Was sollen Schüler in der Fremdsprache wann können?

Von Martyn Rawson, Juni 2019

Eine Sprache lernt man sprechen, indem man sich aktiv an sozialen Tätigkeiten beteiligt, die in dieser Sprache stattfinden und in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen eingebettet sind. So haben wir alle unsere Muttersprache(n) gelernt. Fremdsprachenlernen in der Schule unterscheidet sich vom natürlichen Lernen dadurch, dass es in pädagogischen Lernarrangements stattfindet. Diese beinhalten idealerweise regelmäßige und strukturierte Tätigkeiten der ganzen Klassengemeinschaft und sind in die Zielsprache eingebettet. Insofern folgt das Lernen der Fremdsprache in einer Waldorfschule dem Modell der Beteiligung an sozialen Praktiken.

Foto: © Charlotte Fischer

Aus diesem Verständnis heraus werden die Kinder in den ersten Schuljahren zunächst in eine rein mündliche Sprachkultur geführt. Erst wenn die gesprochene Sprache »einverleibt« ist, folgen die Kulturpraktiken des Lesens und Schreibens, die darauf aufbauen. Die mündliche Sprache bleibt jedoch auch weiterhin stets der Kernbereich des Unterrichts. Sie ist gleichsam die Hand im Handschuh der Schriftsprache.

Unterstufe: Einfach mitreden

In den ersten drei Klassen geht es darum, die Kinder an eine Vielfalt von Aktivitäten heranzuführen, die sich in der Schule umsetzen lassen und von der Zielsprache begleitet werden können. Typische Aktivitäten sind Begrüßen, Austauschen, Singen, Rezitieren, Spielen, Zeichnen, Um- und Aufräumen, das Anhören und das Nacherzählen von Geschichten. Alle diese Tätigkeiten sind den Kindern als solche schon vertraut, man braucht nicht viel zu erklären. Die Kinder müssen nur verstehen, was wie zu tun ist. Was sich im Klassenraum nicht konkret realisieren lässt, ergänzt die Phantasie. Obwohl die Tätigkeiten im Prinzip bekannt sind (Ratespiele, Kofferpacken, Einkaufen, Essen, Busfahren, sich Anziehen u.v.a.), werden sie in den verschiedenen Sprachen durch jeweils etwas andere Gefühle begleitet. Das geschieht natürlich ohne jede Übersetzung, denn sonst würden die Kinder die Tätigkeiten hauptsächlich mit vertrauten muttersprachlichen Vokabeln assoziieren. Es geht also nicht darum, Neues in Bekanntes zu übersetzen, sondern dem Neuen zu begegnen und Vertrauen zu entwickeln, es auf einer vorsprachlichen Ebene intuitiv zu erfassen. Dass die Sprache in den Kontext authentischer Situationen eingebettet ist, bedeutet allerdings auch, dass die Kinder das in der Klasse Erlebte oftmals nicht zu Hause wiedergeben können.

Schon nach wenigen Monaten fangen die Kinder an, miteinander zu sprechen, zuerst einige einfache Sätze, aber bald mehr. Aussprache und Sprachrhythmus ergeben sich dabei rein aus der Nachahmung der Lehrperson heraus. Um eine reiche Sprachumgebung zu schaffen, ist es selbstverständlich wichtig, dass der Unterricht in der Zielsprache stattfindet. Bis zum Ende der 3. Klasse können die Kinder Vieles, was konkret, bekannt und handhabbar ist, benennen, und im vertrauten Rahmen des Unterrichts mit einer vertrauten Lehrperson können sie auch ganze Sätze selbstständig sprechen und kleine Dialoge führen.

Mittelstufe: Fähigkeiten anlegen

Die nächste Lernphase tritt ab der 4. Klasse mit der Einführung des Lesens und Schreibens ein. Abstraktion und Symbolcharakter der Schrift führen dazu, dass Lernen nicht mehr nur aus Mitmachen besteht, sondern zunehmend eine Schulung der Aufmerksamkeit für sprachliche Unterschiede und Regelmäßigkeiten darstellt. Zum Mitmachen kommt das Nachdenken hinzu. Da der Schritt in die Abstraktion nicht allen Schülern gleich schnell gelingt, treten nun erste signifikante Lernunterschiede auf. Deswegen ist es besonders wichtig, dass die mündliche Kommunikation auch weiterhin eine zentrale Tätigkeit innerhalb der Lerngemeinschaft bleibt. Durch Vorsprechen, Nachsprechen, Dialog und Monolog wachsen die Themen und die sprachlichen Ausdrucksmittel. Mit der Vorpubertät werden sich die Schüler ihrer selbst jedoch immer bewusster, so dass manche unsicher werden und Sorge haben, nicht alles richtig sagen zu können. Manche neigen dazu, auf Fragen stumm zu reagieren. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie nichts können. Vielmehr wollen sie in der betreffenden Situation nicht sprechen. So muss man mit Nachfragen und Korrekturen besonders vorsichtig sein, um die Verunsicherung nicht voranzutreiben.

