Die Wirklichkeit ist das Bild

Von Andre Bartoniczek, April 2014

Was bedeutet bildhaftes Unterrichten in der Oberstufe? Geht es bei den älteren Schülern nicht gerade darum, begrifflich-abstrahierendes Denken auszubilden? Wenn Wissenschaftlichkeit der Boden eines Oberstufenunterrichts sein soll, steht sofort die Bildhaftigkeit in Frage. Es ist ein wesentliches Kennzeichen unserer Zeit, dass wir Märchen und Mythen als etwas Unreales erleben und nach einem wissenschaftlichen Denken verlangen, das an die Stelle des »Glaubens« und der Phantasie die empirisch exakte, sinnliche Beobachtung setzt.

Höhlenmalerei aus der späten Bronzezeit in der Magura Höhle bei Rabischa / Bulgarien (Foto: wikimedia commons)

Es wird der feste Boden unbezweifelbarer Erkenntnis gesucht, der uns auf dieser Welt selbstbewusste Menschen sein lässt. So entstehen dem Bild gegenüber Unsicherheiten auf Seiten der Lehrerschaft. Eine Beschäftigung mit dem Bildbegriff Rudolf Steiners kann demgegenüber den Blick dafür öffnen, welche Rolle das Bild in der Oberstufenpädagogik tatsächlich spielen könnte. Der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Phantasie, faktischer Realität und Bildhaftigkeit lässt sich dabei auflösen.

In verschiedenen Werken führt Steiner aus, dass der Wirklichkeitserkenntnis grundsätzlich ein bildhaftes Denken zugrunde liege. Für die Geschichte forderte er explizit eine »imaginative Erkenntnis«. Was ist damit gemeint? Schon die Väter der modernen Geschichtserkenntnis haben spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts bemerkt, dass ihr Empirismus keineswegs zu »harten« Fakten, sondern zu einem bodenlosen »Sandhaufen« führte, der einem ständig zwischen den Fingern zerrann. Immer wieder wird der Mensch von der Geschichte völlig überrascht, so dass es scheint, dass er die wahren kausalen Abläufe der Ereignisse gewöhnlich gar nicht in den Blick bekommt. Es gibt eine unüberschaubare Menge von »Sprüngen« in der Geschichte, in denen wie aus dem Nichts durch keine vorangegangenen Faktoren erklärbar völlig neue Gestaltungen hervortreten. An dieser Grenzerfahrung der Geschichtswissenschaft setzt Steiner an und gelangt zu einer gleichermaßen erstaunlichen wie faszinierenden Diagnose: Das, was wir als Geschichte bezeichnen – die uns sinnlich-empirisch entgegentretenden Tatsachen – ist noch gar nicht Geschichte. Wir gelangen zu keiner Erkenntnis von Zusammenhängen, weil wir den Gegenstand der Geschichte noch gar nicht erfasst haben. Vielmehr träten die historischen Ereignisse so in unser Bewusstsein wie Traumbilder: spontan, unzusammenhängend, aber auf tiefe, existenziell bedeutende Geheimnisse verweisend, mit sinnlichem Inhalt, aber ohne verstandesmäßig greifbare Verbindung, starke Emotionen weckend, aber ohne wirklich beeinflussbar zu sein – wir sind wie im Traum immer Reagierende und beherrschen die Vorgänge nicht. So heißt es bei Steiner schließlich: »Nicht heller und nicht anders durchzieht dasjenige, was den Lauf der Geschichte vorwärts treibt, die menschliche Seele als ein Traum. Von dem Traume des Werdens zu sprechen ist völlig wissenschaftlich.« Und an anderer Stelle: »Geschichte wird geträumt.«

Die Geschichte: ein Traum

Hat man sich auf diese Perspektive einmal eingelassen, ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Entscheidend für unsere Fragestellung nach dem Geschichtsunterricht ist: Die Geschichte hat Bildcharakter! Wie die Inhalte des Traumes sich einerseits auf unser bewusstes Tageserleben beziehen, andererseits aber auf eine tieferliegende, unbewusste Schicht unseres Wesens als die eigentliche Realität hindeuten, begegnet uns die Geschichte zwar in den sinnlichen Tatsachen, diese sind aber letztlich als Hinweise auf einen unsichtbaren Strom von Impulsen und Kräften zu nehmen, die die äußere Wirklichkeit unseres Lebens schaffen. Die Tatsachen sind nicht für sich schon Realitäten, sondern deren Ausdruck – also Bild. Insofern spricht Steiner schließlich von »Symptomen«.

