Die innere Landschaft ausloten. Wie ein Vermessungspraktikum helfen kann, sozial zu wachsen

Februar 2021

Christian Boettger im Gespräch mit Ivonne Krüger (Sozialarbeiterin) Volker Altmann (Klassenbetreuer) und Freia Arncken (Schülerin) an der Freien Waldorfschule Schopfheim.

Als wir in der Redaktionssitzung das Heft zum Thema Waldorfschulen und Sozialarbeit besprachen, fiel mir sofort die gemeinsame Erfahrung bei einem meiner Vermessungspraktika an der Schopfheimer Waldorfschule ein. Seit vielen Jahren darf ich als Fachkraft die Schule bei dem zwölftägigen Praktikum begleiten, das wir in der Regel in der Nähe von Lesna in Polen unter sehr einfachen Bedingungen in Sachen Unterkunft durchführen. Nun bin ich sehr froh, dass wir uns für dieses Gespräch zu viert gefunden haben und unsere Fragen und Antworten mit den Lesern teilen dürfen. (Christian Boettger)

Christian Boettger | Wie ist es dazu gekommen, dass die Sozialarbeiterin der Schule angefragt wurde, das Praktikum zu begleiten?

Volker Altmann | In unserer Oberstufe ist es Usus, dass alle Oberstufenklassen gleichzeitig ihre Praktika absolvieren, da gibt es oft Personalmangel. Dazu kommt, dass in dieser Altersstufe überwiegend Männer arbeiten und so ist die Idee, Ivonne Krüger zu fragen, zunächst aus der Not entstanden, dass eine weibliche Begleitperson gefunden werden musste.

CB | Was waren für Sie die Beweggründe schließlich ja zu sagen und die Fahrt zu begleiten?

Ivonne Krüger | Ich bin über meine beiden Töchter schon lange als Mutter mit der Schule verbunden und kannte das Vermessungspraktikum und die Herausforderungen, die es mit sich bringt. Besonders reizvoll war für mich, dass ich mir durch die Teilnahme erhoffte, einmal wegzukommen von der »Feuerwehrsituation«, in der ich mich oft als Sozialarbeiterin erlebe, und im wirklich realen Leben vertiefende Gespräche mit den jungen Menschen führen zu können.

CB | Und wie war es für Sie, Freia, und ihre Mitschüler, dass eine Sozialarbeiterin, aber keine Lehrerin als weibliche Begleitung mitkam?

Freia Arncken | Das habe ich nur als positiv erlebt: Auf einmal war da eine ganz andere Art Vertrauensperson dabei, wir haben alle gemerkt, dass sie zudem mehr Kenntnisse und Erfahrung im Umgang mit Sozialprozessen mitbrachte, als viele unserer Lehrerinnen und Lehrer. Soziale Fragen und Probleme, die auf Klassenfahrten ja immer auftreten, konnten mit ihr besprochen und gemeinsam gelöst werden. Es gab auch ungewöhnlich viele Krankheitsfälle während der Zeit, die sich bei Ivonne Krüger in sicheren Händen und versorgt fühlen konnten.

CB | Was waren die ersten Überraschungen?

IK | Für mich war besonders erstaunlich, wie schnell schon auf der langen Zugreise – wir reisen mit dem »Quer durchs Land-Ticket« in sieben verschiedenen Regionalzügen etwa 14 Stunden – vor allem durch die gemeinsamen Stresserlebnisse beim Umsteigen eine Lebens- oder auch Leidensgemeinschaft entstand, die wunderbare Gespräche ermöglichte.

VA | Ja, das habe ich auch so erlebt: Aufgrund der Erzählungen der vorangegangenen Klasse gab es in dieser zehnten Klasse erhebliche Widerstände und Vorbehalte gegenüber dem Vermessungspraktikum und die Fahrt mit Verspätungen und verpassten Anschlüssen war äußerlich kein guter Einstieg. Überraschend war, wie schon auf der Fahrt – ich denke, dank der vielen, guten Gespräche – die Stimmung kippte und die Klasse schließlich müde, aber fröhlich erst nach Mitternacht in ihrem Quartier ankam.

FA | Durch die Enge der Schlafplätze und die ständige intensive Arbeit in Gruppen war es sozial sehr anstrengend, da es nur selten Zeit, alleine zu sein oder Rückzugsorte gab. Dadurch waren Konflikte, aber auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl vorprogrammiert. Letzteres überwog in meinen Augen deutlich. Damit hatte ich vorher nicht gerechnet.

CB | Blicken wir nun auf die zentralen Erfahrungen im Laufe der insgesamt zwölf Tage: Was hat sich für Sie ergeben?

