Die Revolution steht auf der Tagesordnung. Erste Tagung für Waldorflehrer unter 35 in St. Augustin

Von Katrin Krügler, Januar 2012

»Ihr wollt wohl die Revolution vereinbaren? Das unterstützt die Schule nicht!« Solche Aussagen bekamen junge Lehrer von ihren Schulen zu hören, als sie sich die Teilnahme für diese Tagung genehmigen lassen wollten. Doch keiner ließ sich abbringen und reiste zur erstmalig stattfindenden »Junglehrertagung« an der Waldorfschule St. Augustin bei Bonn.

Junglehrertagung. Foto: Charlotte Fischer

Diese Geschichten kursierten und gaben der Veranstaltung einen revolutionären Anstrich. Aber was geschah wirklich? An einem sonnigen Wochenende im Oktober trafen sich etwa 40 junge Lehrer, die alle eine Bedingung erfüllten: Sie mussten jünger als 35 sein. Eine Gruppe von Menschen also, die noch am Anfang ihrer »Karriere« stehen und deren aktuelle Lebensphase zumindest äußerliche Ähnlichkeiten aufweist. Durch die verordnete Gemeinsamkeit nahmen sich die Kollegen und Dozenten auf Augenhöhe und unbefangen wahr. Die Bereitschaft war groß, auf Fragen zum Unterricht – kleine und große Sorgen des neuen Alltags als Lehrer – Antworten zu finden. Wobei die Fragen nach der Vorbereitung und der Organisation des eigentlichen Unterrichtes offen formuliert wurden und die praxisorientierten Antworten dann oft im Widerspruch zur hehren Theorie des Studiums standen. Der Unterschied zwischen idealem Unterricht und realer Schule wurde sensibel wahrgenommen. Eines zeichnete diese Gespräche aus: Es begegneten einem viele individuelle Lösungsvorschläge aus der Praxis anderer Anfänger. In den Arbeitsgruppen kamen die eigenen Ideen und konnten gleich wieder diskutiert und hinterfragt werden.

Was ist das ideale Berufsbild eines »Erziehungskünstlers«? Es zeichnet sich bei allem Idealismus durch lebbare Normalität aus. Auch wurden Wünsche geäußert: nach einer intensiveren Betreuung durch die Schulen, nach mehr Zeit für Familie und Freunde. Und nicht zuletzt Fragen zu Lebensentscheidungen, die in dieses Lebenalter gehören.

Im gemeinsamen Gespräch entstanden viele Ideen und Anregungen, zur Gestaltung des eigenen Unterrichts, aber auch für das eigene und doch erst im Entstehen begriffene Selbstbild als Waldorfpädagoge, sodass wohl jeder der Teilnehmer seine Vorratskammer damit füllen konnte und wohlgemut in die nächste Unterrichtswoche startete.

Florian Osswald, Claus-Peter Röh und Henning Kullak-Ublick vermittelten in ihren Vorträgen eine zentrale Botschaft: Mut haben, Rückschläge hinnehmen und die Freude am eigenen Beruf leben!

Offenheit und ehrliches Interesse zeichnete alle Kursleiter aus. Humor war eines der tragenden Elemente der Tagung und ein Gefühl der Freiheit, das allgemein geteilt wurde und so als eine ermutigende Konstante in den Berufsalltag getragen werden konnte. Wir wollen keine Revolution machen. Aber wir haben uns einen Beruf ausgesucht, in dem die Revolution an der Tagesordnung ist.

Folgen