Die Phrase »Digitale Bildung«

Von Johannes Roth, März 2019

Als der »Digitalpakt Schule« beschlossen wurde, war die mediale Zustimmung groß, nur vereinzelt wurde gefragt, was unter »Bildung im digitalen Zeitalter« eigentlich zu verstehen sei. Diese wird als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts bezeichnet und nicht selten in einer Reihe mit Lesen, Schreiben und Rechnen genannt.

Der Erziehungswissenschaftler Christian Rittelmeyer hält dem nebulosen Gerede in seiner jüngst erschienenen Studie eine klare These entgegen: »Digitale Bildung – ein Widerspruch«. Der Autor deckt schonungslos die ideologischen Muster und Suggestionen auf, die von den Befürworten der digitalen Bildung verwendet werden: »Was kann mit dem Begriff der ›digitalen Bildung‹, genau betrachtet, eigentlich gemeint sein? Ich lerne etwas digital? Nicht etwa mit Hilfe digitaler Techniken? … Diese überhaupt nicht mehr reflektierten Zentralbegriffe … verdienen eine ideologiekritische Diskussion.«

Untersucht man mit Rittelmeyer die einschlägigen Argumente sowie den Forschungsstand, so entsteht der Eindruck, dass sich die Befürworter einer raschen und flächendeckenden Digitalisierung oftmals scheinpädagogischer Argumente bedienen oder gleich ganz auf Diskussionen verzichten. Symptomatisch hierfür ist die Devise des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner aus dem Bundestagswahlkampf 2017 »Digital first, Bedenken second!« Wenn die Digitalisierungsfürsprecher aber, wie die Kultusministerkonferenz, auf dem »Primat des Pädagogischen« bestehen, verbirgt sich dahinter meist nicht mehr, als eine halbherzige, phrasenhafte Absichtserklärung, weil nicht deutlich gemacht wird, auf welchen Prämissen diese beruhen soll. Hier hilft Rittelmeyer weiter, indem er vier Grundprinzipien der pädagogischen Moderne postuliert:

  • allseitige Bildung,
  • Erziehung durch Unterstützung und Ermutigung statt durch Drohung und Strafe,
  • Abstimmung der Erziehung auf die Lebenswelt der Heranwachsenden und
  • Aufforderung zur Selbsttätigkeit als Maxime des pädagogischen Denkens und Handelns.

Im Hinblick auf diese Kriterien erwägt Rittelmeyer anhand spezifischer Forschungsergebnisse Sinn und Unsinn des Einsatzes digitaler Medien. Seine Schlussfolgerungen hier im Einzelnen anzuführen, würde den Rahmen sprengen. Deutlich wird jedenfalls, welche Einseitigkeiten und Schädigungen auf Kinder und Jugendliche warten, wenn Verantwortliche der Lindnerschen Maxime tatsächlich folgen.

Rittelmeyers Vermögen, trotz seiner spürbaren Skepsis, alle Argumente der Befürworter einer raschen und uneingeschränkten Digitalisierung gründlich zu erwägen, das Bedenkenswerte herauszuarbeiten, aber auch die Teil- und Unwahrheiten zu demaskieren, ist bewunderungswürdig. Die Stringenz seiner Gedankengänge sowie die Stärke und Klarheit seiner Argumente setzen Maßstäbe!

Christian Rittelmeyer: Digitale Bildung – ein Widerspruch. Erziehungswissenschaftliche Analysen der schulbezogenen Debatten, brosch., 184 S., EUR 24,50, Athena Verlag, Oberhausen 2018

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