Die Menschenkunde ist transkulturell

Juli 2018

Überall gibt es Menschen, die feststellen, dass die hochtechnisierte Zivilisation, die sich über den ganzen Erdball verbreitet hat, eine gewaltige Einseitigkeit darstellt, die dringend ergänzt werden muss.

Tomáš Zdražil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Professor an der Freien Hochschule Stuttgart

Erziehungskunst | Rudolf Steiner hat 1919 eine Pädagogik und »Menschenkunde« inauguriert, die zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, mit bestimmten Menschen ihren Anfang nahm. Sind diese »historischen Stunden« auf unsere Zeit ohne weiteres übertragbar?

Tomáš Zdražil | Ich fange mit dem Blick auf die internationale Schulbewegung an: Es gibt zur Zeit bekanntlich großes Interesse an der Waldorfpädagogik in China. Dort wird sie von Menschen aus verschiedenen Ländern vertreten, vor allem von zwei Engländern, die auf großen Kongressen auftreten und viel Koordinationsarbeit leisten. Im Nachbarland Nepal werden die Waldorfeinrichtungen von einer israelischen Lehrerin betreut und impulsiert. Weiter südlich in Indien haben bei der Entwicklung der Waldorfschulen Norweger eine wichtige Rolle gespielt. Es gibt also einen regen internationalen Austausch über die Menschenkunde der Waldorfpädagogik, der spontan und lebendig ist. Was übertragen wird, sind nicht unbedingt die alten Inhalte, der Wortlaut der »Allgemeinen Menschenkunde«, die mechanisch oder dogmatisch transportiert würden, sondern primär das, was ich die menschliche Substanz der Menschenkunde nennen möchte.

Steiner hat für den Vorbereitungskurs die begabtesten Leute aus der ganzen anthroposophischen Szene nach Stuttgart bestellt. Alle waren sehr jung, kreativ, gebildet – im allgemeinen und auch im anthroposophischen Sinne – und vor allem bereit, ihre Fähigkeiten restlos der neuen Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Übrigens war der Teilnehmerkreis auch damals schon international geprägt: Deutsche aus Nord und Süd, Balten, Schweizer, Amerikaner, Holländer und Österreicher. Steiner hat für sie in wenigen Tagen nochmals seine gesamte Anthroposophie in ihrem aktuellsten Forschungsstand verdichtet und unter pädagogischen Gesichtspunkten dargestellt. Zum anderen hat er eine Fülle von methodischen und didaktischen Anregungen gegeben. Vor allem hat er in seminaristischen Beispielen gezeigt und erleben lassen, wie die pädagogische Praxis aussehen sollte. Schließlich hat er in den Teilnehmern einen enormen Enthusiasmus geweckt.

Die Lehrer der ersten Schule sind durch Höhen und Tiefen gegangen, haben aber daraus und aus dem regelmäßigen Austausch mit Steiner tatsächlich eine Pädagogik »learning by doing« kreativ entwickelt. Sowohl Steiner als auch einige der ersten Waldorflehrer haben anschließend die internationale pädagogische Öffentlichkeit mit dieser Art von Pädagogik bekannt gemacht. Wir haben es hier also mit einer wichtigen Figur, mit einem Prinzip zu tun, wie sich diese Pädagogik verbreitet.

Am Anfang stand fast immer eine lebendige Darstellung durch Menschen, die sie bereits verinnerlicht und praktiziert haben, nie irgendwelche Lehr- oder Handbücher der Waldorfpädagogik. Das heißt, nicht die Inhalte der historischen Stunden sind »übertragbar«, sondern die menschliche Substanz der Menschenkunde. Und das funktioniert heute genauso wie damals. Es wird das kreative Potenzial in den Lehrern wachgerufen und das überträgt sich dann auf die Schüler.

EK | Inzwischen gibt es weltweit, in nahezu jedem nationalen, kulturellen und ethnischen Kontext Waldorfschulen. Wodurch wird die »Menschenkunde« anschlussfähig?

TZ | Ja, das ist in der Tat ein wesentliches Signum der Waldorfpädagogik, das es sich lohnt, genauer anzuschauen. Einige Aspekte: Die menschenkundlichen Darstellungen Steiners fokussieren einerseits die Sphäre des Individuellen, des Ichhaften im Menschen. Andererseits untersuchen sie das Menschlich-Universelle. Beides betrifft alle Kulturen. Die Menschenkunde der Waldorfpädagogik wird dadurch im Ansatz interkulturell oder noch besser transkulturell. Mit dieser besonderen Eigenschaft, glaube ich, berühren wir das Geheimnis ihrer weltweiten Attraktivität.

Die Menschenkunde trägt immer die sehr individualisierte Färbung der Person, die sie vertritt. Und sie ist nie eine Theorie, sondern steht in Verbindung mit der pädagogischen Praxis. Sie wirkt primär nicht von Kopf zu Kopf, sondern viel mehr von Herz zu Herz, das heißt menschlich. Sie strahlt nicht nur das Wissen aus, sondern auch pädagogische Erfahrung und vor allem die Liebe zum Menschen. In unserer Zivilisation, in der weltweit – und zwar leider auch im Bildungswesen und sogar in der Pädagogik – die menschliche Dimension verloren geht, ist das für viele sensible Menschen eine Labsal.

EK | Sind also die menschenkundlichen Grundeinsichten Steiners allgemeingültig?

