Die Mittelstufe. Zeit der Entscheidung

Von Richard Landl, Oktober 2011

Die Mittelstufe der Waldorfschule reicht von der fünften, sechsten bis zur achten Klasse. Sie umfasst im Wesentlichen die Zeit der Vorpubertät und einen großen Teil der Pubertät. Dieser für jeden Heranwachsenden problematische, aber gleichzeitig entscheidende Lebensabschnitt verlangt von den Erziehern nicht nur Geduld und Verständnis, sondern auch besonders viel Phantasie.

Die siebte Klasse stellt eine besondere Entscheidungsphase dar, denn sie bedeutet den endgültigen Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Die Waldorfpädagogik antwortet auf diesen Übergang mit einem qualitativen Umbruch im Lernen: von der ganzheitlich-bildhaften Anschauung zur verstandesmäßig-urteilenden Auseinandersetzung. In dieser Altersstufe beginnt das verstandesmäßige Erfassen der Welt, aber gleichzeitig ist noch eine selbstlose Hinwendung zu neuen Inhalten möglich, ein noch nicht so sehr auf sich selbst bezogener Blick in die Welt. Dass das verstandesmäßig-abstrakte Denken neben dem fortbestehenden gemüthaften Weltbezug aufkeimt, macht diese Phase zur labilsten im gesamten Lebenslauf des Menschen. 

Pubertät: zwischen Aufbruch und Überforderung

Wie lässt sich diese Zeit mit ihren Abgrenzungsbewegungen und extremen Stimmungsschwankungen, dem Infragestellen jeglicher Ordnung und ihrer Lust an Konflikten verstehen? Welche Ursache hat dieses Verhalten? Der Heranwachsende ist völlig gegensätzlichen Empfindungen ausgesetzt. Auf der einen Seite Unsicherheit, Überforderung, Verletzlichkeit, Zerrissenheit – auf der anderen das Gefühl von Aufbruch und Befreiung, Herausforderung und Bewährung. Die Kindheit mit ihrer Geborgenheit und Wärme geht unwiederbringlich verloren. Mit diesem Verlust ist immer auch Schmerz, Trauer und zuweilen Depression verbunden. Hinter allem Streben nach Unabhängigkeit und Abgrenzung steht die Suche nach der eigenen Identität, die Sinnsuche und die Bereitschaft, seinen Standort im Leben zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Puber­tierende grenzen sich von den Eltern und Lehrern ab, suchen nach dem Eigenen und orientieren sich neu in den sozialen Beziehungen. Die Verhältnisse zu Mitschülern und Freunden werden neu geordnet. Die Clique und die »beste Freundin« bekommen eine zentrale Bedeutung.

Eine ebenso große Herausforderung ist es, in den sich verändernden Körper hineinzuwachsen. Die sexuelle Reifung vermittelt ein völlig neues Körpergefühl, das zunächst sehr befremdlich ist.

Umbau von Gehirn und Seele

Dieser große Umbruch wird von Umgestaltungsvorgängen im Gehirn begleitet, die mit hormonalen Prozessen einhergehen. Ähnlich wie nach der Geburt erfolgt ein großer neuronaler Umbau, vor allem im Bereich des Stirnhirns, das für alle höheren kognitiven Fähigkeiten steht. Alte Strukturen werden aufgelöst und neue müssen während der ganzen Pubertätszeit gebildet werden, was große emotionale Verunsicherung verursacht. Was steuert diesen Umbildungsprozess? Der Hirnforscher James Giedd fand als erster, dass es im Wesentlichen die Handlungen des Jugendlichen sind, die die Umbildung steuern: ob er auf der Couch herumliegt, ob er ein Instrument spielt, ob er die Bewegung seines Daumens mit Computerspielen trainiert oder ob er den Garten umgräbt – alles wird vom Gehirn optimiert und dient gleichzeitig seiner Neugestaltung.

Steiner deutete diese Vorgänge zu Beginn des 20. Jahr­hunderts wie folgt: Die Seele, die in den Jahren vor der Pubertät die physischen Organe mitstrukturiert, gibt ihre Gestaltungskraft an den Körper ab. Sie selbst nimmt dadurch den Charakter einer unstrukturierten »Nebelwolke« an. Und die Seele strukturiert sich dadurch neu, dass alle Bewegungen, die der Heranwachsende mit Armen und Beinen ausführt, ihr wiederum Kontur geben. Die gesamte nach außen gerichtete Tätigkeit schreibt sich nach Steiner gleichzeitig in die Seele ein.