Im Mündlichen wird das Gesprochene, sollte es Fehler enthalten, einfach »richtig« von der Lehrperson wiederholt, oder es wird das formuliert, was der Schüler sagen wollte. Damit steht die richtige Aussprache, der korrekte Satzbau, das angemessene Wort einfach im Raum, so dass die Schüler es wahrnehmen können. Im Schriftlichen ist die Korrektur zwar notwendig, aber auch hier heißt es, ein verträgliches Maß finden.

Grundsätzlich können die Schüler schon viel, auch wenn sie in diesem Alter die Diskrepanz zwischen dem, was sie in der Muttersprache sagen, lesen und schreiben können, und dem, was in der Fremdsprache gelingt, besonders schmerzhaft erleben. Die Grundgeste wird also sein, das zu bestärken, was jeder kann, und viele positive Erlebnisse in der Fremdsprache zu ermöglichen. Sprachenlernen ist nicht eine Sache von Kurzzeitgedächtnis, Vokabeltests und Grammatikregeln. Es ist die Entwicklung von Dispositionen, die uns später ermöglichen, in einer anderen Sprache zu kommunizieren, in ein anderes Dasein hineinzuschlüpfen und die Welt anders zu erleben. Das wächst über viele Jahre und verändert den Menschen. Fähigkeit ist mehr als Gedächtnis. Fähigkeit ist, was wir werden.

Oberstufe: Interesse wecken

In der Oberstufe verringert sich die beschriebene Diskrepanz. Die Schüler bearbeiten nun historische, literarische, gesellschaftliche Themen und vor allem Themen, die sie persönlich interessieren. Dies geschieht überwiegend in der Zielsprache und an Hand von Texten, Bildern, Filmen und Musik. Im Unterricht geht es zunächst nicht um das Erlernen der Sprache an sich, sondern um den Umgang mit interessanten Themen. Die Arbeit an der Sprachgenauigkeit ergibt sich daraus, dass sie dem Verständnis der Inhalte dient. Im Rahmen vielfältiger authentischer Aufgabenstellungen erweitern die Schüler auf diese Weise Wortschatz und Sprachsicherheit. Sie lesen und besprechen Literatur, analysieren Kurzgeschichten, schreiben Zeitungsartikel oder werden in anderen Projekten aktiv. In jeder Stunde wird mündlich geübt und möglichst nur in der Fremdsprache gesprochen.

Da man es im Klassenverband mit einem breiten Spektrum an Können zu tun hat, muss es Ziel der Lehrkraft sein, allen Schülern bis zur 12. Klasse Möglichkeiten zu verschaffen, ihr Interesse für die Kulturen, die hinter der jeweiligen Sprache stehen, zu vertiefen und ihr Sprachvermögen so weit zu entwickeln, wie es ihren individuellen Möglichkeiten entspricht. Das sollte unbedingt auch diejenigen Schüler, die in den Sprachen schwach sind, einbeziehen. Ich habe oft erlebt, dass auch sie Interesse entwickeln und sich engagieren, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten. Entscheidend ist hier eine differenzierte Aufgabenstellung, so dass alle ihre Grenzen erweitern können, auch in einer Shakespeare-Epoche der 11. Klasse oder bei Diskussionen zum Thema growing-up in der 12. Klasse.

Die Frage, was Jugendliche an formellen Sprachformen lernen müssen, hängt von der jeweiligen Zielsetzung und dem angestrebten Abschluss ab. Wer kein Abitur anstrebt, kann in der Fremdsprache überwiegend kommunikativ weiterarbeiten. Das Leben zeigt, dass sich viele Waldorfabsolventen international sehr gut zurechtfinden, wenn Interesse oder Notwendigkeit rufen.

Lernen begleiten, fördern und bewerten

Das Wichtigste bei der Begleitung und Bewertung von Fremdsprachenlernen ist, dass die Lehrperson ihre Schüler so gut in ihrem Lernen beobachtet und kennt, dass sie ihnen Rückmeldungen zum konkreten nächsten Lernschritt geben kann. Das Lernen ist nicht einfach, es bedeutet Aufwand und verlangt Mut, Interesse und Engagement, vor allem aber viel Vertrauen. Wenn wir keine anderen Sprachen mehr lernen, weil wir uns auf die automatischen Übersetzungen am Smartphone verlassen, dann werden wir uns bald nicht mehr verstehen. Jeder wird an seiner Sicht der Dinge festhalten. Ohne narrative Empathie, das heißt, ohne die Fähigkeit, die Geschichte des Anderen empathisch nachzuerzählen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Das hat nichts mit Sprachrichtigkeit zu tun, sondern vor allem mit Toleranz und Verstehen.

Zum Autor: Martyn Rawson arbeitet als Waldorflehrer an der Christian Morgenstern Schule in Hamburg sowie am Waldorflehrer­seminar Kiel. Er ist Autor mehrerer Bücher zur Waldorfpädagogik und Mitherausgeber des englischsprachigen Waldorflehrplans.

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