iDisorder

Von Peter Hensinger, April 2019

Auswirkungen der Digitalisierung auf das Erziehungswesen.

Foto: © lumen-digital/photocase.de

Unter »Digitaler Bildung« ist nicht zu verstehen, dass Lehrer digitale Medien und Software als nützliche Hilfsmittel im Unterricht einsetzen, dass Schüler Word, Power Point oder Excel lernen, Versuche mit Programmen auswerten, statistische Berechnungen durchführen oder Filme digital drehen und zuschneiden. Das gehört heute zu Grundfertigkeiten, die man ab der oberen Mittelstufe lernt. Bei der digitalen Bildungsreform geht es um eine Neuausrichtung des gesamten Erziehungswesens. So wie bei der Industrie 4.0 Roboter die Produktion selbstständig steuern, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungsgeschehen autonom steuern. 

Das Konzept dafür kommt aus der Industrie und nicht aus der Erziehungswissenschaft. So beraten auch Akteure der IT-Wirtschaft das Bundeswissenschaftsministerium in diesen Fragen: Von Bitkom, der Gesellschaft für Informatik (GI) über Microsoft, VW, SAP bis zur Telekom sind alle vertreten. Nicht vertreten dagegen sind Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissenschaftler, die sich mit den Folgen der Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen.

Querdenken ist nicht gefragt

Es gibt keine »Digitale Bildung«. Kein Mensch lernt und denkt digital. Weder Lernprozesse noch Bildung lassen sich digitalisieren, allenfalls der Lernstoff. Der Begriff »Digitale Bildung« ist irreführend und geprägt von dem Glauben an die totale Messbarkeit der Welt und die Steuerbarkeit aller kognitiven und sozialen Prozesse. Was in den digitalen Bildungsvorstellungen als individualisierter Unterricht bezeichnet wird, ist ein vom Menschen befreiter Frontalunterricht. Das soziale Gegenüber ist der sprechende Bildschirm. Der sozialisierende, gemeinschaftsbildende Klassenverband entfällt, die pädagogische Atmosphäre – erzeugt durch den Lehrer –, weicht Vereinzelung, technischer Kälte, Berechenbarkeit und Konditionierung. Man kann durchaus einen Bruch mit dem demokratischen, humanistischen Bildungsauftrag konstatieren. Erziehungsziel ist nicht mehr der im humboldtschen Sinne gebildete Homo politicus, sondern der widerspruchlos funktionierende Homo oeconomicus. 

Schule, deren Bildungsauftrag reduziert ist auf die Vermittlung von ethikfreien Fachinformationen, erzeugt Fachidioten, angepasst funktionierende Arbeiter und Angestellte. Dafür soll nicht mehr Haltung, sondern verwertbares Verhalten gelehrt werden, das ist der Kern der Kompetenz­orientierung.

Nebenwirkungen stellen sich ein

Heute haben wir es mit einer Schülergeneration zu tun, deren Kindheit vom Smartphone geprägt ist. Das führt zu negativen, irreversiblen Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung. Wir haben es mit Schülern zu tun, deren sinnliche Erfahrungen weitgehend auf das Bildschirm-Wischen reduziert sind, die dadurch der Natur entfremdet und früh auf den Konsum konditioniert werden. Die Auswirkungen sind gravierend. 

Rückgang des Lesens: 1992 haben noch 50 Prozent aller Eltern ihren Kindern vorgelesen, 2007 waren es nur noch 25 Prozent. Der Anteil der Nichtleser unter Kindern, die noch nie ein Buch in die Hand genommen haben, hat sich nahezu vervierfacht: Er lag 2005 bei sieben Prozent, 2007 schon bei 17 Prozent, 2014 bereits bei 25 Prozent. Die Schule ist für viele Kinder noch der einzige Ort, an dem sie für das Lesen von Büchern begeistert werden könnten. Die Bedeutung der Lesefähigkeit für Bildung, strukturiertes Denken und Lernen in allen Fächern ist unbestritten. 

Hemmung der Sprachentwicklung: Die virtuelle Kommunikation über Facebook oder Whatsapp hemmt die Sprachentwicklung. Vor allem bei Kindern hat das Spielen, Lernen und Kommunizieren über den Bildschirm negative Auswirkungen, weil das Hören des Kommunikationspartners vom Sprecher und der dazugehörigen Körpersprache, vom Kontext, von Mimik, Tonfall, Doppeldeutigkeit, Ironie, Wärme und Kälte getrennt ist. 

