Die Begegnung mit Kunst stößt Türen auf. Das Kulturprojekt Stuttgart-Dresden

Von Gabriele Hiller, Juli 2014

Siebeneinhalb Stunden dauert die Zugfahrt nach Dresden, der zweiten Stadt unseres Kulturprojektes. Das »Streetart Festival Dresden« hat gerade begonnen.

Performative Platzbegehung.

Spiel mit »polylux«.

Kaum angekommen, sind wir, 27 Schülerinnen und Schüler der 11. Klassen sowie eine Kunstlehrerin und ein Deutschlehrer der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart, schon unterwegs zum Festspielhaus Hellerau, um dort im großen Saal »Distortion« zu erleben, eine Performance der Choreographin Costanza Magras mit der Hiphop Academy. Breakdancer, Hiphopper, Rapper, Sleepwalker und ein MC im Duo mit einer Geigerin gestalten die Begegnung ihrer individuellen Lebenswelten in akustisch-tänzerischen Tableaus.

Im Anschluss haben wir die Chance, mit den Darstellern in einem von der Künstlerin Nancy Spero bemalten Raum exklusiv zusammenzutreffen, sie zu befragen. Streetart ist eine Lebenshaltung und erfordert von jedem, seinen Stil zu finden und sich vom Stil der anderen herausfordern zu lassen: »Alles in meinem Leben hat Bedeutung, wird aufgenommen und flattert dann auch wieder hinaus ...« Rasch sind wir die Befragten. – Zwei ehemalige Waldorfschüler gehören auch zur Truppe und wollen genau wissen, wie die Elftklässler nach ihrem eigenen Ausdruck suchen, was für sie zählt und wo sie sich verausgaben.

Am nächsten Tag stoßen wir während unserer Stadtführung auf weitere Akteure des Festivals, international agierende Künstler aus Belgien, die selbst gebaute Betten, Tische und Stühle mit Hilfe von Passanten innerhalb einer Woche von der Uni nach Hellerau tragen und diese Möbel während dieser Zeit auch bewohnen. Eines Morgens entdecken wir die drei Künstler dann auf der Straße nahe unseres Hostels, schlafend in ihren Betten, umringt von Kindern auf dem Weg zum Kindergarten. Nachbarn bringen bereits Frühstück, eine wahre Stadtwohnung! Gut, dass das Wetter mitspielt.

Zwei Tage später sitzen wir in der ersten Reihe der Semperoper, um das Ballett »La Bayadere« zu erleben, das ja alles zeigt, was ein klassisches Ballett zu bieten hat an Tanzformen und Bildern eines opulenten orientalischen Märchens. Höchste Bewunderung gilt vor allem den männlichen Solisten und deren Technik: »Da können die Hiphopper aber einpacken!«, bemerkt ein Schüler, der noch vor kurzem begeistert war vom Avantgarde-Theater »Die Revolver der Überschüsse« von Rene Pollesch.

In der Heimat beginnt es

Doch begonnen hat alles in Stuttgart. Jedes Jahr wählen die Schüler für ein Schuljahr ein Kulturprojekt oder ein biologisch-naturwissenschaftliches Projekt aus, das sie mit den Schülern der Parallelklasse in drei Phasen des Jahres gemeinsam durchführen. Ziel des Kulturprojektes ist es, die Jugendlichen in die Kultur ihrer Heimatstadt einzuführen und Künstlern, Kulturschaffenden oder kulturverwaltenden Menschen zu begegnen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Dazu ist erforderlich, den schulischen Rahmen zu öffnen und große Teile des Projektes außerhalb der Schule, in Theatern, in der Oper und im Ballett, in Museen, an der Kunstakademie, mit Stadtplanungsexperten oder bei Künstlern durchzuführen. Welchen Schwerpunkt im Kulturleben wir jeweils auswählen, entscheiden die beteiligten Schüler und unsere Kooperationspartner in den Institutionen.

