Deus in machina

Von Mathias Maurer, März 2020

Google Chef-Ingenieur Ray Kurzweil sagt voraus, dass bis zum Jahr 2030 Mensch und Maschine verschmolzen sein werden.

Der Philosoph Pico della Mirandola (1463-1494) schreibt in seiner berühmten Rede »Über die Würde des Menschen«: »Du sollst dir deine [Natur] ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, [...] selber bestimmen. [...] Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.« Dieser seit der Renaissance fundamentale Gedanke – der Mensch soll in Freiheit Bildner seiner selbst sein – hat Gültigkeit bis heute.  – Doch er hat einen Haken: Was versteht der Mensch unter Freiheit? Denn dieser Gedanke treibt auch die Transhumanisten an. Der Mensch gilt als unvollkommen und fehlerhaft. Ihr Ziel ist es, durch genetische, neurologische, prothetische und pharmakologische Eingriffe Körper, Gefühle und den Geist (Gehirn) zu optimieren und zu erweitern, Krankheit, Altern und Tod zu überwinden und in letzter Konsequenz abzuschaffen.

Google Chef-Ingenieur Ray Kurzweil sagt voraus, dass bis zum Jahr 2030 Mensch und Maschine verschmolzen sein werden. Die menschlich-technische Schaffenskraft soll sich dadurch ins Unermessliche steigern und die Grenzen des Gehirns und des Körpers sollen überwunden werden. Die Künstliche Super-Intelligenz wird dann zu einer Art Bewusstsein kommen und eine Epoche wird beginnen, die »Gott schon ziemlich nahe« kommt, so Kurzweil.

Diese Vision ist keine Spinnerei, sondern wird weltweit von Wissenschaftlern, Unternehmen und Regierungen unterstützt. In den USA, China, Indien und Europa werden milliardenschwere Summen in ein gigantisches Forschungsprojekt investiert, das »auf den Tag vorbereiten will, an dem die Menschheit den Stab des Bewusstseins an seine anorganischen Nachkommen weiterreicht«. Ein zweiter technologischer Schöpfungsakt kündigt sich an.

Die transhumanistische Realität ist nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik und Religion angekommen. Inzwischen gibt es transhumanistische Parteien und religiöse Organisationen, die eine Gottheit entwickeln, die auf Künstlicher Intelligenz beruht. Der erste »Roboter-Gott« steht in dem 400 Jahre alten buddhistischen Kodaiji-Tempel in Kyoto und predigt seiner Gemeinde.

Durch die Maschinen, auf die die Transhumanisten alles Denken, Erinnern, selbst das Fühlen und das Handeln übertragen möchten, wird der Mensch nicht nur seiner selbst entfremdet und dem anderen Menschen entzogen, sondern der individuellen Verantwortung entbunden. Er wird nichts mehr originär aus sich selbst heraus gestalten können, wenn ihn Datenmengen füttern, die die KI für ihn produziert. – Er wird zur Marionette der Maschine, die in der Illusion der Freiheit lebt.

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