Die andere Frau – ein Sommerkrimi

Von Judith Holle, Juli 2011

Chloe. Sie sieht den Namen auf ihrem Ausweis. Chloe Duront, das ist sie jetzt. Ein bekanntes Gesicht mit ungewohnten schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und einer, wie sie findet, ziemlich hässlichen Brille, blickt ihr aus dem Ausweis entgegen.

Das bist du jetzt. Du bist jetzt Chloe Duront.

Der Flughafen ist groß. Groß und fremd, genauso fremd wie das Land. Leuchtbuchstaben an den Läden verkünden etwas in einer Sprache, die sie nicht beherrscht. Sie kann nicht viel mehr sagen als ja, nein, bitte, danke … Viel mehr verstehen kann sie auch nicht. Sie hatte diese Sprache immer gehasst.

Am Ende des Gebäudes sind auch solche Lettern zu sehen. Sortie. Das versteht sie.

Sie sieht sich um, niemand beobachtet sie. Sie fasst ihren Koffer, zieht ihn Richtung Ausgang. Alles, was sie dabei hat, hat sie neu gekauft, der Koffer ist vollkommen sauber, man kann sogar noch den Geruch der Produktion wahrnehmen. Nichts hat sie aus ihrem alten Leben mitgenommen. Nicht einmal ihr Alter.

Chloe Duront, 32 Jahre, unverheiratet. Sie sagt es sich immer wieder vor, um es nicht zu vergessen.

Ein Taxi kommt, sie steigt ein. Sie sieht aus dem Fenster, hinter dem die riesige Stadt an ihr vorbeigleitet. Als sie angekommen ist, sagt der Fahrer etwas. Er möchte sein Geld haben. Hastig kramt sie in ihrer Handtasche, ebenso neu wie alles andere, findet ihr Portemonnaie. Sie wiegt ein paar Münzen in den Händen. Die unbekannten Bildchen darauf faszinieren sie. Sie gefallen ihr besser als die alten. Sie holt auch ein paar Scheine hervor. Der Fahrer schaut ihr ungeduldig wartend zu, während sie langsam die Zahlen auf den Scheinen zusammenrechnet. Schließlich ist sie fertig, sie gibt ihm das Geld. Genervt nimmt er es entgegen, sie steigt aus.

Eine Straße, die sie noch nie gesehen hat. Nur wenige Menschen sieht sie. Sie steigt die Treppe zu einem Haus hinauf, Hausnummer 41. Sie erschrickt bei dieser Zahl – so alt war er gewesen.

Sie klingelt. Nach kurzem Warten erklingt ein vibrierender Ton und sie öffnet die Tür. Im Erdgeschoss ist eine offene Tür, jemand steht darin. Wartet. Wartet auf sie. Die Frau sieht sie freundlich an, sagt etwas. Sie versteht nicht, was sie will, nimmt nur ihre ausgestreckte Hand in die ihre. Die Frau sagt noch etwas. Sie versteht nichts, versteht nur, dass die Frau einen Namen nennt. Sie zögert kurz, überlegt, hat den Namen beinahe vergessen. Doch dann fällt er ihr wieder ein.

Chloe. Chloe Duront, sagt sie.

Die Frau redet schnell in dieser Sprache, die sie nicht hören will. Auch er konnte sie sprechen, aber sie hatte das nie gewollt.

Die Frau untermalt ihre Worte mit unbeholfenen Gesten und sie versteht, dass sie reinkommen soll. Sie tritt ein, steht in einer fremden Wohnung. Sie sieht ein Foto an der Wand. Die Frau ist darauf, zusammen mit einem Mann, sie lächeln. Es ist ein Hochzeitsbild.