IK | Durch das Zusammenleben und -arbeiten ist im Gegensatz zu der Situation in der Schule eine wirkliche und gemeinsame Lebensrealität entstanden. Die ernsthaften und klaren Aufgaben des Praktikums selber werden ergänzt durch die soziale Herausforderung, in Gruppen miteinander zu arbeiten und dabei aufeinander angewiesen zu sein. Man kommt nur zum Ziel, wenn alle ihren Part erfüllen. Das kann sehr befriedigend sein, zu Konflikten führen oder schwelende Konflikte sichtbar machen. Gerade auch die Freundschafts- und Paarbeziehungen werden stark geprüft. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, wie gut es war, mit den Einzelnen viel Zeit für Gespräche zu haben und den Jugendlichen bei der Reflexion den Horizont zu öffnen für die Vielschichtigkeit der Situation.

FA | Für die Klassengemeinschaft war es eine neue Erfahrung, Konflikte mit professioneller Begleitung lösen zu können. Auch dass Ivonne Krüger Zeit hatte, sich der Gespräche anzunehmen und dabei nicht gleichzeitig die Position einer Lehrperson verkörpern musste, schuf eine neue Vertrautheit. Auch die Beziehung der Klasse zu Herrn Altmann hat sich während dieser Zeit sehr zum Positiven verändert.

VA | Fordert das Feldmessen immer den aktiven Perspektivenwechsel vom individuell-persönlich-subjektiven in der Landschaft-Sein zur objektiven Vogel­perspektive, so fordert dieser Schritt auch immer den Jugendlichen heraus, seinen Standpunkt in der Welt und in der Gruppe zu bestimmen. Der besondere Ort, die Extremsituation – zwölf Tage in einer solch großen Gruppe mit in vielerlei Hinsicht fordernden Situationen – stellt eine soziale Herausforderung dar, die mathematischen Zusammenhänge auf die Messsituationen und deren Überprüfung anzuwenden eine fachliche. All dies führt unweigerlich zu einem sozialen Reifungsprozess des Einzelnen und der Gruppe. Beide Prozesse wurden nun professionell begleitet, was zu einer Intensivierung und Vertiefung dieser Prozesse führte.

CB | Welches Resümee ziehen Sie aus der Zusammenarbeit in diesem Praktikum?

FA | In dieser sehr intensiven Zeit, was Lernen und Arbeiten betraf, war es eine Entlastung, dass sich die Schülerinnen und Schüler auf Ivonne Krüger in sozialen oder emotionalen Angelegenheiten verlassen konnten. Das ergab insgesamt eine positive, lockere Stimmung und wir konnten uns voll auf die Inhalte und die Arbeit konzentrieren. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatten alle die Möglichkeit, sich selbst und die Klasse von einer ganz neuen Seite kennenzulernen. Für mich persönlich konnte ich viel aus der Zeit mitnehmen und so geht es sicher vielen aus der Klasse.

IK | Als ich versuchte, mich für dieses Gespräch an mein zentrales Erlebnis zurückzuerinnern, kam mir folgendes Bild: Während in dem Praktikum äußerlich die Landschaft vermessen wird, wurde in den Gesprächen mit den Jugendlichen die eigene innere Landschaft angeschaut und wie neu erschlossen. Ich denke, das hat eine großartige Wirkung für die weiteren Jahre in der Schule.

VA | Die Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit ist ein unverzichtbarer Teil meiner Arbeit als Klassenbetreuer geworden. Nun als Team zusammenzuarbeiten, stellte etwas Neues dar, was aus meiner Sicht für alle Beteiligten zu Synergien führte und es wäre bedenkenswert, die Begleitung des Vermessungspraktikums durch die Schul­sozialarbeit konzeptionell zu verankern. Es wäre spannend, mit den Schülern in 20, 30 Jahren auf dieses Praktikum zurückzublicken.

CB | Ich habe die Unterstützung der Vermessungsaufgaben durch die zielführenden und unterstützenden Gespräche mit Ivonne Krüger als äußerst wichtig erlebt. Gerade wenn man als Fachkraft von außen kommt, ist es schwierig, die Situation des einzelnen Jugendlichen wirklich richtig einzuschätzen. Es ist ja auch selbstverständlich, dass bei den Schülern nicht vorausgesetzt werden kann, dass sie Vertrauen in eine unbekannte Person haben. Aber ich konnte mich hundertprozentig darauf verlassen, dass wenn ein Schüler nicht ins Arbeiten kam, er durch ein Gespräch mit Ivonne Krüger aufgefangen wurde. Auch die Zusammenarbeit mit Volker Altmann als Kollegen schätze ich sehr, weil wir die pädagogischen Möglichkeiten des Vermessungspraktikums für die inneren Entwicklungsprozesse der Jugendlichen auszuschöpfen versuchen.

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