Die Lichtspirale. Über das Adventgärtlein

Von Gisela Stibill, Dezember 2011

Zu Beginn der Adventszeit 1959 lernte Gisela Stibill in dem anthroposophischen Kinderheim »Sonnenhaus« in Husum – es war mehr eine kinderreiche Familie denn ein Heim – das Adventgärtlein kennen. Sie schildert die Geschichte und beschreibt das Urbild dieser Gepflogenheit.

Gertrude Meinke hatte 1947 dieses kleine leuchtende Lichtfest vom »Lauenstein«, der ersten anthroposophischen heilpädagogischen Einrichtung, wo sie lange Jahre bei Heinrich und Margarete Hardt als Gruppenmutter tätig gewesen war, ins »Sonnenhaus«, das sie begründete, mitgebracht. Sie erzählte mir von ihren Erlebnissen, wenn die oft schwerst behinderten Kinder durch die Spirale gingen und den erst dunklen Raum mit jeder entzündeten Kerze heller und heller werden sahen.

Ich fragte Margarete Hardt, die Großmutter meiner Kinder, wie es zu diesem Brauch gekommen war. Schwester Inge, so sagte sie, eine Mitarbeiterin auf dem »Lauenstein«, habe ihr gegenüber den Gedanken ausgesprochen, die Adventszeit mit den Kindern mit einem besonderen Lichterlebnis einzuleiten. Sie hatte daran gedacht, auf einen großen Tisch eine Spirale aus Tannengrün und Moos zu legen, sie mit schönen Steinen zu schmücken und eine große Kerze in die Mitte zu stellen, an der jedes Kind eine Kerze entzünden könnte. Die Kerzen wollte sie in Äpfel stecken und jedem Kind in die Hand geben. Margarete Hardt nahm diesen Gedanken 1923 mit nach Dornach auf die Weihnachtstagung der Anthroposophischen Gesellschaft und stellte ihn Rudolf Steiner vor. »Wir standen in jeder Pause alle immer in großem Kreis um ihn herum, jeder hatte viele Fragen aus dem Alltag mitgebracht«. Steiner antwortete: »Das können wir brauchen«, riet aber, um die Kinder das Geschehen mit dem ganzen Leib erleben zu lassen, es groß und begehbar auf dem Boden zu gestalten.

Seither wird mit dem Adventgärtlein, diesem kleinen, innigen Fest, in vielen heilpädagogischen Einrichtungen, Kindergärten und Waldorfschulen mit den Kindern der Anfang der Adventszeit gefeiert. 1927 brachte es Gustl Wretzl aus einer Einrichtung in München, wo sie tätig gewesen war, mit nach Arlesheim in den »Sonnenhof«. Der Annahme, sie habe es bei Bauern in der Umgebung Münchens kennengelernt, bin ich lange nachgegangen. Weder dort, so sagte die Leiterin des Volkskundemuseums, noch in einem anderen Bundesland ist dieser oder ein nur ähnlicher Brauch bekannt. Mit ihm wird die Herbsteszeit, die Michaeli beginnt, abgeschlossen, und ein Fest gefeiert, das sich als wichtig und wie eine Abrundung des Kanons der Jahresfeste erweist: Weihnachten-Johanni, Ostern-Michaeli, Pfingsten-Adventgärtlein.

Zu Pfingsten schenkt Christus, das Licht in unserer Mitte, den Jüngern das Licht. Sie tragen es in die Welt, in der es dadurch heller und heller wird.

Beim Adventgärtlein die Umkehrung: Nur, ich selber, nur jeder Mensch für sich kann sein Licht am Christuslicht, dem Licht in unserer Mitte, entzünden, und so wird es heller und heller in der Welt. Sankt Michael, der Geistes-Kraft und Mut Spendende, schützt den Leib vor Gefahr. Sankt Martin, der Austeilende, gibt ab von seiner Seelenkraft, wärmt den Leib und die Seele, Sankt Nikolaus stärkt Leib und Seele, bringt den Leb(ens)kuchen, stärkt die Lebenskräfte, und so gestärkt, können wir uns im Adventgärtlein nun selbst auf den Weg machen, unser Licht am Christtag bei dem Kind in der Krippe neu zu beleben, wieder zum Leuchten zu bringen.

