In einer Wolke von Vorurteilen

Von Karl-Martin Dietz, Dezember 2011

Einsamkeit, Entfremdung und Isolierung sind Merkmale unserer modernen Gesellschaften. Sympathie und Antipathie werden häufig nur benutzt, um Menschen zu manipulieren. Um den anderen verstehen zu können, müssen wir ihm zweckfrei begegnen und die eigenen Maßstäbe zurückstellen.

Foto: Charlotte Fischer

Erich Fromm charakterisierte in seinem Buch »Authentisch leben« die Verhältnisse, wie er sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte, folgendermaßen: »Die konkreten Beziehungen zwischen den Menschen haben ihren unmittelbaren und humanen Charakter verloren. Stattdessen manipuliert man einander und behandelt sich gegenseitig als Mittel zum Zweck. … Es ist, als ob es sich nicht um Beziehungen zwischen Menschen, sondern um solche zwischen Dingen handelte. Am verheerendsten aber wirkt sich dieser Geist der Instrumentalisierung und Entfremdung auf die Beziehung des Menschen zu seinem Selbst aus.« 

Und Jeremy Rifkin zitiert in seinem Buch »Die empathische Zivilisation« aus einem Manifest der damaligen »Neuen Linken«, das 1962 erschien: »Einsamkeit, Entfremdung, Iso­lierung sind Ausdruck der großen Kluft zwischen den Menschen in unserer Zeit. Dieser vorherrschenden Tendenz ist weder mit besserer Personalpolitik noch mit immer vollkommeneren technischen Errungenschaften beizukommen, sondern nur, wenn an Stelle der Verherrlichung von Dingen durch den Menschen die Liebe zum Menschen tritt.«

Martin Buber stellt im gleichen Sinne heraus, dass sich die Menschen gegenseitig vorzugsweise als »Es« und nicht als »Du« behandeln. Max Weber spricht schon vor 90 Jahren von einem »stahlharten Gehäuse«, in dem die standardisierten Individuen ihr Dasein fristen, Adorno von einer »total verwalteten Welt« und einem »Freiluftgefängnis«, Foucault von der Gesellschaft als einem »Kerker-System«.  Die wünschenswerten »Beziehungen zwischen Menschen«, die »Liebe zum Menschen« und das Verhältnis zum »Du« können weder gefordert noch vereinbart werden. Soll davon etwas gelingen, so beruht es auf dem Willen der Einzelnen, die dazu notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln. In den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen wir leben, ist jedoch zu bemerken, dass stattdessen mit den Gefühlen der Mitmenschen gespielt wird. So wird versucht, in Wählern und Kunden eine Art »Wohlfühl-Atmosphäre« aufzubauen. Die einschmeichelnde Musik in der Warteschleife des Call-Centers, unterbrochen von einer »sympathischen« Stimme (»Wir sind gleich für Sie da«), suggeriert Hinwendung zum Anrufer, verbrämt aber nur die knallharte Effektivität, mit der ein Call-Center organisiert ist. Hinter der vorgespielten seelischen Wärme steht allzu oft nichts als kalte Instrumentalisierung.

Einander als Individualitäten zu nehmen – darum müsste es heute gehen. Die in unserer Gesellschaft offen oder verborgen herrschende Antisozialität kommt zu großen Teilen davon her, »dass die Menschen eigentlich ohne Verständnis aneinander vorübergehen und dass sie einander nicht begreifen«, so Rudolf Steiner in einem Vortrag, den er am 19. Dezember 1919 in Stuttgart hielt. Wir leben in einer Wolke von Vorurteilen, die soziales Gestalten erschwert. Wir sind aber darauf angewiesen, auch solchen Menschen gegenüber soziales Verständnis zu entwickeln, die wir uns nicht ausgesucht haben, zum Beispiel gegenüber Kollegen, Kunden oder der Verwandtschaft. Wie kann hier das Interesse für den anderen Menschen gesteigert werden? Wie entsteht hier Vertrauen?

