Auf das Alter kommt es an

Von Edwin Hübner, April 2019

Ob digitale Technik im Unterricht verwendet wird, sollte sich daran orientieren, wie alt die Kinder sind, und ob sich dadurch Neues erschließen lässt.

Foto: © Charlotte Fischer

Pseudo-Revolutionen

»Revolution im Unterricht. Der Computer wird Pflicht«, titelte »Der Spiegel« 1983, als die ersten PC auf den Markt kamen. Mitte der 1990er Jahre, als das Internet anfing, sich mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit im Alltag auszubreiten, konnte man im selben Magazin lesen: »Die Lernrevolution ist überfällig, sollen die Schulen nicht von der Entwicklung zur Informationsgesellschaft abgehängt werden.« Das war der Beginn eines Hypes, der dazu führte, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die Schulen mit Internet und vielen neuen Geräten ausgestattet waren.

Ernüchterungen

Wie bei allen im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgerufenen »Revolutionen« trat auch diesmal recht bald Ernüchterung ein. Die Schulen waren alle »am Netz«, aber viele »Vorzeigeschulen«, die das Lernen mit Computern eingeführt hatten, schlossen ihre PC wieder in den Schrank. »Web 0.0« titelte »Der Spiegel« eine Aufsatzserie im Jahr 2007, die das Scheitern der »Revolution« an Beispielen dokumentierte.

2015 wurde trotzdem wieder eine »Revolution der Bildung« ausgerufen. Und wieder müssen sich die Schulen mit einem Hype auseinandersetzen, der vor allem eines sicher erreicht: Die Kassen der Unternehmen zu füllen, die Geräte für die »Bildungsrevolution« verkaufen. Andererseits ist aber das Argument, dass Kinder befähigt werden müssen, mit digitalen Geräten sinnvoll umzugehen, berechtigt. Das ist eine wesentliche Aufgabe der Schule. In der Vergangenheit waren die jeweiligen Umsetzungen dieser Forderung allerdings wenig erfolgreich – die »Revolutionen« scheiterten kläglich. Schüler lernten nicht mehr und auch nicht besser. Die Klagen, dass Schülern nach Beendigung der Schulzeit die notwendigen Grundlagen für die weitere Ausbildung fehlten, sind lauter geworden. Studierenden fehlen immer häufiger die notwendigen Grundfähigkeiten, um ihr Studium gut zu absolvieren. Bei den Revolutionsversuchen wurde offensichtlich etwas übersehen.

Technik hat Nebenwirkungen

Menschlicher Erfindungsgeist hat bewundernswürdige Technologien hervorgebracht. Er schuf die maschinellen Voraussetzungen, dass sich Menschen auf der ganzen Welt begegnen, Handel treiben, sich austauschen können. Technik ist die unerlässliche Basis, auf der die Menschheit ein globales Bewusstsein entwickeln kann. Was wäre sie ohne das Auto, das Flugzeug, das Telefon, den Computer oder die Bildschirmtechnologien? Vergegenwärtigt man sich das große Potenzial, das wir Menschen uns durch Technik eröffnet haben, dann kann man nur dankbar sein für die dadurch geschaffenen Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite hat die Technik meist einen »Pferdefuß«: Sie schädigt oftmals die Natur und mit ihr den Menschen. Man nehme nur die Fortbewegungsmittel: die Autos, die Flugzeuge, die Containerschiffe. Sie alle produzieren Abgase und verpesten die Luft, die Menschen, Tiere und Pflanzen zum Leben brauchen. Durch Verkehrsunfälle kommen jährlich Tausende von Menschen ums Leben, Tausende von Tieren werden überfahren. Fast 65 Millionen Kilometer Straßen überdecken weltweit Hunderttausende von Quadratkilometern, auf denen keine Pflanzen mehr wachsen können.

Menschliche Erfindungen sind zwiespältig. Ihre großartigen Möglichkeiten werden durch gefährliche Nebenwirkungen erkauft. Das gilt auch für die Informations- und Kommunikationstechnik (IT), die wir im Alltag nutzen. Durch ihren gigantischen Stromverbrauch belastet sie indirekt die Umwelt. Ihre Herstellung verbraucht wichtige Ressourcen der Erde. Sie ermöglichen Verführungen, denen viele Menschen nicht gewachsen sind. Gerade Kindern fehlt die Stärke und das Urteilsvermögen, mit IT sinnvoll umzugehen. Eine einseitige und zeitlich zu ausgedehnte Nutzung digitaler Medien kann daher negative Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben.

