Die Rollen des Geldes

Von Harald Spehl, Christoph Strawe, Januar 2012

Wir alle gehen täglich mit Geld um. Aber was ist Geld? Die gegenwärtige Finanz- und Verschuldungskrise konfrontiert uns mit unserer Unsicherheit in Bezug auf die Antwort. Eine soziale Wirtschafts- und Geldordnung kann entstehen, wenn man sich klar macht, dass es sehr unterschiedliche Möglichkeiten gibt, Geld zu verwenden.

Es gibt eine Fülle von sich widersprechenden Geldtheorien und Gelddefinitionen. Geld entzieht sich starren Festlegungen, denn es ist beweglich, im steten Wandel begriffen. Am Besten werden wir ihm gerecht, wenn wir seinen Metamorphosen folgen, uns klarmachen, welche Funktionen es annehmen und wie ein funktionsgerechter Umgang mit ihnen entwickelt werden kann.

Kaufgeld

Als Kaufgeld vermittelt Geld den Tausch von Gütern und Leistungen und macht sie miteinander vergleichbar, was die Arbeitsteilung und die mit ihr verbundene Produktivitätssteigerung vorantrieb. Die Früchte dieser Produktivität werden nicht gerecht verteilt. Dennoch bilden sie die objektive Basis, die die Forderung nach einer Verbesserung der Lebenslage aller Menschen realistisch macht. Es ist wichtig, dass der Prozess von Kaufen und Verkaufen im Fluss bleibt und sich dafür der Rhythmus von Kauf und Verkauf in der richtigen Weise überlappt. Dies gelingt nur, wenn die Preise ökonomisch richtig und sozial gerecht sind. Hierfür müssen Konsumenten, Handel und Produzenten zusammen­arbeiten. Fair Trade ist ein Schritt in diese Richtung. Ein spektakuläres Beispiel ist die immer wieder aufflammende Auseinandersetzung über den Milchpreis. Dabei wird deutlich, dass man gerechte Preise nicht einfach fordern kann, sondern dass man die sozialen Verhältnisse so gestalten muss, dass sie möglich werden. Produzenten und Handel müssten sich gemeinsam um die richtige Steuerung der Milchmenge kümmern, damit ein preiszerstörendes Überangebot gar nicht erst aufkommen kann. Auch der Konsument darf nicht bloß fordern, sondern muss sich verantwortlich verhalten. Wie kann er sich mit dem Handel zusammentun? Und wie kann der Handel seine Mittlerrolle finden und Eigeninteressen, die heute dominieren, zurückstellen? Wie spontan wollen wir kaufen, wieweit kann durch eine Art Subskriptionsprinzip – bei dem nur auf Vorbestellung hin produziert wird – eine größere Verbindlichkeit und Stetigkeit entstehen?

Eine andere Frage, die die Kaufgeldebene betrifft, ist die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe durch Regionalwährungen. Hier versuchen Menschen, Kaufgeld anders zu verwalten als heute üblich. Auch neue Unternehmens­formen, wie die Regionalwert AG im Freiburger Raum – bei der eine bestehende Rechtsform gemeinwesenorientiert umgeschmolzen wurde – sind ein wichtiger Ansatz.

Interessant sind auch die Erfahrungen des WIR-Rings in der Schweiz, der einen gestaltbaren Verrechnungskreislauf darstellt. Derzeit wird in Geldreformkreisen diskutiert, wieweit die Weiterentwicklung vom Regiogeld zum nationalen Parallelgeld Ländern wie Griechenland Auswege aus ihrer Finanz­misere öffnen könnte.

Leihgeld

Eine andere Form nimmt Geld dadurch an, dass es nicht zum Kaufen, sondern zum Leihen verwendet wird. Beim Kaufgeld, das heißt in der Tauschwirtschaft, sind Geld und Leistung immer verschränkt: Ich bekomme für das Geld die Ware. Das Geld ist dadurch immer gedeckt. Beim Leihgeld verändert sich das radikal. Der Unternehmungsgeist, der in die Zukunft ausgreift, bedarf in der Gegenwart des Geldes, das erst in der Zukunft Frucht bringen soll. Es geht also um die Überbrückung eines Zeitabstands. Der Leistungsort ist die Zukunft. Das hat immer etwas von Verlustrisiko und vom Prinzip Hoffnung an sich. Die Deckung ist nicht mehr unmittelbar gegeben, sondern sie liegt in den Fähigkeiten des Kreditnehmers. Aus der Tauschwirtschaft kommen wir in der neueren Zeit in die Fähigkeitenwirtschaft.