Interesse beginnt damit, die eigenen Vorurteile zum Schweigen zu bringen

Es wird viel Intelligenz aufgewandt, um Techniken der seelischen Manipulation zu entwickeln: Wie kann ich den anderen Menschen für das interessieren, was meinen Interessen dient? Und umgekehrt: Die Sehnsucht nach einer sympathiegetragenen Gemeinschaft ist groß – aber sie wird immer wieder enttäuscht. Sie ist nicht tragfähig. Hier ist eine Umkehr des »Interesses« gefordert: Nicht Aufmerksamkeit auf die eigene Person beim anderen wecken wollen, sondern bei sich selbst Interesse wecken für andere Menschen. Wann und warum habe ich mich zuletzt für einen anderen Menschen interessiert? Vielleicht deshalb, weil er mir sympathisch war oder weil ich hoffte, er werde mir nützen? Dann richtet sich mein Interesse in Wirklichkeit gar nicht auf den anderen Menschen, sondern auf mich selbst. Ich kann mich aber auch zweckfrei für den anderen interessieren. Was kann ich tun, um dieses Interesse zu vertiefen? – Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, den anderen wahrzunehmen. Ich versuche, meine Vorurteile zum Schweigen zu bringen und die Maßstäbe loszulassen, mit denen ich andere Menschen zu taxieren pflege. Das ist um so schwieriger (aber auch um so lohnender), je weniger sympathisch mir der andere ist. Ich habe es ja ständig mit Leuten zu tun, die ich einfach vorfinde. Es ist illusionär, sie sich anders zu wünschen, als sie sind. Gelingt es mir, sie unabhängig von meiner Sympathie oder Antipathie als Individuen ernst zu nehmen – was denken, fühlen und tun sie? – und zwar gerade dann, wenn ich ihre Ansichten nicht teile? Normalerweise versuche ich dann, meine eigene, »richtige« Ansicht zur Geltung zu bringen. Ich kann aber daneben oder stattdessen auch noch etwas anderes tun: Ich kann mich dafür interessieren, was der andere denkt. Habe ich ihn richtig verstanden? Oder höre ich etwas heraus, das er gar nicht meint, weil ich in meinen eigenen Denkmodellen befangen bin? Höre ich in Wirklichkeit mein eigenes Echo und gar nicht die Äußerung des anderen? – Wie wertvoll eine Kultur des Interesses ist, tritt uns ohne Weiteres vor Augen, wenn sie einmal nicht gelingt: Wenn ich dem anderen nicht unvoreingenommen gegenübertreten kann, wenn mein Unverständnis das vom anderen Gemeinte überwältigt, und umgekehrt. Dann kann das Gespräch neurotische Züge annehmen. Der »Hörer« ordnet jeden Satz des Sprechers in sein eigenes Vorstellungssystem ein, ohne auf dessen Kontext zu achten. – Von ähnlicher Bedeutung für das soziale Leben ist das Interesse am Gefühl und am Handeln des anderen Menschen. Denn wie viele Missverständnisse entstehen daraus, dass man das Denken, Fühlen und Handeln des anderen nicht ernst nimmt, sondern mit den eigenen Vorstellungen vermischt.

Den anderen von seiner Zukunft her betrachtet

Einfach auf Sympathie lässt sich eine Gemeinschaft nicht bauen. Einfach Intelligenz in das Gefühl zu schicken, ist aber auch nicht unproblematisch. »Soziale Kompetenz ist die Grundlage von Beliebtheit, Führung und interpersonaler Effektivität. Diejenigen, die in diesen Fähigkeiten glänzen, sind erfolgreich in allem, was darauf beruht, reibungslos mit anderen zusammenzuarbeiten – sie sind ›kleine Stars‹«, so Daniel Goleman, einer der berühmtesten Vertreter der »Emotionalen Intelligenz«. War es das, was wir wollten? – Oder geht es eher darum, bewusst, auf das Ich gegründete Beziehungen zu gestalten.

Die Vertiefung des Interesses beruht auf dem Willen, den anderen zu »verstehen«, und zwar unabhängig davon, ob ich seiner Ansicht bin oder ob er mir sympathisch ist. Sich ein sympathie- und antipathiefreies Bild vom anderen Menschen zu machen, erweitert den Horizont beträchtlich. Den anderen aus sich selbst heraus verstehen zu wollen, erfordert eine Umkehr: Ich muss versuchen, durch die Augen des anderen zu sehen. Im Unterschied zur ersten Ebene der Begegnung, dem Interesse, geht es beim »Verstehen« nicht nur um die Frage, was der andere denkt, fühlt und will, sondern warum er dies tut. Es geht um seine Motive.