Eine neue US-Studie, 2017 auf dem Kongress der US-Kinderärzte vorgestellt, weist nach, dass sich die Sprache schlechter entwickelt, je häufiger digitale Medien genutzt werden.

Vereinsamung und soziale Isolation: Haben Kinder 1987 noch sechs Stunden miteinander gespielt, waren es 20 Jahre später nur noch zwei Stunden. Dafür haben sie vier statt zwei Stunden lang elektronische Medien genutzt. 2017 nutzten sie zehn Stunden am Tag elektronische Medien – ein Effekt des Smartphones. Folge der Virtualisierung ist Vereinsamung wie auch Veränderung des sozialen Verhaltens. 

Verlust der Empathiefähigkeit: Die Studie der US-Psychologin Sara Konrath hat ergeben, dass mit zunehmender Nutzung von Technik im Alltag die Empathie stark abnimmt. In einer Welt, in der es vor allem um die Befriedigung eigener Bedürfnisse und um Selbstdarstellung geht, schwindet das Interesse am anderen. Denn für die Entwicklung der Empathiefähigkeit sind unmittelbare physische Wahrnehmung und direkte menschliche Interaktion Bedingung. 

Sucht: Smartphones sind Ersatz für reale menschliche Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Anerkennung von Leistungen und Autonomie. Eingebaute Belohnungsmechanismen fesseln uns an die Geräte, schalten die Selbstkontrolle aus. Nach einer neuen Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) erfüllen 8,4 Prozent der männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der sogenannten »Internet Gaming Disorder Scale«. Weil Internet- und Spielsucht dramatisch anwachsen, schlug das Deutsche Ärzteblatt im Dezember 2016 Alarm. Man weiß inzwischen, dass die Internetabhängigkeit »häufig mit Suizidgedanken, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Autismus, Aggressivität, Devianz und substanzbezogenen Suchterkrankungen einhergehen«.

Aufmerksamkeitsstörungen: Digitale Medien kannibalisieren die Zeit. Um alle scheinbar notwendigen Aufgaben bewältigen zu können, ist der Ausweg Multitasking: Hausaufgaben machen, nebenher twittern, mailen, WhatsApp beantworten, liken, Musik hören. Der Mensch ist aber nicht multitaskingfähig. Die Fähigkeit, sich auf eine Sache konzentrieren zu können, in sie zu versinken, ist eine elementare Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und Arbeiten. 

Dauerstress durch Klicks und Kicks: Menschen sind mit ihrem Smartphone verwachsen. Kommt ein Jugendlicher mit seinen Eltern auf einem Almbauernhof an, ist die erste Frage: Gibt es hier Netz? Wenn nicht, stürzt er in eine Krise. Denn sein soziales Bezugssystem fehlt. Offline zu sein bedeutet für diesen Jugendlichen Isolation. Fomo, Fear of Missing Out, wird dieser neue Stresszustand genannt. Es ist die Angst, nicht mehr in Echtzeit reagieren zu können. Die permanente Mediennutzung stresst. Unter Stress werden Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis nicht mehr ins Langzeitgedächtnis abgespeichert. Es gibt keine Ruhe- und Verarbeitungsphasen mehr, die für die Gedächtnisbildung notwendig sind. Momente der kreativen Langeweile, des Sinnierens – oft eine Quelle neuer Ideen, werden verdrängt oder gar nicht mehr ertragen.

Kinder außer Kontrolle: Eltern schenken ihrem Kind ein Smartphone, weil sie glauben, die jederzeitige Erreichbarkeit verschaffe Sicherheit in einer unsicheren Welt. Was das Kind wie oft und wie lange auf dem stationären PC spielte, konnten Eltern noch kontrollieren. Über das mobile Smartphone haben sie in der Regel keine Kontrolle mehr. Das sieht man daran, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen jugendgefährdende Seiten – vor allem zu Gewalt und Pornografie – aufrufen. Auch dieses Surfverhalten wird über den Rückkanal gespeichert, um die Nutzer gerade in diesen Gewohnheiten zu bestärken. Wer einmal auf solchen Seiten war, wird mit Sex-Werbung zugemüllt. Die angebotenen jugendgefährdenden Inhalte können traumatisierend wirken und zu Fehlvorstellungen, Fehleinstellungen und Beziehungsstörungen führen.