Das Kind in der Krippe hat mit seinem Erscheinen die Kraft des Sünden-Apfels, des Sündenfalles gebrochen, mit dem Licht, der Lichtkraft, der reinen Liebe überstrahlt. Das ist es, was hinter dem Adventgärtlein mit seinem Lichterapfel steht.

Die Spirale, Urbild aller Lebensprozesse

Für das Adventgärtlein die Form der Spirale zu wählen, ergibt sich fast von selbst, ist sie doch das Urbild aller Lebensprozesse. Die Franzosen nennen sie treffend: »Symbole de la croissance«. Enge und Weite, Winter und Sommer, einatmen und ausatmen, innen und außen – all diese Prozesse gehen in ständiger Bewegung vor sich, bis sie den Punkt erreicht haben, an dem sie, für einen Augenblick zur Ruhe gekommen, die Umkehr, den Weg zurück beginnen.

Der Weg in die Enge, zu mir selbst, wo für einen winzigen Augenblick Ruhe entsteht, dann der Weg zurück in die Weite, zur Welt. Auch in der Natur finden wir die Spirale in vielfältigster Weise, etwa an den Häusern der Schnecken, bei der Anordnung der Kerne in der Sonnenblume, dem Aufbau eines Fichtenzapfens, dem sich entrollenden Farn oder bei der an Land anbrandenden Welle.

In den verschiedensten Kulturen und Religionen und zu allen Zeiten wurde die Spirale als Initiationsweg angesehen. In der vorchristlichen Zeit wurde die einwickelnde Spirale bei der Geburt, die auswickelnde beim Tod eines Menschen gegangen oder getanzt.

Wir finden sie schon früh auf keltischen Zierbändern, auf den Schmuckbändern der griechischen Vasen, auf Kapitellen von Säulen (Bild a)*, an Dachabschlüssen von Kirchen und Klostergebäuden (Bild b)* und alten Einweihungsstätten wie New Grange. In der Architektur begegnet uns diese Form im Goldenen Schnitt (Bild c)*, der viele Bauten eindrucksvoll nach musikalischen Gesetzmäßigkeiten gliedert und dadurch harmonisch auf uns wirken lässt. Christoph Schlingensief wählte für den Grundriss seines Operndorf-Projektes in Afrika nicht zufällig die Spirale als Grundform. Auch das Labyrinth auf dem Boden der Kathedrale von Chartres ist ein Spiralweg. Bei allen Kindern der Welt ist die Spirale in den Zeichnungen eine der ersten Formen – und das in bewundernswert ausgewogenen, gleichmäßigen Schwüngen. Das sich bewegende Kind tanzt eigentlich immer um sich herum, kreist spiralförmig um einen Mittelpunkt, der in ihm selbst ist. Mit zunehmendem Alter werden diese Bögen immer weiter, offener, größer, beziehen den Umkreis mit ein, entwickeln sich als Lebensweg. Immer wieder aber kehren sie – kehren also wir – zum Mittelpunkt zurück, um nach einer Zeit der Einkehr mit neuem Licht, mit neuer Kraft den Weg nach draußen und in die Weite zu beginnen und fortzusetzen. Im Alter findet dann die Umkehr, die Rückkehr – oder sollten wir nicht besser sagen, die neuerliche Einkehr? – statt. Wen verwundert es da, dass die Kinder der Adventspirale, dem Adventgärtlein, schon lange vor der Zeit sehnsüchtig entgegensehen? Könnte es nicht sein, dass sie es als etwas Vertrautes erwarten, ersehnen, bei dem sie die Erinnerung an ein Ewiges auffrischen dürfen?

Zur Autorin: Gisela Stibill war über 30 Jahre in der Waldorfpäda­gogik tätig. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit gab sie als Regionalbetreuerin und Mitarbeiterin an einem Erzieherseminar ebenso weiter wie in Seminaren, Kursen und Vorträgen.

* Die Bilder finden Sie in der Printausgabe

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