Das war historisch die Stunde der Banken. In Venedig, in Holland, in England entstanden große Bankinstitute, die die Verwaltung des Leihgeldes übernahmen. Damit ergaben sich viele neue Fragen: Was wird finanziert, von wem wird es finanziert, wie viel Kredit gibt es, wer trägt das Risiko, bekommt der Geldgeber einen Zins und wenn ja, in welcher Höhe? Das, was hier beschrieben wird, ist der expandierende Kaptitalismus. Das Geld wird einerseits aus Sparguthaben generiert, zu einem gewissen Teil kann es auch aus kurzfristiger Liquidität von Unternehmen kommen. Ein wachsender Teil wird aber frei geschöpft, als »Fiat Money« (»Es werde Geld!«).

Unternehmertum lebt vom Kredit

Mit der Entwicklung des Bankwesens und der Entstehung der Notenbanken, die Schuldscheine des Staates – Bank­noten – herausgeben, entsteht die Frage nach der Deckung dieses Geldes. Die Golddeckung war eine Antwort darauf, die aber spätestens 1971 obsolet wurde, als die Golddeckung des Dollars fiel. Das Problem von »Fiat-Money« kann hier nur gestreift werden. Zur seriösen Banktechnik gehört in jedem Fall ein synchronisierendes Vorgehen. Kurzfristige Geld­­beschaffung etwa über Zertifikate für langfristige Kredite kann – wie die Finanzkrise zeigt – nur in Überschuldung und Verderben führen.

Beim Leihgeld haben wir es mit einer neuen Qualität der Individualisierung zu tun. Der moderne Mensch bekommt hier Zugang zu den Mitteln, mit denen er Initiative entfalten kann. Es geht um Wagen, Entdecken, Schaffen von etwas, was einer Vorfinanzierung bedarf. Daher ist der Begriff »Schulden« hier nur bedingt richtig. Anders als beim Konsumkredit, mit dem schlicht die Zukunft belastet wird, wird durch Produktionskredit Zukunft geschaffen. Unternehmerische Intelligenz für andere in einer arbeitsteiligen Wirtschaft wirksam werden zu lassen, das ist der Kern. Dass das Profitmotiv diesen Kern heute häufig überlagert und verdirbt, ist überdeutlich. Zu den pathologischen Zerrformen des Kapitalismus gehört das Paradigma, dass Geld eine Ware sei, mit einem Preis, dem Zins, der als abstrakter Anspruch des Geldes immer bedient werden muss. Die Exponentialfunktion des Zinseszinses erzeugt darüber hinaus eine sozialschädliche Umverteilung und macht Wachstum karzinomhaft. Eine Beteiligung des Geldgebers am realen Mehr – am Ertrag – ist dagegen etwas anderes. Wieweit sie sinnvoll ist, ergibt sich aus rechtlichen Überlegungen, nicht aus ökonomischen Zwängen.

Angesichts der Krise ist die Sensibilität dafür gewachsen, dass die Rolle der Banken überdacht werden muss. Social Banking, wie es die GLS Gemeinschaftsbank und ähnliche Institutionen betreiben, gewinnt an Anziehungskraft. Auch die Mikrokreditbewegung stellt einen Beitrag zur Teilhabe von Menschen in den armen Ländern des Südens an der gesellschaftlichen Entwicklung dar und hat in zahlreichen Ländern große Wirkungen entfaltet.

Schenkgeld

Die Bedeutung von Schenkgeld wird vielfach verkannt. Dabei wäre das Heranwachsen der Menschen gar nicht möglich ohne die Schenkungen der Eltern und teilweise der Gesellschaft, welche die Entwicklung des jungen Menschen ermöglichen – ohne Gegenleistung, Rückzahlung, Verzinsung und so weiter zu verlangen. Schenkgeld schafft Potenzial, aber keine Rendite.

Schenkgeld ergibt sich aus Überschüssen. Gewöhnlich denken wir da an Almosen, die man geben kann oder auch nicht. Dass Schenkungsgeld eine zentrale Kategorie unserer Ökonomie ist, ist den wenigsten klar. Dabei handelt es sich nicht einfach um individuelles Schenken, sondern um gesellschaftliches. Wenn Bill Gates Milliarden stiftet, ist damit noch keineswegs die Kategorie der »volkswirtschaft­lichen Schenkung« (Rudolf Steiner) abgedeckt. Was er fördert, resultiert aus seiner persönlichen Wertschätzung, ganz abgesehen davon, wie die Milliarden generiert wurden. Persönliche Schenkungen und Stiftungen sind jedoch wichtig und es ist gut, dass der Staat dazu animiert, indem er sie steuerlich absetzbar macht.