Auf etwas Weiteres macht Steiner aufmerksam. Mit der Vorpubertät emanzipiert sich das Kind gleichsam von seinem Leib und beginnt, die Welt unmittelbar seelisch zu erleben. Es kann sich nun ganz an die Welt hingeben. Gleichzeitig bindet der sich verändernde Körper das seelische Erleben an sich. Hingabefähigkeit an die Welt und Bindung an den Leib bilden das polare Spannungsfeld, in dem sich der Pubertierende bewegt. Das Ergebnis ist Zerrissenheit.

Was bedeutet die Zerrissenheit von Leib und Seele für die Schule?

Zunächst ist wichtig, diese Polaritäten mit ihren oft schnell wechselnden Zuständen als entwicklungsbedingt, als unausweichlich zu akzeptieren, so wie Aprilwetter. Eine große Hilfe für Jugendliche dieses Alters ist es, wenn Erwachsene sie Ernst nehmen, ohne die einzelnen Stimmungsausschläge allzu Ernst zu nehmen. Aber welche Lebens- und Lernsituation benötigen die Schüler? Man kann verstehen, wenn für dieses Alter oft die »Entschulung der Schule« empfohlen wird. So möchte Hartmut von Hentig die gewöhnliche Schule am liebsten für ein Jahr schließen und durch ein Lernen am Leben in unterschiedlichsten Praxis- und Berufsfeldern ersetzen.

Nicht ganz so radikal ist die Antwort der Waldorfschulen mit ihren vielfältigen Projekten: mit Klassenspielen, Klassenfahrten, Forstpraktika, aber auch Epochen wie Ernährungslehre, Drogen- und Sexualkunde sowie biographischen Jahresarbeiten. Entscheidend ist aber nicht das »Was«, sondern das »Wie«. Damit ein Klassenspiel in diesem Alter sinnstiftend wirkt, darf es nicht nur eingeübt werden, um etwas Schönes auf die Bühne zu stellen. Nur wenn es zu einem realen Lebensprozess wird, kann es seine pädagogische Tiefenwirkung entfalten. Die Schüler müssen an der Sprache arbeiten, improvisieren, Kostüme schneidern, Kulissen malen, Werbemittel wie Flyer, Plakate, Zeitungsartikel produzieren und sich mit Kostenkalkulation beschäftigen.

Sollte man deshalb nur noch Projekte machen? Keineswegs, denn sie sind eher wie die Hefe im Teig – vom Umfang deutlich geringer als anderer Unterricht. Die Erfahrungen zeigen, dass zwei bis drei Praktika oder Projekte pro Schuljahr ausreichen, um einem ganzen Jahr Schub zu verleihen.

Unterricht jenseits der Projekte

Wie sieht es mit dem übrigen Unterricht aus? Hier helfen Ordnung, Regeln, Konsequenzen, die dem seelischen Chaos  Grenzen setzen. Entscheidend ist nur, dass die Schüler sich von den Erwachsenen angenommen und wertgeschätzt fühlen. Die Kinder in der Unterstufe brauchen diese Elemente auch, aber hier gibt sie der Lehrer vor. In der Mittelstufe sind sie umso wirksamer, je mehr sie selbst gefunden und gesetzt werden: Eine gemeinsam entwickelte und beschlossene Regel hat eine ganz andere Wirkung als das Machtwort eines Lehrers.

Ein weiteres Element der Mittelstufengestaltung sind individuelle Wahlmöglichkeiten für einzelne Schüler. Besondere Förderstunden in Kulturtechniken haben sich bei schwächeren Schülern bewährt. Sie können jahrgangsübergreifend erteilt werden. Ebenso nehmen Schüler, die stärkere Herausforderungen suchen, gerne Angebote wie eine weitere Fremdsprache oder besondere mathematische und naturwissenschaftliche Kurse an. Solche Angebote machen es allerdings nötig, den Tages- und Jahresstundenplan umzugestalten. Schüler sollten eigene Schwerpunkte setzen können. Auch einzelne Unterrichte, in denen Jungen und Mädchen getrennt sind, können belebend wirken. Nicht nur in der Sexualkunde ist das sinnvoll.

Abschied vom Klassenlehrer?