Pädagogik muss diese Gefährdungen in den Blick nehmen, aber auch ein sachliches Verständnis der digitalen Technik ermöglichen und zu einem sinnvollen Umgang mit Geräten erziehen. Daher umfasst Medienerziehung zwei Ebenen, die man als »indirekte« und »direkte Medienpädagogik« bezeichnen kann. Die indirekte Medienpädagogik gibt Kindern vielfältige Angebote, durch die sie ihre leiblichen und seelischen Fähigkeiten, ihre individuellen Begabungen und Stärken ausbilden können. Die direkte Medienpädagogik zeigt ihnen, wie sie die Möglichkeiten des Internets, überhaupt aller IT, sinnvoll nutzen und sich zugleich vor deren Gefahren schützen.

Medienpädagogik muss sich an der Entwicklung der Kinder orientieren

Beim Straßenverkehr zeigen wir Kinder mit welcher Bus- oder Straßenbahnverbindung sie zu einem bestimmten Ort kommen und wie sie sich mit dem Fahrrad richtig verhalten. Vor allem aber machen wir sie auf die Gefahren aufmerksam, die man im Verkehr beachten muss, um Unfälle zu vermeiden. Dabei weiß man, dass es wenig Sinn ergibt, von einem Fünfjährigen das Bestehen der Fahrprüfung zu verlangen. Mit zehn Jahren ist das Verständnis allerdings so weit ausgebildet, dass ein »Fahrradkurs« sinnvoll ist. Den Führerschein für ein Automobil kann man mit 17 Jahren machen, aber völlig allein ein Auto zu führen, ist erst nach der Vollendung des 18. Lebensjahres erlaubt.

Diese sehr sinnvollen Bestimmungen berücksichtigen die lange Zeit, die Kinder und Jugendliche brauchen, bis ihre eigene Persönlichkeit so weit ausgereift ist, dass sie in vollem Umfang Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernehmen können.

Dies gilt genauso für die Medienpädagogik: Die Entwicklung des Kindes ist der unumgängliche Maßstab, an dem sich Methodik und Didaktik zu orientieren haben. In der frühen Kindheit bis zum siebten, achten Lebensjahr etwa, bildet das Kind seine Motorik, seine Sprache und das phantasievolle Denken aus. Vor allem aber entwickelt es seine Sinne, durch die ihm die Welt gegeben ist. Diese Reifung geht einher mit der gesunden Strukturierung des Gehirns. Alles, was ein Kind erlebt, bildet sich im Wachstum des Gehirns ab. In der frühen Kindheit hat daher die gesundheitliche Entwicklung unbedingten Vorrang, denn sie ist die Basis auf der alle weiteren Entwicklungsschritte aufbauen.

Zuerst real, dann analog und zuletzt digital

Deshalb sollten Kinder in den ersten Lebensjahren in einer möglichst vielseitig gestalteten natürlichen Umgebung aufwachsen. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung unmittelbare sinnliche Erlebnisse, die sie zu möglichst vielen inneren und äußeren Aktivitäten anregen.

Analoge und digitale Medien sind »Mittler«, sie schieben sich zwischen Mensch und Welt, koppeln ihn von der direkten Erfahrung ab und ersetzen diese durch eine Sekundärerfahrung. Im frühkindlichen Lebensraum hat aber das unmittelbare Erleben der realen Welt unbedingten Vorrang vor medialen Erlebnissen. Deshalb ist er idealerweise medienfrei. Die Schulzeit begann schon immer damit, dass Kinder analoge Medien beherrschen lernen: Schreiben und Lesen, aber auch Rechnen, ein Instrument spielen oder Zeichnen. Auch heute noch ist die souveräne Beherrschung des Schreibens und Lesens die Basis, um die durch Informationstechnologien vermittelten Inhalte zu verstehen. Was nutzt mir Wikipedia, wenn ich nicht lesen kann? Die gute Beherrschung der analogen Techniken ist das Fundament, auf dem der souveräne Umgang mit digitalen Technologien ruht. Ein an der Entwicklung des Kindes orientiertes Medienkonzept gliedert sich daher in drei Abschnitte:

  • Frühe Kindheit: Im Erleben der realen Welt bildet das Kind die leibliche Basis für alles spätere Lernen und Arbeiten. Daraus folgt, dass die Umgebung des Kleinkindes medienfrei sein sollte.
  • Erste Schulzeit: Das Kind lernt, die analogen Techniken beherrschen, die nach wie vor die Basis des Kulturlebens sind, wie Schreiben, Lesen, Rechnen.
  • Beginn der Pubertät: Das ist der richtige Zeitpunkt, ab dem Jugendliche in den Umgang mit digitalen Technologien eingeführt werden sollten.

Ziel der schulischen Bildung muss sein, Schülern ein prinzipielles Verständnis der Funktionsweisen digitaler Technik und vielfältige Erfahrungen im Umgang mit ihr zu vermitteln. Mehr kann Pädagogik in dieser Hinsicht nicht leisten wollen. Die Waldorfpädagogik verfolgt kein anderes Ziel, sondern vertritt eine andere Methode als der »Mainstream« – sie orientiert sich an der kindlichen Entwicklung und behandelt manches erst einige Jahre später als andere Schulen und vieles auch anders.

