Die Entdeckung des dreigliedrigen Menschen

Von Tomás Zdrazil, September 2012

Mitten im ersten Weltkrieg formuliert Rudolf Steiner erstmals die vielleicht bedeutsamste Entdeckung seines Lebens: die Anschauung von der Dreigliederung des Menschen.

Diese Entdeckung bedeutet für ihn einen entscheidenden Durchbruch und zugleich eine revolutionierende Wende seiner geisteswissenschaftlichen Forschung. Themen, die Steiner seit über drei Jahrzehnten im Stillen beschäftigt haben, können zur Reife gebracht und veröffentlicht werden. Gleichzeitig beginnt eine neue Phase der anthroposophischen Arbeit, die kraftvoll und wirksam in das praktische Leben eingreifen wird. Die Waldorfpädagogik und die anthroposophisch erweiterte Medizin sind nur zwei Beispiele dafür.

Es war im Jahre 1882, in der Zeit von Steiners Studien in Wien. Er betreibt physiologisch-anatomische und psychologische Forschung. Insbesondere geht er der Frage nach, welches Gestaltungsprinzip den einzelnen Leibesgliedern zu Grunde liegt und wie die verschiedenen Bildungen des Leibes – Kopf, Rumpf und Gliedmaßen – miteinander zusammenhängen. Ausgehend von der Pflanzenwelt entdeckt er die zwei Prinzipien des Lebendigen, die nur übersinnlich wahrnehmbare Grundgestalt (Urbild) und deren Metamorphose; beides wendet er auf die leibliche Bildung des Menschen an. Dabei stößt er ähnlich wie Goethe und Oken auf die besonders rätselhafte Bildung des Kopfes. Die Knochenbildung beim Kopf verläuft nicht nur schneller als bei den Knochen des Rumpfes und der Gliedmaßen, sondern grundsätzlich anders. Zum Beispiel verläuft er ohne knorpeliges Vorstadium. Im Gesichtsteil des Kopfes erkennt Steiner ein Abbild des seelisch-geistigen Menschen, der neben dem Leiblichen eine eigenständige Qualität besitzt. Hier seien die übersinnlichen Gestaltungskräfte am stärksten in die Formbildung übergegangen und anschaubar. Noch fasst er diesen Gedanken des Metamorphose-Verhältnisses vom Schädel und den übrigen Knochen des Leibes eher ahnend. Die Frage nach der konkreten Form der Metamorphose bleibt noch ungelöst.

Das ist der Mensch

In der Form der Gliedmaßen scheinen ihm hingegen diese Gestaltungskräfte am stärksten verborgen, denn in diesem Bereich ist die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und anderen Kräften der Außenwelt und Natur am intensivsten. Das Wahrnehmen, wie auch Vorstellen, Erinnern und Begreifen sieht er im Zusammenhang mit den im Kopf konzentrierten Sinnesorganen, aber auch mit dem Nervensystem und dem Gehirn; sie bilden die physiologischen Grundlagen des bewussten Seelenlebens. Dazu zählte er allerdings nicht die Fähigkeit des Fühlens und des Wollens. Steiner wird deutlich, dass bezüglich der Willenstätigkeit des Menschen zwischen der Vorstellung einer Handlung und der Aktivität, mit der die Handlung vollzogen wird, unterschieden werden muss. Denn nur Letzteres ist wirklicher Wille. Dieser lebt überwiegend in den Stoffwechselprozessen der Muskulatur, also im Bewegungsorganismus.

Im Rumpf zwischen den Polen des Kopfes und der Gliedmaßen bildet sich im Zusammenspiel der rhythmischen Prozesse, vor allem in der Atmung, in der Herz- und Kreislauftätigkeit, eine ausgleichende Mitte, in der die Gefühle erlebt werden können.

In der Metamorphose der drei Seelenkräfte – Denken, Fühlen, Wollen – sieht Steiner den unvergänglichen mensch­lichen Geist wirken. Jahre später verdichtet er diese Erkenntnis in den Spruch »Ecce homo«:

»In dem Herzen webet Fühlen,

In dem Haupte leuchtet Denken,

In den Gliedern kraftet Wollen.

Webendes Leuchten,

Kraftendes Weben,

Leuchtendes Kraften:

Das ist – der Mensch.«

Steiner bleibt also bei der leiblich-physischen Seite der Dreigliederung nicht stehen, sondern erweitert sie um die seelisch-geistige Dimension des Menschen. Das Besondere an dieser Anschauung ist, dass der geistige Kern des Menschen, das Ich, unterschiedlich in den verschiedenen Seelenfähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens wirkt. Die Seelenkräfte bedürfen verschiedener leiblicher Organsysteme als Grundlage: das Denken der spezifischen Nervensubstanz, das Fühlen der rhythmischen Prozesse der Atmung und des Herzens und der Wille des Stoffwechsels in der Muskulatur und in den Rumpforganen.

