Die Schule ist ein Gefängnis

Von Albert Vinzens, Oktober 2016

Der englische Titel des Buches lautet kurz und treffend Free to learn. Der Autor untersucht die fast flächendeckende Begabung junger Menschen, in beinahe jeder Lebenssituation mit Herz, Seele und Verstand zu spielen und zu lernen.

Gleich zu Beginn werden zwei Extreme aufgestellt. Im ersten Kapitel kommen heutige Schulen zur Darstellung, im zweiten berichtet Gray von indigenen Kulturen, die dem Spiel und dem frei gewählten Lernen den höchsten Bildungswert zusprechen. Die Faktenlage ist erdrückend und paradox: Während inzwischen fast 80 Prozent derjenigen, die durch Schulen gegangen sind, zu Depressionen und Hilflosigkeit neigen, sind die Menschen in Jäger- und Sammler-Kulturen fröhlich, selbstbewusst und erfolgreich und verstehen ein sinnerfülltes sowie sozial- und umweltverträgliches Leben zu führen.

Gray bringt Beweise für die Tatsache, dass in »zivilisierten« Gesellschaften gerade bei Kindern die Freiheit, selber zu lernen, massiv abnimmt: »Wir haben es hier mit einer grausamen Ironie zu tun: Im Namen der Bildung haben wir Kinder zunehmend der Zeit und Freiheit beraubt, die sie brauchen, um sich auf ihre ureigene Weise selbst zu bilden.«

Den Problem- und Angelpunkt sieht Gray in der Schulpflicht, ihr lägen gravierende Sünden zu Grunde: extrinsische Motivation, Bloßstellen durch Noten, Förderung von Egoismus, Narzissmus und Ausgrenzung, angepasstes und durchschnittliches Verhalten, vereinfachtes Wissen und Handeln sowie Inhaftierung: »Um einen Erwachsenen zu inhaftieren, muss ein Gericht feststellen, dass diese Person ein Verbrechen begangen hat oder eine ernsthafte Gefahr für sich darstellt«, schreibt Gray. »Unsere Kinder jedoch inhaftieren wir aufgrund ihres Alters.«

Es sei aber unmoralisch, Kinder aus Altersgründen zu inhaftieren, solange nicht der Beweis erbracht wurde, dass Kinder – also alle Kinder einer bestimmten Altersgruppe – ohne eine solche Inhaftierung eine Gefahr für sich oder andere darstellen. »Einen solchen Beweis gibt es nicht«, sagt Gray.

Grays Buch ist ein hinreißendes, mit wissenschaftlichen Fakten argumentierendes Plädoyer für ein Lernen ohne Schule. Bei aller Kritik überwiegt in diesem persönlichen Buch die Überzeugung, dass wir wieder zum Spiel und zum freien Lernen zurückfinden werden und die Einseitigkeiten heutiger Schulsysteme überwinden können. Nicht nur der Blick auf indigene Kulturen, auch das Vertrauen in den eigenen gesunden Menschenverstand kann dabei den Weg weisen.

Peter Gray richtet sich an alle, die den Aufrüstungsplänen von Ministerien und Schulämtern kritisch gegenüberstehen und die Schule neu denken wollen.

Peter Gray: befreit lernen. Wie Lernen in Freiheit spielend gelingt, brosch., 224 S., EUR 22,80, Drachenverlag, Klein Jasedow 2015

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