Warum eine zweite Fremdsprache?

Von Nicolai Petersen, Juni 2019

Unsere sprachliche Umwelt verändert sich in atemberaubendem Tempo. Vor zwanzig Jahren sprach man über die Flut der »Anglizismen« im Deutschen und viele versuchten, dagegen anzukämpfen. Heute haben wir eigentlich keine Anglizismen mehr, sondern unsere alltägliche sprachliche Umwelt ist von englischstämmigen Wörtern, Sätzen und Syntagmen auf Schritt und Tritt durchsetzt.

*) Angaben (ohne Gewähr) nach Adressverzeichnis der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen in Deutschland 2018

Weltsprache Englisch

Ob Medien, Konsum, Verwaltung oder ganz alltägliche Dinge, vom coffee to go bis zum waste watcher haben wir schon große Teile des englischen Grundwortschatzes in unser kommunikatives Leben übernommen, oft als ganze Wortgruppen mitsamt ihrer syntaktischen Verwendung. Ihre Kenntnis wird vorausgesetzt oder sickert nach und nach durch: follow the future! Der Gedanke, diesen Slogan auf Deutsch ins Schaufenster zu hängen, wäre im Jahre 2019 fast schon absurd.

Auch am anderen Ende des Kommunikationsspektrums, in emotionalen und spontanen Ausrufen wie wow, ok, please oder sorry geht das Englische dem deutschen Sprecher einschließlich der typischen Aussprache bestimmter Laute (z.B. das r in sorry) vielfach schon leichter über die Zunge als die entsprechenden deutschen Ausdrücke. Auch die Buchstaben des Alphabets werden in vielen Abkürzungen (IT, SUV, E-Sport) wie selbstverständlich nach Art des Englischen ausgesprochen. Die omnipräsente Weltsprache durchdringt also auf Laut-, Wort- und Satzebene bereits heute unser alltägliches Sprachbewusstsein und verliert immer mehr den Status einer eigentlichen »Fremdsprache«. Das gilt für Erwachsene wie Kinder, für Alltag und Beruf gleichermaßen. Eine der heutigen Realität entsprechende Einteilung der Sprachen kommt daher mit der klassischen Dichotomie Muttersprache-Fremdsprache nicht mehr aus. Realistischer ist eine Dreistufung in: Muttersprache(n), Weltsprache (Englisch – mehr oder weniger die Muttersprache(n) durchdringend) – und Fremdsprachen.

Die zweite Sprache ist keine »Verkehrssprache«

Mit dem Aufstieg des Englischen zur alleinigen Weltsprache haben sich die Bedingungen für alle anderen Sprachen geändert. Sie unterscheiden sich vom Englischen mittlerweile auf zweierlei Weise. Erstens sind sie den meisten Menschen, im Gegensatz zum Englischen, tatsächlich relativ fremd bis sehr fremd (Russisch), und zweitens braucht keine von ihnen aus rein pragmatischen Gründen überhaupt noch unterrichtet zu werden. Um weltweit auf allen Ebenen kommunizieren zu können, genügt Englisch. Weshalb also noch irgendeine zweite Sprache lernen? Das fragen auch Kinder schon, spätestens ab der 6. oder 7. Klasse, wenn das Fremdsprachenlernen in seine schwierige Phase eintritt.

Bei der Diskussion um die zweite Fremdsprache neigt man jedoch dazu, gerade die eigentlich veralteten pragmatischen Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Die Welt wird nach Art der alten »Verkehrssprachen« gedacht, wie sie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts unerlässlich waren, um sich in irgendwelchen Weltgegenden verständigen zu können, z.B. Deutsch und Russisch in Osteuropa oder Französisch und Englisch in weiten Teilen der westlichen und südlichen Welt. Die Bedeutung aller nicht-englischen Verkehrssprachen nimmt jedoch beständig ab. Selbst Finnen und Schweden, die jahrhundertelang in einem Staat miteinander verbunden waren und stets Schwedisch miteinander sprachen, kommunizieren heute vielfach auf Englisch. Selbst Sprachen wie Spanisch, Französisch, Russisch oder Chinesisch, die zu den Top Ten der Welt gehören, müssen sich heute dem Prinzip one world, one language unterordnen. Es wirkt wenig zukunftsorientiert, wenn wir den Unterricht in irgendeiner »Zweitsprache« mit deren jeweiliger Größe und politischer oder wirtschaftlicher »Wichtigkeit« begründen.

Grundlegende Fähigkeitsbildung

Warum wollen wir also im Zeitalter einer globalen lingua franca daran festhalten, dass unsere Kinder sich mit einer der eigentlichen »Fremdsprachen« auseinandersetzen? Bei genauerem Hinsehen ergeben sich zwei verschiedene Fragen: Was ist der Bildungswert des Fremdsprachenunterrichts als solcher, welche Fähigkeiten fördert er? Und: Wie modifiziert sich das, je nachdem, welche Sprache wir ausgewählt haben? Vom pädagogischen Gesichtspunkt aus müssen wir das Pragmatische zunächst völlig ausblenden, ähnlich wie wir das auch bei anderen Fächern tun, besonders in der Waldorfschule. 

