Die Erfahrung der Wirklichkeit – vom Zusammenwirken der Sinne

Von Peter Loebell, Juni 2012

Wasserfarbenmalen in einer ersten Klasse. Auf der Arbeitsplatte an der Wand stehen Flaschen mit verschiedenen Farben bereit. Kleine Schalen und Wassergläser müssen gefüllt werden. Schwämme, Pinsel und Malbretter sind zu verteilen. Dann sieht man die Kinder die gefüllten Farbschälchen mit größter Vorsicht durch den Raum zu ihren Tischen tragen. Mit den nassen Schwämmen wird das Malpapier sorgsam von beiden Seiten befeuchtet, bis jedes Blatt ganz glatt auf dem Brett liegt. Eine fast andächtige Stimmung breitet sich aus, bevor der Pinsel zum ersten Mal in die Farbe getaucht wird.

Unabhängig von der Qualität der entstehenden Bilder schulen die Kinder ihre Sinne an diesem Morgen intensiv – durch Blicken und Tasten, Bewegungen und Gleichgewicht halten. Sie empfinden die Kälte des Wassers und den Geruch der Farben. Jeder achtet darauf, dass keine Flecken entstehen, denn in der Klasse wird mit wirklichen Materialien – Wasser, Farben und Papier – gearbeitet, die den Kindern vertraut sind. Dass sie die realen Dinge von bloßen Bildern am Bildschirm unterscheiden können, wird selbstverständlich vorausgesetzt. Aber diese Fähigkeit entsteht erst durch das Zusammenwirken der verschiedenen Sinne.

Ein Apfel ist kein Apfel

Wie ist es möglich, dass ich einen wirklichen Apfel von einer Abbildung unterscheiden kann? Ich könnte ihn zum Beispiel anfassen oder an ihm riechen. Aber selbst wenn der Gegenstand außerhalb meiner Reichweite liegt, wirken nach Auffassung Rudolf Steiners die Sinne der eigenen Körperwahrnehmung mit. Denn in der Wahrnehmung der Außenwelt durch den Sehsinn »wird stets das eigene Sein dumpf mitempfunden«. Das Gesehene ruft im Betrachter die Vorstellung eines Gegenstandes hervor, gleichzeitig – so Steiner – vermittelt der Gleichgewichtssinn eine unbewusste Empfindung, dass das Gesehene tatsächlich existiert. Dieses Zusammenwirken wird heute als »sensorische Integration« bezeichnet; sie bildet die Grundlage für den Wirklichkeitsbezug des menschlichen Handelns.

Wenn ältere Menschen sich an ihre Kindheit erinnern, werden ihnen spontan viele Spielsituationen vor Augen stehen, in denen sie ihre eigene Geschicklichkeit erproben konnten. Besonders auf dem Land gab es Erfahrungsmöglichkeiten, die auf keine Weise von den Erwachsenen reglementiert waren: Streifzüge durch Felder und Flussniederungen, geheime Verstecke und Höhlen, Aussichtspunkte auf hohen Bäumen. Bei solchen Beschäftigungen hatten Gleichgewichtsempfindung und Eigenbewegungssinn eine besondere Bedeutung. Die Wahrnehmung der eigenen Bewegung kommt durch Sinnesrezeptoren in den Muskeln zustande. Die Stellung des Körpers im Raum nehmen wir dagegen durch ein Zusammenspiel verschiedener Rezeptoren wahr. Denn der Gleichgewichtssinn besteht einerseits aus drei in die Raumesdimensionen gerichteten Bogengängen im Innenohr, dem Vestibularapparat. Die Sinnesrezeptoren in diesem Organ reagieren auf Drehung, Beschleunigung und Schwerkraft. Dadurch könnte nur die Bewegung des Kopfes registriert werden; die vestibularen Erregungen werden aber zusammen mit Signalen ausgewertet, die aus den Muskeln und Gelenken des Halses stammen. Nur so lässt sich die Stellung des Kopfes im Verhältnis zum übrigen Körper empfinden. Dass außerdem der Sehsinn eine wesentliche Bedeutung für die Wahrnehmung des Gleichgewichts hat, spürt man spätestens, wenn man versucht, mit geschlossenen Augen längere Zeit auf einem Bein zu stehen. Das heißt: Bereits die Wahrnehmung des Gleichgewichts entsteht aus einer komplizierten sensorischen Integration.

Digitale Spielkameraden

Die Lebenswelt der Kindheit hat sich unter anderem durch den zunehmenden Einfluss der elektronischen Medien gravierend verändert. Tatsächlich erscheint das Bild in einem Computerspiel für das Kind nicht eindeutig virtuell gegenüber der sinnlichen Wirklichkeit: »Die Besonderheit von Computerspielen besteht darin, dass man, um zu spielen, das Bild benutzen muss, welches man sieht. … Es liegt hier nicht mehr eine Interaktion auf Basis einer symbolischen Handlung oder der Handlung mit Symbolen … vor, sondern eine Handlung mit den Bildobjekten als solchen. Sie haben keine Stellvertreterfunktion mehr, sondern sind sie selbst«, so der »Computerfreak« David S. Bennahum, dem in seiner Kindheit Digitalspielsachen zu den wichtigsten Spielkameraden wurden. Sie erweckten bei ihm den Eindruck, dass sie mit ihm kommunizierten, und diese andere Welt war es, die ihn anzog. Im Rückblick bemerkt er, dass der Computer das Denken seiner Generation nachhaltig verändert hat: »Computer denken auf eine bestimmte Weise, und da wir dem Computerdenken ausgesetzt waren, veränderte sich auch unsere Denkweise. Sie programmierten uns genauso, wie wir sie programmierten.«

Wenn Kindern während der Vorschulzeit die Vielfalt der Sinneserfahrungen fehlt, können daraus schwerwiegende motorische und psychische Störungen entstehen. So wird bei den Beschäftigungen am Bildschirm das Spektrum der Empfindungen vor allem auf das Sehen und Hören eingeschränkt; der Gleichgewichtssinn bleibt passiv. Menschen mit einer Störung des Gleichgewichtssinnes können zwar mit den Augen alle Gegenstände erkennen, sie bewegen sich aber unsicher und ungeschickt, weil sie zum Beispiel selbst im eigenen Garten die Entfernungen zwischen Bäumen, Sträuchern, dem Haus und ihrem eigenen Körper nicht einschätzen können. Jean Ayres hat die Symptome von verschiedenen Störungen der sensorischen Integration detailliert beschrieben. Sie führt die weit verbreitete Überaktivität und Ablenkbarkeit von Kindern auf solche Defizite zurück. Ein Kind sei »überaktiv, weil ihm die Stabilität fehlt, die durch die richtige Verarbeitung der grundlegenden sensorischen Prozesse … erreicht wird.« Ayres erklärt aber auch, wie ein gesundes Zusammenwirken der Sinne in der frühen Kindheit entsteht und stellt fest: »Höhere intellektuelle Funktionen … werden sich leichter und besser entwickeln, wenn die sensomotorischen Fähigkeiten gut vorbereitet sind.«

Literatur: Jean A. Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung, Berlin 1992; David S. Bennahum: Bekenntnisse eines Computerfreaks, Stuttgart 1999; Stephan Guenzel: http://www.stephan-guenzel.de/ Texte/ Guenzel_Realitaet.pdf, 24.03.2012; Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln, Dornach 1983

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