Anstieg von Kopfschmerzen und Schlafstörungen: An Ein- und Durchschlafstörungen litten 2010 noch 47,5 Prozent, im Jahr 2016 waren es bereits 78,9 Prozent der Deutschen. Im Zeitraum von 2005 bis 2015 ist der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit Kopfschmerzdiagnosen um 42 Prozent gestiegen. 1,3 Millionen junge Erwachsene sind von einem ärztlich diagnostizierten Pochen, Klopfen und Stechen im Kopf betroffen, 400.000 mehr als noch im Jahr 2005. Die Verordnungsrate von Migränemitteln ist bei den 18- bis 27-Jährigen in der Zeit von 2005 bis 2015 um 58 Prozent gestiegen (BARMER Arztreport 20.2.2017). Die DAK-Studie 2016 ergab, dass Konzentrationsschwäche, Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungsdefizite und damit einhergehende gesundheitliche Probleme bei Grundschülern in den letzten zehn Jahren stark zugenommen haben.

Elektrosmog: Smartphones und Tablets werden körpernah genutzt. Durch Apps senden und empfangen sie nahezu pausenlos mit gepulster, polarisierter Mikrowellenstrahlung. WLAN/WiFi entwickelt sich zur meistbenutzten Frequenz. Die Forschungslage zu den Auswirkungen elektromagnetischer WLAN-Felder (bei 2.450 MHz) auf den Menschen ist eindeutig: Es liegen Erkenntnisse aus über 100 in der WHO-Datenbank dokumentierten Arbeiten vor, die nachweisen, dass die Normalbelastung zu Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, ADHS, Spermienschädigungen bis hin zu DNA-Strangbrüchen und damit zu Krebs führen kann. Elektrosmog ist ein Stressor für die Zellen.

iDisorder – staatlich verordnet

Diese zehn Nebenwirkungen machen deutlich, welchen Risiken die Kinder ausgesetzt werden. Der US-amerikanische Psychologieprofessor Larry Rosen, der in dem Buch »Die digitale Falle« Auswirkungen auf die Psyche untersucht, meint, durch die digitalen Medien trete eine neue Störung auf, »bei der Elemente vieler psychiatrischer Krankheiten kombiniert« sind. Er nennt sie iDisorder.

Ein Bund von Lobbyisten in Politik und Wirtschaft, unterstützt von professoralen Drittmittelexperten und hochpotenten Stiftungen hat einen Digital-Pakt mit dem Staat durchgesetzt. »Digital First. Bedenken Second« – hinter diesem Leitspruch steht »Profit First. Denken Second«. Unter Ausschaltung der Erziehungs- und Lebenswissenschaften sollen unumkehrbare Fakten geschaffen werden, deren zerstörerische Wirkung man dann höchstens noch kritisch begleiten darf.

In der Phase eins, die wir derzeit erleben, werden Lehrer von IT-Anbietern zu Technik-Coaches ausgebildet. Sie lernen, die Produkte der jeweiligen Anbieter im Unterricht einzusetzen. In Phase zwei übernehmen vollautomatische eLearning-Systeme mit synthetischen Stimmen das Lehren. Der Lehrer wird überflüssig. Das ist eine Dehumanisierung der Schule. Wir können unsere Kinder und Jugendlichen mit den Einflüssen und Veränderungen, die die digitalen Medien bewirken, nicht alleine lassen. Aber ohne Lösungen für diese Risiken lassen wir sie alleine.

Wir brauchen mehr gut ausgebildete Lehrer, mehr Schulsozialarbeiter und Psychologen, mehr Schullandheim-Aufenthalte, kleinere Klassen, Gelder für Musik- und Theater-AGs, für Projekttage und schöne Schulen. Bildung ist die Fähigkeit, Wissen in ein Wertesystem einzuordnen, die Fähigkeit, ethisch verantwortungsbewusst zu handeln. Ihr Ziel ist die selbstbestimmte Persönlichkeit mit kritischer Urteilsfähigkeit, die Gesellschaft aktiv mitgestaltet.

Zum Autor: Peter Hensinger leitet bei der Umwelt- und Verbraucherorganisation »Diagnose-Funk e.V.« den Bereich Wissenschaft. Kontakt: peter.hensinger(at)diagnose-funk.de

Hinweis: Ausführliche Quellenangaben in »iDisorder im Digi-Tal«, worin sich auch die ungekürzte Fassung dieses Beitrages findet. Download: https://tinyurl.com/y76qjo69 

www.aufwach-s-en.de | www.diagnose-funk.org

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