Der Tastsinn: Der Wille in der Wahrnehmung

Von Peter Loebell, Februar 2012

Auf die Schürze an der Rückseite des Auto-Beifahrersitzes sind sechs unterschiedlich große Taschen aufgenäht. Für eine längere Fahrt bewahren die Kinder dort gerne ihr Spielzeug und ihren «Proviant« auf. Allein unterwegs, greife ich während einer Pause in eine der Taschen und spüre etwas Feuchtes, Kühles in meiner Hand. Es fühlt sich außen matschig und nachgiebig an, scheint aber in der Mitte fester zu sein. Ich bin unangenehm berührt, leichter Ekel steigt in mir auf. Als ich den unbekannten Gegenstand ans Licht befördere, erkenne ich den abgenagten Rest eines weitgehend verzehrten Apfels. Nach verlässlichen Berechnungen muss er dort seit etwa sechs Wochen gelegen haben.

Nur selten haben wir die Gelegenheit einer reinen Sinneserfahrung, weil das Wahrgenommene meistens schon im ersten Moment zu erkennen ist, bevor unsere Sinne spürbar tätig werden. Kinder verschaffen uns (zum Glück) von Zeit zu Zeit solche Erlebnisse. Wird dabei der Tastsinn angesprochen, so werde ich von einem Moment zum anderen aktiv: Ich drücke, reibe, taste, streiche, drehe den Gegenstand und suche voller Anspannung nach dem passenden Begriff. Viel häufiger bleibt der Tastsinn dagegen unbewusst, denn ständig spüre ich die Grenzen meines physischen Körpers, ohne dies besonders zu beachten: Durch die Kleidung auf der Haut, den Druck meines Gewichts auf den Fußboden oder den Stuhl, die Luft an der bloßen Haut. Jederzeit nehme ich sowohl meinen Leib als auch die ihn umgebende Welt wahr.

Bei Steiner nimmt der Tastsinn eine herausgehobene Stellung ein. Er hält es sogar für verfehlt, von einem Tastsinn zu sprechen, denn die Tätigkeit des Tastens liege auch anderen Sinnen zugrunde: »Tasten ist es auch, wenn wir mit dem Auge etwas suchen. Auch Geruchssinn und Geschmackssinn können tasten. Wenn wir schnüffeln, so tasten wir mit dem Geruchssinn«. Und noch etwas genauer: »Die Tastorgane sind also eigentlich gestaltend für das Innere der menschlichen Leibesform; sie geben dem Leibe die Gestalt, durch welche er sich in sich abschließt von der ihn von allen Seiten berührenden Außenwelt«.

In der modernen Sinnesphysiologie wird dem Tasten die Gestaltwahrnehmung von Gegenständen zugeschrieben; darüber hinaus wird es aber auch in einen engen Zusammenhang mit anderen Formen der Leibwahrnehmung (Somatosensorik) gestellt. Diese umfassen die Sensorik der Körperoberfläche (bei Steiner: Tast- und Wärmesinn), die Sensorik des Bewegungsapparats (entsprechend dem Eigenbewegungssinn) und die Sensorik der inneren Organe (weitgehend dem Lebenssinn gleichzusetzen).

Für ein Verständnis der Sinneswahrnehmung ist die menschliche Willenstätigkeit von wesentlicher Bedeutung. Neben dem Vorstellen und dem Fühlen bildet das Wollen den Ursprung jeglicher Handlung: Eine Tat mag durch Gedanken und Gefühle vorbereitet werden, zur Ausführung gelangt sie erst durch einen Willensimpuls. Dieser bleibt weitgehend unbewusst, denn nur die Inhalte von Vorstellungen und Gefühlen sind dem Bewusstsein zugänglich. Ich kann mir vornehmen, einen Gegenstand zu ergreifen; aber auf welche Weise meine Muskulatur die Bewegung ausführt, ist für mich nicht erkennbar. Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty schreibt: »Das Verhältnis zwischen meinem Entschluss und meinem Leib in der Bewegung ist ein magisches«. Die rätselhaften Eigenschaften des Willens haben dafür gesorgt, dass dieser Begriff jahrzehntelang aus dem Vokabular der Psychologie verschwand, bis Heinz Heckhausen ihn wieder in Erinnerung brachte: »Aber die Zeichen der Zeit wenden sich. Der Begriff des Willens wird wieder respektabel.«

Die Grundlage jeder Wahrnehmung ist ein unbewusster Willensakt: Das aktive Erkunden einer Erscheinung, durch das sich der Mensch mit den Eigenschaften des wahrgenommenen Gegenstandes vertraut macht. Der bewusste Vorsatz, ein Objekt zu erkennen (Griff in die Tasche am Autositz) und die Bilder, die als Ergebnisse der Sinneswahrnehmung entstehen (Apfelrest), gehören dem Bereich der Vorstellung an. Auch Gefühle (Ekel) sind mit der Sinneserfahrung unmittelbar verbunden. Aber ohne einen Willensakt käme keine Wahrnehmung zustande. Jede Sinneserfahrung beruht auf einer wollenden, fühlenden und vorstellenden Tätigkeit. Aber für einige Sinnestätigkeiten ist das Element des Willens von herausragender Bedeutung: Dazu gehören der Tastsinn, der Lebenssinn, der Eigenbewegungssinn und der Gleichgewichtssinn, also der Bereich der somatoviszeralen Wahrnehmung (Körper- und Schmerzempfindung).

Ihre Wahrnehmungen werden meistens nur bewusst, wenn eine organische Funktion gestört ist. Im Übrigen verschaffen sie uns die grundlegende Erfahrung unserer leiblichen Existenz. Die Sonderstellung des Tastsinnes lässt sich auf dreierlei Weise charakterisieren: • Durch das Erkunden der Gestaltmerkmale und Oberflächenstruktur von Gegenständen ermöglicht der Tastsinn eine wesentliche Orientierung, die vor allem für Blinde von größter Bedeutung ist. Indirekt ermöglicht er z.B. die Wahrnehmung der Konsistenz von Flüssigkeiten (beim Rühren oder Ausgießen), der Elastizität von Materialien (beim Ziehen oder Drücken) oder der Beschaffenheit eines Untergrundes (beim Laufen oder Fahren).

• Die Aktivität des Tastens liegt in übertragenem Sinn einer Reihe anderer Sinnesaktivitäten zugrunde, wie zum Beispiel beim tastenden Blick oder konzentrierten Lauschen.

• Unbewusst vermittelt der Tastsinn beständig die Empfindung unserer leiblichen Existenz durch die stets gegenwärtige Berührung und bildet damit eine Grundlage unserer Selbstwahrnehmung. Der Tastsinn hat also für den Menschen eine denkbar umfassende Bedeutung.

Literatur:

Hermann O. Handwerker: Somatosensorik. In: Schmidt, Robert F.; Schaible, Hans-Georg (Hrsg.): Neuro- und Sinnesphysiologie. Heidelberg 2006; Heinz Heckhausen: Motivation und Handeln. Berlin 1989; Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin 1966; Rudolf Steiner: Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie, GA 115, Dornach 1980; Rudolf Steiner: Anthroposophie. Ein Fragment, GA 45, Dornach 1980; Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. Dornach 1985

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