochen und beworben werden. Für die Kinder ist es Alltag und trägt damit zur Entwicklung gesunder Gewohnheiten bei. Gibt es einen Lehrplan? Was man tut und lernt, orientiert sich wie in allen Waldorfschulen am Entwicklungsstand der Kinder. Natürlich passt man sich an äußere Notwendigkeiten an, hört auf Ideen der Kinder und Kollegen und schaut auf die Jahreszeit und die aktuelle Epoche. Würde ein schriftliches Konzept die Sache nicht verbindlicher machen? Farina Otten lächelt: »Ein Austausch mit den Kollegen ist schon sinnvoll und hilfreich. Aber ich fand es gut, so hineingeworfen zu werden und selber finden zu müssen: Was passt denn jetzt am besten?« Konstanz folgt hier unter anderem den Pionieren der Windrather Talschule in Velbert, wo schon seit langem inklusiv und praxisorientiert gearbeitet wird. Eindrucksvoll ist bei einer so jungen Schule, dass dieser Prozess eben auch »Learning by Doing« vonstatten geht: Man erarbeitet sich nicht in jahrelangen Konferenzen ein Konzept, das man dann, oft gegen interne Widerstände, umzusetzen versucht, sondern jemand hat aufgrund von aufmerksamer Beobachtung einen guten Einfall gehabt und dann wird das ausprobiert. Was sich bewährt, wird weiterentwickelt, was nicht gut geht, lässt man fallen. So haben neue Initiativen eine nachhaltigere Zukunft. Mittel- und langfristig soll die Werkstattidee auch für die älteren Kinder angeboten werden. Die junge Schule wird bald mit einer Oberstufe beginnen und irgendwann ein Schulhaus bauen müssen. Das geht auch in kleinen Schritten, Seite an Seite mit Kindern und Eltern.

Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Pädagogik ist die wichtigste im modernen Erziehungsdiskurs. Wie nie zuvor ist den heutigen Impulsgebern bewusst, dass gesellschaftliche Paradigmen nicht von langer Dauer sind. Was im Jahr 2019 als modern gilt, kann 30 Jahre später längst überholt sein. Daher ist es bedeutsamer denn je, dass sich die Schule am Kind und nicht an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert. Bestrebungen nach einer Öffnung des Fächerkonzepts, des Stundenplans, des traditionellen Bildes vom lernenden Menschen sehen wir seit etwa der Jahrtausendwende vor allem in Waldorfschulen.Wenn das wie in Konstanz und an vielen anderen Schulen im bescheidenen, verantwortungsbewusst-experimentellen und doch lebensnah-spielerischen Rahmen geschieht, spürt man: Hier sind Menschen am Puls der Zeit.

www.waldorfschule-konstanz.de

Zum Autor: Sven Saar ist nach dreißig Jahren Waldorflehrertätigkeit nun in der Lehreraus- und -weiterbildung aktiv. Er lebt und arbeitet vorwiegend in England.

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