»Die Waldorfpädagogik ist absolut zeitgemäß«

September 2020

Im Gespräch mit Regina Ott, Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Überlingen.

Regina Ott

Erziehungskunst | Warum wurden Sie Waldorflehrerin?

Regina Ott | In meiner Jugendzeit habe ich mich viel mit der Frage beschäftigt, wie eine Gesellschaft und eine Welt aussehen könnte, in der ich gerne leben würde. Ich war auf Demonstrationen unterwegs, wollte Umweltaktivistin werden, oder in der Entwicklungshilfe tätig sein. Doch je mehr ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass viele der heutigen Probleme mit der Erziehung und dem gegenwärtigen Menschenbild zusammenhängen. Wie sähe unsere Gesellschaft und Umwelt aus, wenn es gelingt, die Erziehung so zu gestalten, dass der sich entwickelnde Mensch eine Basis bekommt, seine ursprünglichen Impulse entfalten zu können? Nun bin ich Umweltaktivistin beziehungsweise Entwicklungshelferin auf pädagogischem Gebiet geworden und freue mich, eine menschlichere Zukunft zu ermöglichen.

EK | Wie erlebten Sie Ihre Ausbildung in Bezug auf die Unterrichtspraxis?

RO | Während ich in meinem staatlichen Lehramtsstudium für das Gymnasium auf die Vermittlung von Inhalten vorbereitet wurde, haben wir im postgradualen Studium an der Freien Hochschule in Stuttgart vor allem Menschenkunde studiert. Das war genau das, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte. Ich habe als Klassenlehrerin in erster Linie mit sich entwickelnden jungen Menschen zu tun, insofern bin ich über dieses Vertiefen der Menschenkunde dankbar. Die verschiedenen Fächer, die ich als Klassenlehrerin unterrichte, stellen in dieser Hinsicht nur unterschiedliche Formen und Wege dar, um den einzelnen Kindern vielfältige Entwicklungshilfen und -anregungen zur Verfügung zu stellen. Das Fachwissen hierzu, kann ich mir aneignen.

EK | Auf welche Arbeitsbereiche wurden Sie in ihrer Ausbildung ungenügend oder nicht vorbereitet?

RO | Auf viele der Tätigkeiten und Aufgaben in der Schule sind wir in der Ausbildung nicht explizit vorbereitet worden. Das Leben in der Selbstverwaltung, eine konstruktive Elternarbeit erfordern eine Persönlichkeit, die sich offen und frei, aber auch stark in den Schulzusammenhang stellt. Dazu kann die Ausbildung Anregungen geben, muss sich allerdings dennoch immer wieder neu die Frage stellen, was die Studenten brauchen.

EK | Vor welche Herausforderungen sehen Sie sich im Schulalltag gestellt?

RO | Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Waldorfschule von den Eltern nicht um ihrer Pädagogik willen als Schule für ihre Kinder gewählt wird, sondern weil zum Beispiel mit weniger Druck gearbeitet wird. Mich wundert das geringe Interesse für die eigentlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik. Dort, wo die Erziehungspartnerschaft zwischen Lehrern und Eltern gelingt, ist es ein wunderbares, sich gegenseitig befruchtendes Arbeiten, in welchem die gesunde Entwicklung des Schülers im Zentrum steht. Dort, wo ganz unterschiedliche, teilweise sich widersprechende Erziehungsstile gepflegt werden, kostet die Zusammenarbeit viel Kraft. Ich erlebe es aktuell in meiner sechsten Klasse, wie das Smartphone die Musikinstrumente verdrängt und wie es im Sozialen schwieriger wird. Allein die verschiedene Handhabung der Medien in den Elternhäusern führt zu Spannungen, die die Klassengemeinschaft und das Unterrichten belasten.

EK | Haben Sie an Ihrer Schule kollegiale Unterstützung erfahren?