Geschichtserkenntnis bedeutet also, in den äußeren Tatsachen die auf die historischen Realitäten verweisenden bildhaften Gesten zu finden und lesen zu lernen – was wiederum heißt, die an ihnen sich entzündende seelische Tätigkeit innerlich zu beobachten. Geschichtsunterricht wird also nicht bildhaft dadurch, dass der Lehrer viele Abbildungen verwendet, Filme zeigt oder in seiner Erzählung selber zu einer starken Metaphorik greift. Vielmehr ist er aufgefordert, im historischen Vorgang selber das Bild zu erkennen.

Ohne diesen Erkenntnisvorgang als solchen bewusst vollziehen zu müssen, betätigen sich hierin die Oberstufenschüler. Während in den unteren Klassen tatsächlich Bilder (Mythen, Legenden u.a.) gegeben werden, die selber schon jene Deutung geleistet und die Gebärdensprache der Geschichte sichtbar gemacht haben, so dass die Schüler miterleben können, ohne bereits selber zu interpretieren, blickt der ältere Schüler auf äußere Tatsachen und lernt diese zu deuten. Die Hilfe des Lehrers besteht darin, dass er die Symptome findet, dem Schüler zur Verfügung stellt und den Vorgang unterstützt, diese mit Erkenntnis zu durchdringen. Von hier aus wird auch deutlich, inwieweit es dann tatsächlich einer entsprechenden Darstellung bedarf: Sie muss so gestaltet sein, dass sie den Schüler im Zuhören anregt, die historische Gebärde in seiner Phantasie nachzuschaffen. Dies geschieht gar nicht so sehr durch eine quantitative Fülle sinnlicher Inhalte, die sogar eher die Klarheit der historischen Vorstellung mindert. Es ist vielmehr wie bei manchen Gemälden, bei denen eine einzelne kräftige Linie eine charakteristische Kontur schafft.

Die Rolle der Phantasie

Die Erzählung muss bei dem räumlich-konkreten Detail einsetzen, weil erst an diesem die Vorstellungstätigkeit in Bewegung versetzt wird. Ausgangspunkt ist also der sinnliche Inhalt, weil auch die Geschichte es mit irdischen Realitäten, dem physisch verkörperten Menschen zu tun hat. Entscheidend ist letztlich aber der seelische Gestus, den ich an ihm innerlich nachmodelliere. Nicht die äußere Anschaulichkeit allein, sondern der an ihr sich entzündende Phantasievorgang ist das Entscheidende. Wenn die nachschaffende Phantasietätigkeit erst die Anschauung des historischen Gegenstandes hervorbringt, bedeutet dies, dass man sie nicht von der konkreten seelischen Verfassung des Schülers ablösen darf. Seine altersbedingte Art, innerlich produktiv zu sein, ist mitbeteiligt an dem Prozess, der zu der Vorstellung historischer Sachverhalte führt. Insofern wird sich die Qualität des geschichtlichen Bildes von Altersstufe zu Altersstufe ändern. Ein Neuntklässler wäre mit einer dem 18-Jährigen entsprechenden, weit auseinanderliegende Inhalte zusammenschauenden Phantasietätigkeit überfordert, während dieser innerlich wohl unproduktiv bleiben müsste, wenn die Darstellung ihn durch zu viele Sinnesinhalte äußerlich »bedienen« würde. Verkürzt formuliert: Der Neuntklässler muss lernen, in der realen Welt das Bild zu entdecken, der Zehnt- und Elft-Klässler lernt den Vorgang der Verinnerlichung der Imagination zu vollziehen, der Zwölft-Klässler muss zu einem eigenen Begriff von Bild kommen.