Auch das Verhältnis zur Außenwelt gestaltet sich im menschlichen Organismus auf dreifache Art: durch die Sinneseindrücke im Nerven-Sinnessystem, durch die Atmung im rhythmischen System und durch die Nahrungsstoffe und Bewegungsorgane im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System.

Praktische Anschauung als Hauslehrer

Steiners Einsichten wurden zweifellos durch seine naturwissenschaftlichen Studien angeregt, doch handelt es sich bei diesen Einsichten nicht um naturwissenschaftliche, sondern um Erkenntnisse »aus reiner Geisteswissenschaft heraus«. Die Art, wie genau Steiner weiter mit diesen Anschauungen arbeitete, wie er sie für sich überprüft und verifiziert hat, lässt sich nicht leicht rekonstruieren. Er selbst macht dazu nur wenige Andeutungen. Neben dem Studium von naturwissenschaftlicher, aber auch esoterisch-okkulter Literatur vertieft er sich meditativ ins Erleben seelischer Vorgänge und erlangt Einblicke in die übersinnliche Wirklichkeit des Menschen. Um diese geistigen Wahrnehmungen klar zu fassen, sucht er nach sprachlichen Ausdrucks- und Darstellungsformen. Seine zahlreichen Notizbücher sind voll von kleinen Zeichnungen und Kommentaren zu menschenkundlichen Themen.

Auf jeden Fall betreibt er ausgedehnte physiologische Studien zum Beispiel der Neurologie. Dokumentiert ist diese Tatsache durch die Vielzahl von physiologischen und medizinischen Fachbüchern in seiner Bibliothek und durch zahlreiche Kommentare in seinen eigenen Vorträgen und Büchern.

Steiner hat aber nicht nur allgemeine wissenschaftliche Studien betrieben, sondern auch konkrete Fälle untersucht. Wohl die wichtigste Basis für die Dreigliederungsanschauung war die vieljährige Hauslehrerarbeit in der Familie Specht, besonders mit Otto Specht ab 1884. Dessen hydrozephale Behinderung war ein konkreter Fall einer krankhaften Ausgestaltung des menschlichen Organismus, die sich in der »Missbildung« des Kopfes manifestierte. Steiner schrieb später über diese Arbeit: »Es eröffnete sich mir durch die Lehrpraxis … ein Einblick in den Zusammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Körperlichem im Menschen …«

Während des Unterrichts konnte er die unterschiedlichen physiologischen Reaktionen des Schülers auf einseitige (kognitive) Belastung wahrnehmen. »Selbst geringe geistige Anstrengung bewirkte Kopfschmerzen, Herabstimmung der Lebenstätigkeit, Blaßwerden, besorgniserregendes seelisches Verhalten.« Auf diese Art und Weise erschließt sich ihm der Zusammenhang zwischen seelisch-geistigen Kräften und der Physiologie des Leibes aus der konkreten Anschauung.

Inspiriert durch Goethes Märchen

Aber es gibt noch andere geistige Quellen für die Dreigliederung. Im Jahre 1889 lernt Steiner durch Vermittlung seines Wiener Freundes und Lehrers Friedrich Eckstein das »Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie« von J.W. von Goethe kennen. Hier entdeckt er einen anderen Goethe: nicht den Naturforscher, sondern den Esoteriker. Über Jahre werden die inneren Anregungen, die Steiner aus der Beschäftigung mit dem Märchen erfahren hat, zu einem »wichtigen Meditationsstoff«. Er erkennt in den poetischen Bildern des Märchens, der Schlange und den Irrlichtern, dem Riesen, der schönen Lilie und dem Jüngling, den vier Königen und anderen Gestalten »den großen Zusammenhang des Leiblichen und des Geistigen, des Irdischen und des Übersinnlichen …« – eine spirituelle Menschenkunde. Eine eindeutige Zuordnung der Dreigliederung zu den Figuren des Märchens gibt es nicht. Allerdings deuten die Bilder der vertikalen Irrlichter und der horizontalen Schlange auf die polaren Seelenkräfte der Intellektualität und des Willens hin. In den Motiven der Metamorphose und des Opfers lebt wiederum das Verhältnis zwischen dem Seelenmenschen und der geistigen Wirklichkeit. Die Schlange opfert und verwandelt sich zur Brücke, die die beiden Reiche, das der Sinnlichkeit und das der Geistigkeit verbindet. Die Bedeutung dieser Erkenntnisse ist nicht zu unterschätzen, trotzdem erschließt sich der Zusammenhang der leiblichen Seite mit der seelisch-geistigen Dreigliederung noch nicht völlig: »Und so blieb dasjenige, was sich mir dazumal nur durch die Veranlassung des Märchens offenbarte, einfach in der Seele liegen.«