Sie sieht weg, schaut an die andere Wand, an der ein Bild hängt. Es ist abstrakte Kunst. In den unterschiedlichen Formen und Linien erkennt sie etwas, sie glaubt, sein Gesicht zu sehen. Hektisch dreht sie ihren Kopf, schaut jetzt wieder die Frau an. Die mustert sie ein wenig besorgt. Wahrscheinlich weil sie so erschrocken aussieht. Kalter Schweiß tritt auf ihre Haut, sie muss hier raus. Sofort. Sie versucht es mit ihrem spärlichen Englisch. Die Frau versteht. Schlüssel. Sie will die Schlüssel haben. Die Frau verschwindet, kommt mit einem Schlüssel wieder. Schnell geht sie aus der Tür, dreht sich nicht mehr um. Dritter Stock, sie wohnt im dritten Stock. Eine fremde Wohnung befindet sich hinter der Tür. Sie dreht den Schlüssel im Schloss, stößt die Tür auf. Die Wohnung ist möbliert. Sie zieht ihre Schuhe aus, geht durch den Flur, betritt keinen Raum. Sie sucht das Bad. Doch im Flur hängt ein Spiegel. Sie kann sich hinter Chloe Duront erkennen. Aber das will sie nicht. Niemand darf sie erkennen. Schnell nimmt sie den Spiegel ab, stellt ihn falsch herum an die Wand. Sie ist Chloe Duront, eine ganz normale Frau.

Der Duschstrahl ist heiß, die Wände sind beschlagen. Ihre Hände gleiten über ihren Körper. Der Schaum duftet fremd und wäscht die Reise und ihre Vergangenheit herunter. Es ist ein neuer Duft, sie hat ihn nie vorher gerochen. Ihre Hand hält inne. Ertastet die Narbe. Sie ist größer, als sie sie in Erinnerung hat. Sie ist das einzige, was sie mitgenommen hat. Zum Glück kann sie sie nicht sehen. Nur fühlen. Es hatte ihm nicht leid getan.

Sie hat vergessen, ein Handtuch auszupacken. Tropfend sucht sie in der Wohnung nach ihrem Koffer. Sie hat vergessen, wo sie ihn hingestellt hat. Auf einem Regal steht eine Vase mit Trockenblumen. Die Vase ist blau. Mit zitternder Hand nimmt sie die Vase, versteckt sie hinter einer Schranktür. Die Blumen wirft sie aus dem Fenster. Der Nachbar von gegenüber schaut sie an. Sie hat vergessen, dass sie noch nackt ist. Es ist ihr egal. Die Narbe ist am Rücken, er hat sie nur von vorn gesehen. Bevor sie sich umdreht, schließt sie die Gardinen.

Es wird dunkel. In den Zimmern hat sich nichts geändert. Alles sieht so aus wie vorher, keine persönlichen Gegenstände. Sie hat keine. Zum ersten Mal sieht sie das Bett. Es ist ein Doppelbett.

Sie hat Hunger. In der Stadt sitzt sie in einem Restaurant. Ein Tisch für zwei. Sie sitzt alleine. Da ist niemand zweites. Nicht mehr. Sie kann in Ruhe essen. Sie weiß nicht mehr, was sie bestellt hat. Als das Essen kommt, ist sie überrascht. Es ist Fisch. Ihr Magen zieht sich zusammen, sie mag keinen Fisch. Sie hatte ihn lange genug essen müssen. Er hatte Fisch geliebt. Sie hat keinen Hunger mehr. Ohne zu bezahlen geht sie in Richtung Tür, lässt ihr Essen unangerührt stehen. Dann besinnt sie sich. Sie geht zurück und zahlt. Es ist besser. Sie will keine Aufmerksamkeit erregen. Darf es nicht. Kein Verstoß gegen irgendetwas, das könnte auffallen.

Draußen ist es still. Und dunkel. Die Straßen sind nur schwach beleuchtet. Passanten genießen den warmen Frühlingsabend. Die Seitenstraßen, die sie entlang geht, sind leer. Sie bereut, hohe Schuhe angezogen zu haben. Das Geräusch mit jedem Schritt: klack, klack, klack. Immer weiter im selben Rhythmus. Sie wird das Gefühl nicht los, dass sie zu laut ist, dass jemand sie beobachtet, sie erkennt.

An einer Kreuzung stehen Autos Schlange. Es gab einen Unfall. Krankenwagen und Polizei sind vor Ort. Sie sieht das Blaulicht. Ihre Beine fangen an zu zittern, als sie an dem Polizeiauto vorübergeht. Klack, klack, klack. Sie ist vorbei, ist in eine Gasse eingebogen. Sie hört Schritte hinter sich. Erschrocken dreht sie sich um. Eine Gestalt betritt gerade ein Haus.

Sie liegt im Bett, auf der rechten Hälfte, passt auf, dass ihr Arm nicht über die Mitte reicht. Sie hatte immer rechts gelegen. Links war seine Seite gewesen. Das Licht hat sie ausgemacht, schwaches Mondlicht scheint durch das Fenster, vor dem die Gardine nur halb zugezogen ist.