Unerwartete Fähigkeiten

Die Schüler können durch das Projekt unerwartete Interessen entdecken. Sie bekommen Lust am Theaterbesuch mit anderen Jugendlichen, bieten interaktive Museumsführungen für Kinder und Gleichaltrige an (face-to-face mit dem Kunstmuseum Stuttgart) – erproben Fähigkeiten, von deren Existenz sie vorher nichts wussten.

Vor dem Projekt kennen die Jugendlichen sich eher als Schüler einer Klassenstufe mit gelegentlichen Berührungspunkten. In der Stuttgarter Anfangsphase verändert sich das auch nur allmählich, denn hier ist das Projekt in den ohnehin engen zeitlichen Lebensrahmen der Jugendlichen eingefügt, der es nicht zulässt, kulturell »in die Vollen zu gehen«. Erst die gemeinsam verbrachten acht Tage in Dresden lassen eine echte Gruppe aus den vielen Individuen werden. Nun beginnen die Schüler, sich gegenseitig zu beflügeln. Sie werden umso aktiver, je anspruchsvoller auch in zeitlicher Beanspruchung die Exkursion ist.

Bedingungen für ein gutes Gelingen eines solchen Projekts sind ein großes Interesse, eine ausgewogene Mischung der Klassen (nicht zuletzt auch der Geschlechter) und ein vielseitiges, herausforderndes Angebot an Workshops, Aufführungen und Ausstellungen und schließlich die Bereitschaft von Künstlern und Kulturschaffenden, auch aus der Elternschaft der Schule, ihr Arbeitsfeld und ihre Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.

Mir ist sehr wichtig, dass das Projekt nicht verspießert in dem Sinne: Es gibt eine bewährte Form, in die sich alle einordnen und dann läuft es schon! Statt Vorhersehbarkeit und Routine (apollinisch) soll Dynamik eintreten (dionysisch). Mit diesen beiden Polaritäten nach Nietzsche hatten wir uns in der ersten Phase des Projektes eingehend auseinandergesetzt. Darüber hinaus beschäftigten wir uns mit der Entstehung und Geschichte des Theaters, erübten Interviewtechniken und einen kreativen Umgang mit Kunstwerken.

Zum interaktiven Umgang mit Kunst bildeten in der ersten Stuttgarter Phase die Schüler Kleingruppen, die sich in einer zweiten, achtwöchigen Phase und zum Teil außerhalb des Unterrichtes mit einer Kulturinstitution vor Ort auseinandersetzten und Interviews mit Verantwortlichen dieser Institution führten. Wir besuchten Theaterproben öffentlicher Theater bis hin zur Aufführung oder wir lernten die Arbeit von Fachleuten in einem schauspielerischen und einem dramaturgischen Workshop zu einer Inszenierung kennen. Nach den Aufführungen fand oft ein Gespräch im Beisein eines Schauspielers oder des Regisseurs statt und die Schüler lernten, ihre Erfahrungen zu bearbeiten, zum Beispiel indem sie eine Kritik oder Reportage verfassten.

Ein leitender Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes gab uns Einblick in seine Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch in die Wege von Bürgerbeteiligung. Die Schüler spielten ernsthaft eine aktuelle Wettbewerbssituation durch und mussten mit guten Argumenten einen Siegerentwurf auswählen – das Spiel kam den tatsächlichen Gegebenheiten nahe.

Exkursion nach Dresden

In Dresden sind wir von Beginn an auf besonders viele kooperationswillige Kultur-Institutionen gestoßen – von der Semperoper über das Hygiene-Museum, das sozio-kulturelle Zentrum »riesa-efau«, die Kunstakademie, mehrere Theater und das Denkmalamt bis zu einer jungen Künstlerin, die mit einer Gruppe von Schülern einen Workshop zu ihrer Arbeitsweise und -technik durchführt. Eine Theaterpädagogin bereitet eines der Theaterstücke, das wir sehen, durch einen Intensiv-Workshop vor. Auch hier führen die Schüler Interviews in jeweils einer Institution, die sich, wenn irgend möglich, in Beziehung setzen lässt zu der in Stuttgart. Bei allem Einzigartigen sollen sich Vergleichspunkte finden lassen, um die Jugendlichen sicherer und urteilsfähiger zu machen.