Wer in dieser Weise auf den anderen Menschen eingeht, dem kann noch etwas Weiteres auffallen. Ist der Andere, so wie er vor mir steht, eigentlich schon ganz er selbst? Gewöhnlich definieren wir das Wesen des anderen aus seiner Vergangenheit: Wie ist er aufgewachsen? Was hat er gelernt und erlebt? – Gehört nicht aber zu jedem einzelnen Menschen außer der Vergangenheit auch seine Zukunft? Ist nicht vielleicht der gegenwärtige Zustand nur ein Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft? Statt also nur zu fragen, wie ich den anderen aus seiner Vergangenheit heraus begreifen kann, könnte ich auch einmal fragen: Wie wirkt sein in die Zukunft angelegter Entwicklungsweg in seine gegenwärtige Befindlichkeit hinein? Hat er sich vielleicht – bewusst oder weniger bewusst – etwas vorgenommen, das sein Verhalten schon heute prägt und zum Beispiel seine innere Unruhe oder kritische Grundhaltung erklärt?

Heranwachsenden gegenüber ist diese Einstellung selbstverständlich. Sie sind sozusagen von Entwicklungshelfern umstellt. Eltern, Verwandte, Freunde, Lehrer und Vorgesetzte sind um ihre Weiterentwicklung bemüht. Kommen sie aber über das 20. Lebensjahr hinaus, hört das langsam auf. Meine Entwicklung schreitet nur noch fort, soweit ich sie selbst betreibe. Dass ich ein »Werdender« bin, ist dann weniger offensichtlich als in der Jugendzeit. Um so wichtiger ist es, diese Qualität nicht aus dem Auge zu verlieren. – Sehe ich in der fetten Raupe auf dem Brennesselblatt nichts als diese Raupe, so stellt sich für mich die Situation ganz anders dar, als wenn ich in ihr den künftigen Schmetterling, das Pfauenauge, erblicke.

In dem Maße, in dem ich den anderen als »werdenden Menschen« verstehen kann, wächst auch mein Vertrauen in ihn. Ohne Vertrauen aber ist ein soziales Miteinander nicht möglich. Da nützen alle vorsichtshalber aufgebauten »Strukturen« nichts. – Ein solches Vertrauen wächst in dem Maße, in dem ich dem anderen Menschen da begegne, wo er selbst noch in Entwicklung ist.

Jede individuelle Begegnung birgt Rätsel

Individuelle Begegnung endet nicht bei definierbaren Ergebnissen, sondern bei Geheimnissen: im Rätsel der Individualität des werdenden Menschen und der Schicksals- Begegnung. Gerade im Geheimnis und im Rätsel liegt die Ich-erweiternde Kraft des Verstehens. – Die Folgen für das Soziale sind bedeutend: Ich nehme den anderen Menschen, wie er ist, und versuche, das Beste daraus zu machen. Auf der anderen Seite versuche ich, mich selbst nicht so zu belassen, wie ich bin.

Der Weg über die hier skizzierte »individuelle Begegnung« zum sozialen Verständnis des anderen Menschen ist gangbar, auch wenn es natürlich keine Garantie dafür geben kann, über das eingangs erwähnte verödete soziale Leben hinauszukommen. Der Versuch, individuelle Begegnung durch Normen, Regeln, Strukturen oder vorbestimmte Prozeduren zu ersetzen, muss auf Abwege führen. Aber auch die gegenteilige Haltung, in Sympathien und Antipathien stecken zu bleiben und nicht zum Individuellen des anderen Menschen vorzustoßen, verhindert die Gestaltung sozialer Verhältnisse.

Zum Autor: Dr. Karl-Martin Dietz ist Mitbegründer des Friedrich von Hardenberg Instituts in Heidelberg, www.hardenberginstitut.de

Literatur:

Rudolf Steiner: Wie kann die seelische Not der Gegenwart überwunden werden, Vortrag am 10.10.1916 in Zürich, GA 168

Karl-Martin Dietz: Dialogische Schulführung an Waldorfschulen. Spiritueller Individualismus als Sozialprinzip, Heidelberg 2006

Karl-Martin Dietz: Produktivität und Empfänglichkeit. Das unbeachtete Arbeitsprinzip des Geisteslebens, Heidelberg 2008

Erich Fromm: Authentisch leben, Freiburg 2006, S. 84 ff.

Daniel Goleman: Emotionale Intelligenz, München/Wien 1996

Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation, Frankfurt 2010, S. 310

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