Der Mensch im Zentrum

2013 wurde die deutsche Übersetzung von John Hatties Metastudie »Lernen sichtbar machen« veröffentlicht. Ein zentrales Ergebnis ist die Feststellung, dass der Faktor, der die Kinder am meisten zum Lernen anregt und zum Bildungserfolg führt, in der Persönlichkeit des Lehrers liegt: »Auf die Lehrpersonen kommt es an!« Sie beeinflussen die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen am meisten. Von der wechselseitigen Durchdringung ihrer Fachkompetenz mit ihren pädagogischen und didaktischen Kompetenzen hängt der Bildungserfolg ab – und von der Kooperation mit denjenigen, die ebenfalls an der Erziehung und Bildung beteiligt sind, vor allem den Eltern. Die heute vielfach zu beobachtende Tendenz, Lehrkräfte zu Lernbegleitern zu degradieren, die Schüler bloß noch beim Umgang mit Lerntechniken beraten, eliminiert also den stärksten Faktor für das Lernen aus der Schule. 

Betrachtet man die Frage, wie viel der Einsatz technischer Medien zum Lernerfolg beiträgt, dann ist das Ergebnis wenig überzeugend. Wesentliche Bildungserfolge ergeben sich nur dann, wenn durch den Einsatz von Medien neue Lernsituationen entstehen, die man nicht auch schon durch die alten Medien hätte schaffen können. Also: Tablets anstelle von Schulbüchern einzusetzen, ist für den Lernerfolg irrelevant; Kinder lernen dadurch nicht besser.

Zusätzliche Lernerfolge stellen sich erst dann ein, wenn durch Technik neue Aufgabengebiete erschlossen werden. Beispiel: Eine kleine Gruppe von Schülern erhält den Auftrag, einen Film über eine bestimmte geschichtliche Persönlichkeit zu drehen. Die Technik dazu ist heute sehr einfach zu handhaben und erschwinglich. Einem solchen Film gehen Recherchen voraus, die sich nach vielen Überlegungen in einem mehr oder weniger langen Film niederschlagen. Das Wesentliche dabei ist nicht der Film, sondern die dazu notwendige, langandauernde intensive Erarbeitung der Biografie und deren Reduktion auf das Wesentliche.

Der eigentliche Kern des Lernens besteht immer noch im eigenen Nachdenken und Verstehen – dabei kann das eine oder andere technische Gerät hilfreich sein, aber denken muss jeder selbst. Und in diesem Prozess haben Eltern und Lehrpersonen den größten Einfluss auf das Lernen. Ohne diese Voraussetzung ist die Ausstattung der Schule mit digitalen Geräten weitgehend sinnlos.

Die wahre Revolution

Die eigentliche Revolution steht noch aus: Die Einsicht, dass die Schulen nur dann ihr volles pädagogisches Potenzial entfalten können, wenn die Fähigkeiten und Stärken der Lehrer im Zentrum der Schulgestaltung stehen. Die Schulen müssen vor pädagogikfremden Interessen geschützt werden. Ökonomisches Profitstreben, das massiv hinter der derzeitigen Digitalisierungskampagne steht, hat in Schulen nichts verloren. Auch politische Eingriffe behindern sie in ihrer pädagogischen Arbeit. Eine Revolution der Bildung fände statt, wenn sie endlich vom Ballast dieser Einflüsse befreit würde.

Lasst die Schulen selbst entscheiden, wie sie die ihnen vom Steuerzahler zur Verfügung gestellten Gelder ausgeben wollen! Die Kollegien werden dann sicher zuerst für die Renovierung der oftmals maroden Schulhäuser sorgen, ebenso für hygienische Toiletten und genügend motivierte Pädagogen, die mit den Schülern gemeinsam lernen und arbeiten wollen – auch mit digitalen Medien. Solche im praktischen Leben stehende Pädagogen denken zuerst intensiv nach, bevor sie zu viel Geld für teure digitale Geräte ausgeben.

Zum Autor: Edwin Hübner ist Professor an der Freien Hochschule Stuttgart. Autor mehrerer Sachbücher zum Thema Medienerziehung.

Literatur: J. Dräger, R. Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können, München 2015; K. P. Liessman: Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift, Wien 2014; J. Hattie: Lernen sichtbar machen, hrsg. v. W. Beywl, K. Zierer, Baltmannsweiler 2013; K. Zierer: Hattie für gestresste Lehrer. Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen aus John Hatties »Visible Learning« und »Visible Learning for Teachers«, Baltmannsweiler 2016; K. Zierer: Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich, Baltmannsweiler 2017; J. Krautz, M. Burchardt (Hrsg.): Time for Change? Schule zwischen Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung, München 2018; R. Münch: Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat, Weinheim, Basel 2018

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