Als Abschluss des gesamten pädagogischen Prozesses vom Kindergarten bis in die 12./13. Klasse würde es also darum gehen, wieder dorthin zurückzukommen, wo die Kindergartenkinder waren: zu einer Einheit mit allem, jetzt aber vollbewusst, aus eigenständiger Urteils- und Gedankenbildung. Die Globalisierung ist der Schauplatz, an dem sich zeigt, wie stark die Fähigkeiten ausgebildet sind, eine soziale Ganzheit empathisch zu umfassen und zu gestalten. Gerade hier gilt aber auch: Globalisierung kann ich nicht verstehen, wenn ich mich in Einzelheiten verliere – dann habe ich Millionen von atomisierten Einzelfakten, aber nirgendwo das »geistige Band«. Ich habe Interessenstandpunkte, verständnislose Distanz, Grenzziehungen und Streit, aber keine reale Wahrnehmung eines Zusammenhanges der Menschheit. Globalisierung kann ich nur verstehen mit einem Bild, einem imaginativen Denken, das zu inneren Ganzheitsanschauungen unseres Globus gelangt.

Geistige Figuren lesen

Wir stoßen hier auf einen ganz neuen Begriff des Bildhaften oder Mythischen: Dieses besteht nicht mehr aus den alten Göttererzählungen, die uns träumend belassen und in die Vergangenheit zu einem unbewussten, kollektiven Sozialzusammenhang zurückführen – insofern sind auch alle Bestrebungen, mit alten Szenarien aus Vampiren, Magiern, Feen, Elfen oder Avataren Geheimnisse heraufzubeschwören, letztlich illusionäre, verzerrte Atavismen. Vielmehr besteht zukünftige Bildhaftigkeit darin, die geistigen Figuren zu lesen, die in der realen menschlichen Biographie und in den vielfältigen Zusammenhängen, in der sie stehen, aufzufinden sind – in den Schicksalen der Scholls oder eines Nelson Mandela, einer Julia Hill, die durch einen Verkehrsunfall aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird, durch einen »Zufall« den Zauber der Redwoods Kaliforniens entdeckt und schließlich durch ihre zweijährige Baumbesetzung deren Retterin wird, oder einer Mukhtar Mai, die in Pakistan grausam misshandelt wird, sich im Moment der tiefsten Verzweiflung ihrer eigenen Würde bewusst wird, gegen das Unrecht ankämpft, eine Mädchenschule und eine Klinik gründet und schließlich auf einer internationalen Menschenrechtskonferenz entdeckt, wie sie Teil einer weltumspannenden sozialen Bewegung ist, die sich an den unterschiedlichsten Stellen unseres Globus brüderlich für den Mitmenschen einsetzt. Nicht nur die seelische Entwicklung, auch die leiblich-evolutive »Biographie« des Menschen über die Zeiten hinweg wird dann zum Bild werden: Wenn zum Beispiel das Skelett des Menschen und seiner Vorfahren wirklich angeschaut und in seinen charakteristischen Gebärden erkannt werden wird, wird der Evolutionsprozess zum sinnhaften Ausdruck.

Man darf sicher sein: Es wird für das soziale Verhältnis von Mensch zu Mensch nicht gleichgültig sein, ob sich der aus der Erziehung entlassene junge Erwachsene über seine ganze Kindheit und Jugend hin darin geübt hat, den Menschen bildhaft anzuschauen und durch dessen leibliche Erscheinung hindurch sein geistiges Wesen zu erahnen, oder ob er dieses Wesen auch in Zukunft mit seinem gegenständlichen Denken auf seine äußere, naturgesetzlich erklärte Erscheinung reduziert. Für die soziale Zukunft unserer globalisierten Welt wird diese Alternative existenziell sein.

Zum Autor: Andre Bartoniczek ist Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte an der Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe und in der Lehrerausbildung tätig. Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Neuzusammenstellung in Auszügen aus: Andre Bartoniczek, »Die Wirklichkeit ist das Bild«, Erziehungskunst 12/2007, und »Mythenbildende Kräfte und soziale Fähigkeiten«, in: Andreas Neider (Hrsg.): Wie lernen Kinder Empathie und Solidarität, Stuttgart 2012. Von Andre Bartoniczek erschien gerade das Buch »Die Zukunft entdecken. Grundlagen des Geschichtsunterrichts«, Stuttgart 2014.

Literatur: Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26, Dornach 1989, S. 30 ff.; ders.: Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, Dornach 1987, S. 85; ders.: Das Ewige in der Menschenseele, GA 67, Dornach 1992, S. 196; ders.: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, GA 236, Dornach 1980, S. 119–22; Rolf Schörken: Historische Imagination und Geschichtsdidaktik, Paderborn 1994

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