TZ | Es funktioniert viel komplexer. Es gibt in der Welt sehr viele Menschen, die zuerst, manchmal ganz zufällig, unmittelbar die praktische Fruchtbarkeit dieser Pädagogik erfahren. Sie werden dann neugierig und wollen die tieferen ideellen Grundlagen dieser Praxis kennenzulernen. Die Anschauungen über die Entwicklung des Kindes und den Zusammenhang von Unterrichtsinhalten und Altersstufen, die dem Lehrplan zugrunde liegen, werden dann wesentlich. Es gibt aber auch Menschen, die feststellen, dass die hochtechnisierte Zivilisation, die sich über den ganzen Erdball verbreitet hat, eine gewaltige Einseitigkeit darstellt, die Menschheit in eine Sackgasse führt und dringend ergänzt werden muss. Sie sehen in der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik eine solche Ergänzung. Es kann sein, dass für solche Menschen der in der Anthroposophie geschilderte geis­tige Zusammenhang zwischen dem Menschen und den Naturreichen oder zwischen der Erde und dem Kosmos besonders wichtig wird. Diesen Aspekt kann man zum Beispiel in den skandinavischen Waldorfschulen finden, eine Art neuer Naturverbundenheit. Viele Menschen suchen auch einen Weg zu den verlorenen Wurzeln ihrer eigenen Kultur. Die Traditionen tragen nicht mehr. Vieles spricht dafür, dass die Waldorfpädagogik auf dieser Suche eine wesentliche Hilfe sein kann. Dafür mögen die anthroposophischen Anschauungen über die anthropologische Bedeutung der Phantasiekraft, über den imaginativen Gehalt der alten Mythen und Geschichten oder über die geschichtliche Entwicklung der Menschheit besonders ansprechend sein. In Afrika, und nicht nur dort, wird dadurch die überreiche Vergangenheit der bildhaften Geschichten neu erschlossen und entdeckt.

Dabei wird niemand gezwungen, etwas zu übernehmen oder zu glauben, sondern im Vordergrund steht das Prinzip der Freiheit und der Selbstwirksamkeit. Und noch etwas: Es gibt in der Welt nirgendwo einen Ort, der die Menschenkunde kodifiziert und eine Deutungshoheit hätte, sondern jeder ist in dieser Hinsicht frei.

EK | Kritische Stimmen sprechen von »Waldorfkolonialismus«. Die Waldorfpädagogik fußt auf dem anthroposophischen Menschenbild. Kann denn diese Anschauung überall vorausgesetzt werden?

TZ | Ich finde, bereits der Ausdruck »Menschenbild« passt nicht zur eigentlichen Erkenntnisgrundlage der Waldorfpädagogik. Ein Bild ist etwas Starres, Normatives. Leider passiert es tatsächlich immer wieder, dass die Anthroposophie dogmatisch vermittelt wird, dann entstehen aber auch nur Zerrbilder der Waldorfpädagogik. Die echte Waldorfpädagogik entsteht da, wo die Anthroposophie als Methode das pädagogische Leben inspiriert und gestaltet. In der Anthroposophie sind die Inhalte zwar nicht unwichtig, aber sie werden zur Methode, indem sie den Menschen in seinem Vermögen, wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen und zu handeln kultivieren.

Ich bin überzeugt, dass sich die Waldorfpädagogik überwiegend auf diese Art in der Welt verbreitet und dadurch die lokalen genuinen kulturellen Kontexte einbezieht. Außerdem, wenn es tatsächlich etwas Universelles am Menschen gibt, etwas, wodurch er eben »Mensch« ist, dann kann man in Bezug auf die Methode, durch die man zur Erkenntnis dieses Universellen gelangt, nicht von »Kolonialismus« sprechen, sondern man müsste vielmehr von »Befreiung« reden – weil durch sie der Mensch gewissermaßen zu sich selbst befreit wird. Waldorfpädagogik wäre demnach eine antikolonialistische Befreiungsbewegung.

EK | Die Vorträge über »Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik« sind in Sprache und Gedankeninhalt gewöhnungsbedürftig und nicht ohne weiteres verständlich. Sollten sie nicht neu »übersetzt« werden, um sie einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen?

TZ | Ja, das Buch ist absolut gewöhnungsbedürftig. Gewöhnungsbedürftig muss aber nicht nur heißen, es ist behaftet mit antiquierten Inhalten und Steiners befremdlicher Ausdrucksweise. Die »Allgemeine Menschenkunde« stellt an den Leser gewisse Anforderungen, an denen er sich üben und Neues erleben kann. Steiners Bücher waren immer und sind auch heute Schulungstexte. Die »Allgemeine Menschenkunde« lädt ein, bestimmte ideelle Perspektiven einzunehmen, herausfordernde Bilder zu denken, Fragen zu entwickeln, die die Weltbeziehung beleben und vertiefen können. Das ist heute ein Bedürfnis weltweit.

In der Internationalen Konferenz der Waldorfschulbewegung (Haager Kreis) sind wir dabei, kleine Versuche in dieser Richtung zu wagen und zu fragen: Wie wird die »Allgemeine Menschenkunde« von Japanern, Chinesen, Südafrikanern, Franzosen, Russen gelesen und gehört? Wir planen für 2019 auch eine kleine Publikation dazu.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

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