Schwierig zu formulierende Einsichten

Im Herbst 1909 unternimmt Steiner den Versuch, seine Erkenntnisse über den Menschen zu formulieren: Er hält Vorträge über »Anthroposophie«, in den folgenden Jahren dann auch über Psychosophie, Pneumatosophie und okkulte Physiologie. Parallel skizziert er die ersten Kapitel eines neuen Buchs mit dem Titel »Anthroposophie«. Die Sinneslehre bildet hier den Ausgangspunkt, doch viele andere Themen, die in den Darstellungen über den dreigliedrigen Menschen nach 1917 ausgeführt werden, klingen hier schon an. Steiner hört mit dem Schreiben auf, das Buch bleibt ein Fragment, »weil es unmöglich war, die Wahrheiten, die spirituell vor mir stehen, den Weg durch die Feder auf das Papier nehmen zu lassen.«

Erst ab Januar 1917 setzt der inzwischen Sechsundfünfzigjährige erneut an, die neue Anschauung des Menschen zu veröffentlichen. Er hält Vorträge für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu den geistigen Grundlagen der Dreigliederung, vor allem hinsichtlich des Zusammenhangs der den Leib gestaltenden Kräfte zwischen den Inkarnationen. Jetzt schildert er den physischen Menschen als Fortsetzung eines Menschenwesens, das ausgebreitet in kosmischen Sphären vor der Geburt geistig lebte. Der Kopf des Menschen stellt eine Metamorphose besonderer Art, eine im geistigen Kosmos umgestülpte Rumpf- und Gliedmaßenorganisation des vergangenen Erdenlebens dar. Die Vorstellungsfähigkeit des Kopfes ist demgegenüber ein abgeschwächtes Spiegelbild der Erkenntnistätigkeit, die den Menschen vorgeburtlich erfüllt, ein Rest, den wir aus dem Dasein vor der Geburt ins Erdenleben hinüberretten konnten.

Ganz anders die Willenstätigkeit. Sie bleibt im Erdenmenschen keimhaft und entfaltet sich erst im nachtodlichen Leben. Bloß in der Gefühlstätigkeit, die im Rumpf ihren Sitz hat, sind wir volle Erdenbürger.

Menschenerkenntnis – der Weg zu den Urquellen der Menschlichkeit

In öffentlichen Vorträgen folgen dann grundsätzliche Ausführungen über die leiblich-physiologischen Aspekte, die Zusammenhänge von Nerven und Denken, von Fühlen mit Atmung und Zirkulation und von Willen und Stoffwechsel. Die Dreigliederung hält er in schriftlicher Form in einem nur wenige Seiten umfassenden Anhang des Buches »Von Seelenrätseln« fest. Steiner verbindet mit dem Buch große Hoffnungen, es ist, wie er sagt, nicht »mit der Feder geschrieben, sondern es ist geschrieben mit seelischen Spaten, welche die Bretter, die die Welt verschlagen, niederreißen …, das heißt, die Grenzen des Naturerkennens beseitigen möchten«. Gerade der Anhang über die Dreigliederung des Menschen ist ein wesentlicher Grund dafür, warum er dieses Buch seinen großen und bekannten Werken »Geheimwissenschaft im Umriss« und »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« an Bedeutung gleichgestellt hat.

Aber Steiner will nicht nur eine neue, empirisch zu prüfende Theorie aufstellen, sondern zu einer »praktischen, empfindungsmäßigen Menschenerkenntnis« hinführen, die den Menschen, der sich auf sie einlässt, zur praktischen Geschicklichkeit und Lebenstüchtigkeit befähigt. Menschenerkenntnis soll ein Erkenntnisweg sein, der den zeitlich-irdischen an den ewig-kosmischen Menschen anschließt und zu den »Urquellen der Menschlichkeit« führt.

Die Anthroposophie erhält dank dieses Durchbruchs im Jahre 1917 eine erneuerte Gestalt, ohne die es die Waldorfpädagogik nicht gegeben hätte. Auch der am Ende des ersten Weltkrieges in Deutschland und Österreich gestartete Versuch Steiners, die gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer sozialen Dreiglie­derung zu erneuern, steht im engen Zusammenhang mit der Dreigliederung des Menschen. Die Anschauung des Menschen als dreigliedriges Wesen ist ein Erkenntnisweg, den vollen Menschen zu erfassen. Die soziale Dreigliederung ist die praktische Antwort auf die Frage, wie der Mensch sich im Sozialen voll entfalten kann.

Trotz groß angelegter Bemühungen scheiterte der Versuch, die soziale Dreigliederung zu verwirklichen. Die Waldorfschulen, die aus der »Dreig­lie­derungs­bewegung« heraus entstanden sind, kann man jedoch auch in diesem Sinne als letzte Reste und gleichzeitig Keime einer sozialen Dreigliederung ansehen.

Zum Autor: Dr. Thomás Zdrazil ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

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