Die Flamme der Anthroposophie

Dezember 2011

Ben Cherry und Ya Chih Chan im Gespräch mit Chun Su, der Gründerin der Ci Xin Waldorfschule in Ilan, Taiwan

Kindergarten an der Waldorfschule Ci Xin, Taiwan

Ben Cherry und Ya Chih Chan | Frau Chun Su, wie erklären Sie sich das enorme Wachstum der Ci Xin Schule? Mit welchen Herausforderungen sahen Sie sich konfrontiert?

Chun Su | Ci Xin begann 1999 mit einer ersten Klasse auf dem Gelände des Waldorf­kindergartens. Im dritten Jahr gab es 45 Kinder in der 1., 2. und 3. Klasse. Im September des gleichen Jahres vereinbarte unsere Stiftung für anthroposophische Pädagogik mit der Regierung von Ilan ein neues Modell der Zusammenarbeit.

Sie stellte  uns das gegenwärtige Schulgelände zur Verfügung und sagte uns eine finanzielle Förderung von etwa 90 Prozent zu.

Als die neue Schule 2002 den Betrieb aufnahm, war die Schülerzahl auf 128 Kinder mit 12 Lehrern und weiteren Mitarbeitern gestiegen. Jetzt, zehn Jahre später, haben wir mit einer experimentellen 10. Klasse begonnen. Zur Zeit haben wir 560 Kinder und über 50 Lehrer und Mitarbeiter.

Unser Ethos zielt auf eine dialogische Arbeitskultur. Es ist immer eine Freude, zu erleben, wie sich neue Türen im Leben von Kollegen öffnen und wir versuchen, dies gegenseitig anzuerkennen. Man kann sagen, dass es uns größtenteils durch positives Denken und die Würdigung von Kollegen möglich wurde, die schwierigen Zeiten zu bewältigen.

Wir sind auch all den Anthroposophen und erfahrenen Waldorflehrern aus allen Teilen der Welt, die uns geholfen haben, tief dankbar. Ohne ihre Unterstützung und ihren Rat hätten wir das, was wir heute haben, nicht erreichen können.

BC / YCC | Haben Sie den Geist der Waldorfpädagogik kompromittieren müssen, weil Sie eine Regierungsschule geworden sind?

CS | Taiwan ist ganz anders als Europa oder die USA. Obwohl wir uns darauf hinbewegen, ein demokratisches Land zu werden, kann man beobachten, wie der demokratische Geist durch den Einfluss von veralteten Werten und kolonialen Einstellungen unterdrückt und pervertiert wird. Wir sind noch eine von Männern beherrschte Gesellschaft, in der die Ansichten von Frauen nicht ohne Weiteres akzeptiert werden. – Unsere Bildungsideale gehen Hand in Hand mit der Entwicklung zu einer demokratischen Gesellschaft. Wenn es Schwierigkeiten mit Regierungsbeamten oder der Regierungspolitik gibt, üben wir Geduld. Wenn wir Verständnis für ihre Lage haben, öffnet sich ein Freiraum für Kompromisse und Verhandlungen.

Als Regierungsschule sind wir, was Gebühren, Verwaltungsverfahren und die finanzielle Berichterstattung angeht, an die staatlichen Vorschriften gebunden.

Das ganze Kollegium teilt die Verantwortung für die Entwicklung der Schule durch Arbeitsgruppen und die gemeinsame Lehrplanentwicklung. Es gibt zwei Kerngruppen: Die eine besteht aus sieben Lehrern mit Übersicht. Sie bestimmen, was in der Schule geschieht und planen die Zukunft; die andere besteht aus Vertretern der Eltern, Lehrer und der Stiftung.– Unsere Hauptverwaltungsaufgabe ist zur Zeit, den Vertrag mit den Behörden neu zu verhandeln. Ziel ist es, die Bürokratie zu vereinfachen und den pädagogischen Idealen der Waldorfpädagogik näher zu kommen. Dazu müssen wir uns jedoch an die nationalen Bestimmungen anpassen.

BC / YCC | Was hat Sie an der Waldorfpädagogik angezogen und warum haben Sie sich so lange damit befasst?

CS | Die Grundlage der Waldorfpädagogik ist die Anthroposophie. Sie spricht die verschiedensten Kulturen an. Zwischen ihnen kann ein Dialog stattfinden. Wir werden auch herausgefordert, die kollegiale Zusammenarbeit als kulturelle Tat zu verstehen. Dadurch können wir hier eine pädagogische Arbeit machen, die sich im Geist der sozialen Reformbewegung wiederfindet, an der ich in Taiwan den größten Teil meines Lebens beteiligt war, lange bevor ich auf die Waldorfpädagogik stieß. Dies stärkt meinen Willen, die Anthroposophie weiter zu studieren und die Waldorfpädagogik zu praktizieren. In all den Jahren, in denen ich sie praktiziert habe, hörte ich nie auf, zu lernen. Ich habe gelernt, die Vergangenheit loszulassen und trage Hoffnung und suche Orientierung für die Zukunft. Ich spüre, dass ich mich im Laufe der Zeit verwandle. Mein Leben wird durch die Arbeit, die ich mache, genährt. Diese Erfahrung möchte ich auch anderen zugänglich machen.

BC / YCC | Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Möglichkeit hätten, nochmals von vorne zu beginnen?

CS | Das käme auf die Zeit und die sozialen Umstände an. Ich würde gerne mehr für Kinder aus kaputten Verhältnissen tun, die viel zu kämpfen haben, ihnen helfen, ihr Verhältnis zu ihren Eltern wiederherzustellen und eine freie Waldorferziehung für arme Familien anbieten. Dafür würde ich gerne die Weisheit und das Können gesunder älterer Menschen in Anspruch zu nehmen.

BC / YCC | Wie wird die Waldorfpädagogik in Ilan und Taiwan in fünf bis zehn Jahren aussehen?

CS | Es ist mein Wunsch, dass die waldorfpädagogische Bewegung ein Instrument zur Veränderung des sozialen Bewusstseins wird. Der Weg vorwärts hängt davon ab, dass Schulen auf eine Weise zusammenarbeiten, die es erlaubt, verschiedene Blickpunkte zu integrieren und die Zukunft zu planen, besonders in der Heileurythmie, der Entwicklung der Oberstufe und der Unterstützung von staatlichen Schulen, die Waldorfschulen werden wollen. Ich freue mich darauf, dass es eines Tages ein Waldorflehrerseminar, vielleicht sogar eine Camphill-Gemeinschaft gibt.

Darüber hinaus sollten wir anthroposophische und waldorfpädagogische Bücher auf Chinesisch veröffentlichen.

Wir sind dabei, einen Fonds zur Unterstützung der Oberstufe und armer Familien einzurichten und längerfristig eine gesunde Landwirtschaft, Medizin, Heilpädagogik und ein Altenheim in die Schulgemeinschaft zu integrieren. Dieser Fonds soll auch ein vernünftiges Gehalt für unsere nicht staatlich qualifizierten Lehrer finanzieren.

Ci Xin ist die Flamme, die für eine anthroposophische Entwicklung im Norden und Nordosten von Taiwan brennt.

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