Wenn wir sagen, die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts von Deutschland ist mit Schenkgeld finanziert, klingt das unglaublich. Aber das Geld für Soziales, Gesundheit, Alters­sicherung, Pflege, Bildung, Erziehung, Forschung, Kultur, die Staatstätigkeit und so weiter ist kein Kaufgeld. Wir verleihen es auch nicht. Dass es Schenkungsgeld ist, wird aller­dings verdunkelt durch das Faktum, dass es in Form von »Zwangsschenkungen« auftritt. Steuern sind solche »Zwangsschenkungen«, es sind Zahlungen ohne bestimmte Gegenleistung. Ich kann nicht zum Finanzamt gehen und sagen: Macht das und das mit meinen Steuern und jenes nicht! Die Gesamtheit der Steuern – von der Mehrwertsteuer über die Einkommenssteuer bis zur Sektsteuer – deckt die Gesamtheit der Ausgaben. Schenkgeld ist kein Kredit für Investitionen, der zu verzinsen und zu tilgen wäre, es liegt auch kein Kauf öffentlicher Leistungen vor, sondern ein Teil der Wertschöpfung wird durch den Staat einbehalten und ausgegeben – zum Beispiel für Lehrer, Professoren, Pfarrer, Künstler und Erfinder. Sie alle brauchen Schenkgeld. Was sie leisten, bezahlen wir nicht im gewöhnlichen Sinne, wir ermöglichen es. Das Schenkgeld kommt nicht direkt zu uns zurück. Wir haben den Staat ermächtigt, uns das erst einmal wegzunehmen. Damit wird finanziert, was wir oft vergessen, und deshalb übersehen wir, dass es sich überhaupt um eine Schenkung handelt. Wir versuchen denn auch, uns, soweit es geht, durch steuerliche »Gestaltung« diesem Schenken zu entziehen.

Steuern sind eine Zwangsschenkung

In der Tat wäre es besser, wenn wir diese Mittel schon bei der Entstehung abgäben und uns damit bewusst darüber verständigten, was es an Schenkgeld in der Gesellschaft braucht. Je mehr Freiwilligkeit im Schenken erlebt wird, im Großen und im Kleinen, umso größer das Potenzial der Schenkung. Der heutige Zwangsschenkungs­mechanismus führt nur zu oft zu einer inhaltlichen Bestimmung des Staates über die finanzierten Gebiete – zum Beispiel das Schul- und das Gesundheitswesen – und damit zur Beschneidung kreativer Freiheit, wo es sich eigentlich nur um eine die Freiheit schützende Rechtsaufsicht handeln dürfte.

Zuletzt mache man sich klar: Das Verschenkte ist zwar weg von mir, aber es bleibt in der Gesellschaft vorhanden. Die Bezieher von Schenkgeld essen, trinken, wohnen, reisen und so weiter, das heißt, sie verwandeln das Schenkgeld überwiegend wieder in Kaufgeld. Damit wird zugleich verhindert, dass sich das Geld staut und »Blasen« entstehen, die dann wiederum zu Zusammenbrüchen führen. Der organische Kreislauf des Geldes schließt sich durch das Schenkgeld, der Geldprozess kann gesunden. Deshalb ist es so wichtig, die Kategorie des Schenkgeldes zu würdigen und die Schenkung schrittweise aus der staatlichen Umklammerung zu lösen.

Hinweise: Überarbeiteter Auszug von »Wirtschafts- und Finanzkrise – und kein Ende? – Wie kommt Vernunft in die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse?«, Zeitschrift Sozialimpulse, Heft 3, September 2009.

Links: www.sozialimpulse.de | www.regionalwert-ag.de | www.wir.ch

Zu den Autoren:

Prof. Dr. Harald Spehl: emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre. Arbeitsschwerpunkte: Regionalentwicklung und Regionalpolitik, Fragen des Zusammenhangs von Ökologie, Ökonomie und Sozialentwicklung (Nachhaltige Entwicklung) und Kooperation in Wirtschaft und Gesellschaft.

Prof. Dr. Christoph Strawe: Studium der Waldorfpädagogik, Habilitation an der Universität Jyväskylä (Finnland). Lehrtätigkeit an der Freien Hochschule Stuttgart, überregionale Vortrags- und Seminartätigkeit, Geschäftsführer des Instituts für soziale Gegenwartsfragen Stuttgart, Redakteur der Zeitschrift »Sozialimpulse – Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus«.

Literatur: Udo Herrmannstorfer: Scheinmarktwirtschaft. Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart 1997

GLS Treuhand (Hg.): Da hilft nur Schenken. Mit Schenken und Stiften die Gesellschaft gestalten, Frankfurt am Main 2011

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