Unsere fünf Museumsbesuche in Dresden sind so angelegt, dass durch die Art der Vermittlung jeweils ein anderer Zugang zu den Exponaten möglich wird, um das Potenzial der Jugendlichen und der Fachleute vor Ort optimal zu nutzen, zum Beispiel die Alten Meister im Zwinger mit Führung oder das Hygienemuseum in eigener Erkundung.

In neue Räume mit Polylux

Es ereignet sich im Polylux-Workshop, den eine Dresdener Künstlerin uns seit einigen Jahren anbietet: Die Künstlerin lässt an einem Overhead-Projektor (ostdeutsch: Polylux) Performances entstehen, indem sie auf der Lichtfläche des Apparates auf Folien zeichnet, ohne auf die entstehende Zeichnung zu blicken. Sie schaut stattdessen in den Raum davor, den die entstehenden Linien und Flächen durch die Projektion erobern. Materialien, wie farbige Glasplatten, Farbfolien, Schablonen, Holzstäbe, Papiergitter und -streifen liegen bereit, um die Projektion weiter zu verändern.

Während sich die Schüler in den Jahren davor an dieses künstlerische Medium eher langsam und tastend angenähert hatten, nahezu meditativ, geraten sie jetzt rasch in eine sich gegenseitig impulsierende und dynamische Aktion. So entstehen humorvolle, aber auch poetische Sequenzen, die von Wandkritzeleien bis Farbräumen reichen. Dazu erzählen sie passende Geschichten und treten teilweise selbst in die Szene als lebendige Figuren.

Eine Ideenfülle ohnegleichen entsteht, die nicht von außen zu steuern ist, ohne das Gelingen zu gefährden. Die schließlich als Zuschauer hinzugekommenen Schüler sind mit ihren Sehgewohnheiten überfordert und ratlos, wie das ästhetisch zu fassen sei, ob das überhaupt eine Qualität habe. – Es ist ein neues Tor aufgestoßen.

Diese Erfahrung motiviert mich, noch wacher darauf zu achten, wo Neues entsteht, damit diesem Raum gegeben werden kann, selbst auf die Gefahr hin, dass es zunächst wie ein Scheitern erscheint.

Das Kulturfrühstück gehört dazu

Wieder zu Hause angelangt, bildet ein Kulturfrühstück auf einer Terrasse mit Gesprächen über die Erfahrungen und Ergebnisse des Projektes den internen Abschluss. Denn bereits in Dresden war der tägliche gemeinsame Besuch eines für die Stadt typischen Mittagstisches – von der Postkantine über die Planwirtschaft, das Essen im Mehrgenerationenhaus des riesa-efau bis zum Spanier unter Lindenbäumen – ein wichtiges Element.

Alle Schüler verfassen Texte über ihre wichtigsten Begegnungen und Erkenntnisse, die in einem Projektbuch gesammelt werden, redaktionell betreut von einem Schülerteam. Schließlich präsentieren die Teilnehmer an einem Abend ihren Eltern, Freunden, Mitschülern und Lehrern, wie sie gearbeitet haben und was sie besonders wichtig fanden.

Woran wird der Projektcharakter für alle Beteiligten evident? Warum ist es mehr als Unterricht in etwas anderem Format? – Weil alle Unternehmungen und Einzelleistungen schließlich eine Gesamtheit bilden, die in ihrer Wirkung weit mehr ist als die Summe aller Aspekte. Weil aus einer Gruppe von Individuen eine sinnesintensive vitale Gemeinschaft wird. Dass das Ganze sich im Rahmen von Schule abspielt, ist dann fast nebensächlich und ein Geschenk für mich als Lehrerin. Wenn es glückt, entsteht fast wie von selbst das Beuyssche »oszillierende Lernprinzip«, »in dem das Lehr-Lernverhältnis ganz offen und ständig umkehrbar sein muss«.

Zur Autorin: Gabriele Hiller, seit 1977 Lehrerin für Kunstbetrachtung an Waldorfschulen und in der Lehrerbildung, Kurse mit Erwachsenen im Museum.

Folgen