Bei der Eurythmie fragen wir auch nicht, wo wir die erlernten Laut- oder Tongesten, Rhythmen oder Raumformen später »anwenden« können. Wir sehen, ahnen oder spüren, dass dieses Unterrichtsfach ganz bestimmte Fähigkeiten wachsen lässt, die es wert sind, dass unsere Kinder sich jahrelang in diesem Fach übend betätigen. Dasselbe können wir für den Fremdsprachenunterricht voraussetzen. Diese Fähigkeitsbildung geschieht völlig unabhängig davon, ob und in welchem Maße unsere Kinder Gelegenheit haben, die jeweilige Schul-Fremdsprache später einmal kommunikativ anzuwenden. Es ist gut möglich, dass das nie wieder geschieht. Trotzdem geben wir ihnen durch das Üben mehr an kognitiven, sozialen, körperlichen und sensitiven Fähigkeitsgrundlagen mit, als die Abschlussnote in dieser Sprache erahnen lässt.

Warum also Russisch?

Die Frage, welche Sprache für den Unterricht ausgewählt werden soll, entzündet sich besonders an der schwierigsten der drei Sprachen, dem Russischen. Sie thematisiert immer wieder die Fremdheit und Schwierigkeit dieser Sprache oder die momentane politische Großwetterlage, die die Sympathiewerte für Russisch gegenüber der Gorbatschow-Ära wieder absinken ließ. Oder Eltern ist diese Sprache einfach darum nicht geheuer, weil sie sie selber nicht kennen und darum den Lernweg ihrer Kinder nicht nachvollziehen können. Die Diskussion setzt das Russische einem fortwährenden, für Lehrer wie Schüler belastenden Rechtfertigungsdruck aus, trübt die Lernatmosphäre und verstellt den Blick auf das Wesentliche.

Alles, was gegen das Russische vorgebracht wird, kann unter pädagogischem Aspekt genau umgekehrt interpretiert werden, nämlich dass diese Sprache gerade wegen ihres höheren Schwierigkeitsgrades eine umso höhere Fähigkeitsbildung bewirkt. Im Bereich der Gehörbildung durch frühen mündlichen Russischunterricht ist das bereits nachgewiesen (s. Lit.). Wer einmal in der Praxis beobachtet hat, wie zum Beispiel eine 2. Klasse, die im vollen »Saft« ihrer Unterstufenzeit steht, absolut einsprachig auf Russisch unterrichtet wird (sogar bis in die Klärung kleiner sozialer Probleme hinein), die alles versteht, mit russischen Worten um sich wirft und mit bestechend guter Aussprache den langen Dialog zwischen Fuchs und Wolf rezitiert, der ahnt etwas davon, was eine »Fremdsprache« in einem Kind bewirken kann.

Dass die kyrillische Schrift, die den Klang des Russischen relativ lautgetreu wiedergibt, später in der Mittelstufe Legasthenikern hilft, ihre Schwäche zu überwinden, hört man ebenfalls öfter aus der Praxis. Dass sich die Gedächtnis­leistungen beim Erinnern mehrsilbiger Worte, die keinerlei Anklang an deutsche Worte haben, steigern, ist ebenfalls anzunehmen. So könnte man fortfahren zum Beispiel mit der vergleichsweise differenzierten Grammatik und Formenlehre, deren Sprachlogik dem in dieser Beziehung vielge­lobten Latein (»denken lernen«) um nichts nachsteht. Oder man beobachtet russisch-deutsche Kulturbeziehungen, die ja gerade wegen der Ost-West-Gegensätze umso schönere Blüten hervorbringen, wenn sie gelingen.

Russlandreisen können Menschen aus dem Westen, besonders Heranwachsende, zutiefst verwandeln. Darüber hinaus wird durch die »Verwandlung«, die eine formenreichere Sprache mit sich bringt, erfahrungsgemäß das spätere Erlernen anderer Sprachen gefördert. Jedenfalls kann einen Russischlerner die spätere Beschäftigung mit einer westeuropäischen Sprache nicht schrecken. Sie kommt ihm »leicht« vor. Das Umgekehrte dürfte seltener der Fall sein.

Das alles heißt nicht, dass nicht auch Französisch und Spanisch auf ihre Weise wunderbare Fähigkeitsbildungen mit sich bringen und einen unerschöpflichen Fundus an pädagogischen Möglichkeiten haben. Hilfreich für die pädagogische Atmosphäre in der Schule ist es daher, wenn Lehrer und Eltern die Zweitsprachen nicht gegeneinander ausspielen, sondern sich gemeinsam hinter die einmal ausgewählte Sprache stellen und die Diskussion ins Positive wenden: Was können wir gerade durch diese Sprache und diese Kultur lernen? Das kann man auch altersgemäß mit den Schülern besprechen und ihnen in ihren verschiedenen Phasen helfen, Motivation und Ausdauer auf dem langen Weg in die »Verwandlung« zu bewahren.

Zum Autor: Nicolai Petersen unterrichtet Russisch in Bochum

Literatur: Chr. Jaffke: Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe, Stuttgart 32008, S. 172 ff.

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