Die Tochter der Freiheit

Von Henning Kullak-Ublick, September 2016

1819 schrieb der Schweizer Pädagoge und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi an James Pierrepont Greaves, einen britischen Pädagogen, Sozialisten und Mystiker: »Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, wie wichtig die Musik ist, weil sie die höchsten Gefühle, deren der Mensch fähig ist, zu erzeugen und zu unterstützen vermag.«

Pestalozzi forderte eine »Elementarbildung«, die die intellektuellen Kräfte und Anlagen des Kopfes, die sittlich-religiösen Kräfte des Herzens und die gestalterischen Kräfte der Hände in Harmonie entfaltet.

Das war vor fast 200 Jahren und 100 Jahre vor Gründung der ersten Waldorfschule, die diese Idee mit Hilfe der anthroposophischen Menschenkunde erweiterte und konkretisierte. Die neurowissenschaftliche Forschung der Gegenwart weist die Aktualität dieser Gedanken bis in die Bildung der feinsten Gehirnstrukturen nach: Wir lernen nicht nur mit dem Kopf, sondern mindestens so viel mit unseren Händen und Füßen, mit unseren Gefühlen und überhaupt mit allem, was wir tun und lassen.

Kürzlich fragte mich ein Journalist, ob die Kinder eines sozialen Brennpunkts in Hamburg nicht viel eher Disziplin als Kunst benötigten. Kunst und Disziplin – ein Gegensatz? Wer jemals ein Musikinstrument erlernt, eine Skulptur geschnitzt oder ein Theaterstück einstudiert hat, weiß, wie viel Disziplin schon für eine nur mäßige Leistung gebraucht wird. Diese Disziplin des Wollens und Fühlens fordert Kooperation und Selbstüberwindung, setzt Eigeninitiative vor Unterordnung. Es ist die Disziplin der Freiheit. Um sie zu beflügeln, braucht es eine Kultur der Begegnung, der Wahrnehmung, des Interesses für das Unerwartete und die unbändige Freude am eigenen Entdecken, mit den Sinnen, den Händen, dem Herzen und dem Denken.

Eigentlich sollte längst ein spannender Ideenwettbewerb darum eingesetzt haben, wie dieses Wissen um das wirkliche Lernen zum Herzschlag jeder Schule werden kann. Stattdessen dreht sich in der Bildungspolitik, der Bildungsindustrie und leider auch bei vielen selbsternannten journalistischen Experten fast alles um das IT-gestützte Lernen, standardisierte Lernkontrollen und die Frage, was der »Wirtschaftsstandort Deutschland« vermeintlich braucht. Korea lässt grüßen.

Im 21. Jahrhundert geht es um viel, viel mehr: um die globalen sozialen und ökologischen Herausforderungen und darum, welches Verhältnis wir zu einer Technik gewinnen, die sich anschickt, die Zukunft unseres Planeten zu bestimmen. Wie werden unsere Kinder zu Künstlern ihrer eigenen Biografie? Was müssen wir tun, damit sie sich als schöpferisch handelnde und erkennende Menschen entdecken und merken, dass es auf sie wirklich ankommt? Wie schaffen wir viel mehr, nicht weniger Kunst, zu der auch die Erziehungskunst gehört?

»Kunst ist die rechte Hand der Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht«, schrieb Friedrich Schiller. Denn Kunst ist eine Tochter der Freiheit. ‹›

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis

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