RO | Im Allgemeinen erlebe ich eine große Hilfsbereitschaft im Kollegium. Nach fast sechs Jahren kenne ich die Kollegen und weiß, wen ich was fragen kann. Zu Beginn war das anders. Ohne einen Mentor, der Zeit hatte, war der Einstieg in die Schule als Klassenlehrerin wirklich kein leichter. Da war ich froh, selbst Waldorfschülerin gewesen zu sein. Dadurch hatte ich das Vertrauen, dass das schon irgendwie klappen würde. Aber ich kann jeden verstehen, der in den ersten Jahren die Schule wieder verlässt. Es ist eine große Verantwortung, und all die Erwartungen der Kinder, Eltern, Kollegen lasten einem auf den Schultern. Verantwortungsbewusste Schulen lassen einen Berufs­anfänger nicht ohne eine ordentliche Mentorenschaft starten. Auch wir in Überlingen haben hier Schritte in die richtige Richtung getan.

EK | Welche Defizite, welche Stärken fielen Ihnen an Ihrer Schule auf?

RO | Die Überlinger Schule ist eine große zweizügige Schule mit recht großen Klassen. Das Schulgebäude ist wunderschön und liegt sehr ländlich. Die Schüler erlebe ich im Allgemeinen noch als recht gesund und es herrscht im Großen und Ganzen ein sehr angenehmes Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das Schöne an einer großen Schule ist, dass man aus dem Vollen schöpfen kann. Es gibt vielfältigste Unterrichtsmaterialien, beeindruckende Klassenspiele und Zwölftklassprojekte, ebenso Konzerte auf hohem Niveau. Der Anspruch an einer solchen Schule ist recht hoch und Unfertiges wird nicht gerne präsentiert. Einerseits schätze ich diesen Anspruch und doch frage ich mich manchmal, ob da noch der Schüler in seinem Werden im Mittelpunkt steht.

EK | Haben Sie als junge Lehrerin Möglichkeiten, an Ihrer Schule neue Impulse umzusetzen?

RO | Ja, ich denke schon. Für meinen ersten Zug konzentriere ich mich allerdings auf meine Klassenführung, werde mich weiter um die Vernetzung der Junglehrer und Junglehrerinnen kümmern und mich der Arbeit im Forum Zukunft Waldorfschule widmen.

EK | Haben Sie den Eindruck, dass an Ihrer Schule eine zeitgemäße Pädagogik praktiziert wird?

RO | Die Waldorfpädagogik an sich ist eine absolut zeitgemäße Pädagogik und birgt noch so viele unentdeckte Schätze. An der Umsetzung ließe sich sicherlich Vieles noch verbessern. Beispielsweise verhindern die festen Strukturen und staatlichen Vorgaben in vielen Bereichen ein sinnvolles, pädagogisches Arbeiten. Es fällt mir schwer, konkret auf Ihre Frage zu antworten, da ich viel zu wenig hospitiere. Zumindest erlebe ich in vielen Gesprächen mit Kollegen ein ernsthaftes Ringen um die Waldorfpädagogik. Ich bin mir jedoch sicher, einige Impulse oder Ideen der Kollegen bleiben durch die permanente Überbelastung im Schulalltag auf der Strecke. Weniger wäre mehr! Hoffentlich werden uns hier die Erfahrungen aus der Corona-Zeit das Umdenken erleichtern!

EK |  Was ist Ihr Anliegen mit dem neugegründeten Forum Zukunft Waldorfschule?

RO | Mit dem Forum Zukunft Waldorfschule wollen wir eine vertiefende Zusammenarbeit der jungen Waldorflehrer und Waldorflehrerinnen ermöglichen und streben die Bildung eines überregionalen Kollegiums an. Das Forum soll ein Ort des Austausches und des gemeinsamen Forschens sein, in dem wir gemeinsam nach Formen einer zeitgemäßen Waldorfpraxis suchen. Eine intensive Auseinandersetzung mit den anthroposophischen Inhalten und Meditationen werden uns hierbei begleiten. Hiermit wollen wir einen Beitrag dafür leisten, dass der Impuls der Waldorfpädagogik nach 100 Jahren in die Zukunft weitergetragen wird.

EK | Spielt die Anthroposophie an Ihrer Schule eine Rolle?

RO | In Überlingen haben wir noch einige tätige Waldorfpädagogen an der Schule, für die die Beschäftigung mit der Anthroposophie eine wichtige Rolle spielt. Auch in den Konferenzen arbeiten wir wieder verstärkt an den anthroposophischen Inhalten und erleben darin eine kräftigende Zusammenarbeit.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

www.forum-zukunft-waldorfschule.de

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