Umstritten ist die Art der Klassenführung. Die Frage ist zulässig, ob eine Klasse immer von einem Klassenlehrer von der ersten bis zur achten Klasse geführt werden muss. Es geht um den Lehrer, der bis zum Schluss ein gutes Verhältnis zu seiner Klasse hat und durch die starke Bindung der Schüler fruchtbare Arbeit leistet. Gelegentlich wird als Beleg für eine erfolgreiche Arbeit angesehen, wenn die Schüler äußern, sie würden ihren Klassenlehrer gerne auch noch über die achte Klasse hinaus behalten. Bedeutet das eine Bestätigung für die Richtigkeit der Klassenlehrerzeit von eins bis acht, oder ist es gerade ein Indiz für das Problematische einer solchen Bindung, wo es doch um Aufbruch und Emanzipation geht? Mit dieser Frage muss sich jedes Kollegium intensiv auseinandersetzen: In jedem Fall ist eine ergebnisoffene Diskussion notwendig. Man muss bereit sein, die Möglichkeit eines früheren Wechsels zuzulassen.

Erfahrungen mit neuen Wegen

Inzwischen gibt es einige Schulen, die mit neuen Mittelstufenkonzepten Erfahrungen gesammelt haben. Oft wechselt die Klassenführung nach der sechsten Klasse. Besonders bewährt hat sich die Aufteilung der Epochen auf zwei Lehrer (idealerweise einen Mann und eine Frau). Wichtig bleibt, dass die Heranwachsenden eine eindeutige Bezugsperson haben, die ihnen wie zuvor der Klassenlehrer in allen Fragen Gesprächspartner ist und die ein Entwicklungsbild jedes einzelnen Schülers in sich trägt. Dabei ist jede Situation neu einzuschätzen. Wenn eine Klasse vorher schon einen Lehrerwechsel hatte, wird es wahrscheinlich sinnvoll sein, dass ein zweiter Lehrer nur für einige Epochen hinzutritt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nur bei konzeptioneller Verankerung, zum Beispiel in einem Schulprofil, langfristige Erfolge möglich sind. Es hat sich nicht bewährt, diese Frage jedes Jahr neu zu bedenken. Entscheidend ist es auch, die Eltern und Schüler zeitig mit einzubeziehen.

Mut zum Freiraum

Erste Erfahrungen mit neu gestalteten Mittelstufen haben gezeigt, dass die Schüler größtenteils begeistert und angeregt davon waren. Viel skeptischer zeigten sich Lehrer und Eltern. Die aufgeführten Gestaltungsmöglichkeiten lassen sich nur dann verwirklichen, wenn man sich den notwendigen Freiraum verschafft, das heißt, Kürzungen an bestehenden Stundentafeln zulässt. Doch immer, wenn ein Fach geschmälert oder ausgesetzt wird, erzeugt das Sorgen und Ängste. Andere Widerstände bauen sich auf, wenn der eigene Unterricht zeitlich und inhaltlich neu zu strukturieren ist oder andere Themenschwerpunkte aufzunehmen oder lieb gewordene Gewohnheiten aufzugeben sind.

Ein häufiges Argument lautet, kontinuierlicher Unterricht sei auch in dieser Altersstufe mit Rücksicht auf die späteren Abschlüsse notwendig. So sehr solche Argumente verständlich sind, drohen sie jede Entwicklung zu verhindern. Lernen ist, wie wir durch viele wissenschaftliche Expertisen wissen, in besonderem Maße abhängig von der Motivation des Lernenden und seinem Engagement für die Inhalte. Die Erfahrung zeigt auch, dass eventuell zu kurz gekommene Inhalte später in kürzester Zeit aufgenommen werden können, wenn insgesamt ein Klima der Lernbereitschaft und der Lernfreude erhalten geblieben ist. Beispiele wie die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden bestätigen das. Sie ist Testsieger bei Pisa geworden, obwohl sie die Fachstunden zu Gunsten von Projekten reduzierte. So schreibt die Schulleiterin Enja Riegel: »Der Gewinn, den Schüler haben, die intensiv Theater spielen, – das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, der gelassene Umgang mit Herausforderungen im Alltag, wird oft erst ein, zwei Jahre später deutlich – auch bei den schulischen Leistungen.«

Aus eigener Erfahrung können sicher auch viele Waldorflehrer bestätigen, dass ihre Schüler schneller lernen, wenn ein intensives Erlebnis – zum Beispiel mit einem Theaterstück – vorangegangen ist. Das fordert uns alle dazu auf, Vertrauen in die Ich-Kräfte der Heranwachsenden zu haben, die sie gleichsam von Natur aus zu lernenden Wesen machen.

Zum Autor: Dr. Richard Landl, Jahrgang 1943, naturwissenschaftliches Studium und Eurythmieausbildung in Berlin, Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund, Sprecher der Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen, Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklungsfragen der Waldorfpädagogik und die Qualitätsentwicklung.

Folgen