Die erste Nacht in einem Doppelbett, in dem sie alleine schläft. Sie hat das Gefühl, seinen Atem im Nacken zu spüren, glaubt, das Rascheln seiner Decke zu hören. Sie dreht ihren Kopf, blickt jetzt auf die leere Hälfte. Ist da nicht etwas zu sehen? Versteckt er sich vielleicht unter der Decke? Sie versucht, den Gedanken zu verdrängen. Es ist nicht möglich, sagt sie sich. Sie sieht einen Schatten vor dem Fenster. Nur eine Fledermaus, redet sie sich ein. Sie hält es nicht mehr aus. Sie geht an den Schrank, schiebt ihre Hand unter den Kleiderstapel. Sie hat sich ein neues gekauft. Das alte hat sie dort gelassen, es ist sowieso klar, wer es getan hat. Sie wiegt es in der Hand. Es ist schwer. Der Griff fühlt sich genau gleich an. Wieder umschließt sie ihn mit den Fingern, es ruft Erinnerungen hervor. Sie möchte nicht daran denken. Sie geht zurück zum Bett. So fühlt sie sich sicherer. Ein letztes Mal berührt sie die kühle Klinge, dann legt sie es unter ihr Kopfkissen. Sie könnte es jeder Zeit hervorholen und es wieder tun. Aber sie weiß, dass er nicht mehr da ist. Es ist nur ihre Phantasie, die nicht begriffen hat, was sie vor zwei Tagen tat. Aber sie hat es selbst überprüft. Sie hatte schon alles gepackt. Und jetzt ist sie Chloe Duront. Nur die Narbe erinnert an die andere Frau. 

Zur Autorin: Judith Holle ist Schülerin der Waldorfschule in Sorsum

Kommentare

Christoph , 19.08.13 11:08

Eine bemerkenswerte Geschichte.

Wir haben es mit tiefen Verletzungen zu tun, wir reden über einen Mörder und sind verloren in einer fremden Welt - und dennoch herrscht, trotz der kurzen Sätze - eine fast schon unnatürliche Ruhe vor. Es ist, als säße man in einem gemütlichen Café und schaute auf die Straße, wo leichter Regen fällt. Jeder Tropfen beleuchtet einen kleinen Teil der Geschichte. Mal fallen ein paar mehr, mal gibt es eine Pause. Und dabei ist wie selbstverständlich alles so, wie es ist. Keine Wertung, nur Beobachtungen. Der Regen unterscheidet nicht, er zeichnet ohne Hast sein Bild.

In dieser Geschichte fügt sich alles zusammen und ich vertraue jedem einzelnen Wort. Es ist genau so geschehen, ohne Zweifel.
Der Einstieg ist gut gewählt, Hauptperson und Leser lernen gemeinsam diese neue Person kennen, das verbindet gleich zu Beginn. Dann geht es los, man sieht, dass sie verloren ist, und nebenbei taucht ab und zu "er" auf, ohne, dass klar wird, was genau geschehen ist. Da sie jedoch ihre Identität gewechselt hat, ahnt man es schon. Doch dieser Konflikt ... um den geht es nicht, der wartet nur im Hintergrund. Diese Geschichte handelt davon, was danach passiert, und das ohne Kompromiss.

Mehr noch: Es wirkt (vor dem Hintergrund ihrer Situation) völlig normal, wie sie sich verhält, und doch erhält man immer größeren Einblick in ihre Situation. Am Anfang wirkt sie nur fremd und unsicher, dann in der Wohnung (mit einem kleinen Geschenk an die Männerwelt) merkt man, wie verletzt sie wirklich ist (ohne es explizit zu sagen, wunderbare Bildsprache), dann im Restaurant sieht man, dass sie stark ist und ihr Leben auf die Reihe bekommen will, in den Straßen erkennt man ihre Paranoia und am Ende der Geschichte dann zeitgleich mit dem Ende des Tages die Auflösung - ein sehr guter Punkt, um Chloé und ihr neues Leben nicht weiter zu verfolgen.

Die gesamte Handlung wirkt zu passend, um zufällig gewachsen zu sein, und doch wirkt sie absolut zufällig, besser noch: natürlich. Daher kann ich nur zu einem Schluss gelangen: Diese Geschichte ist ohne Zweifel empfehlenswert.

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