Das Kind ist der Lehrplan

Von Mathias Maurer, Oktober 2021

Anfänglich gab es keinen Waldorflehrplan, nur Hinweise Rudolf Steiners. Caroline von Heydebrand fasste sie 1925 erstmals zusammen, E.A. Karl Stockmeyer systematisierte sie 1955 nach Fächern. Es folgten mehrere Auflagen des sogenannten Richter-Lehrplans, der sich als Projekt bis heute in ständiger Entwicklung befindet. Die Angaben und Empfehlungen zum horizontalen und vertikalen Lehrplan sind im Laufe der Jahrzehnte zu einem Buch von über 700 Seiten angewachsen.

Man könnte annehmen: Jede Waldorflehrkraft ist bestens gerüstet. Doch Pläne machen noch keinen guten Unterricht – vor allem wenn die zivilisatorischen Bedingungen sich innerhalb von zehn Jahren rascher wandeln, als früher in hundert Jahren.

Dennoch: Der Waldorflehrplan fußt auf menschenkundlichen Einsichten, nicht auf Konjunkturen oder technologischen Innovationen, sondern auf menschenkundlichen Einsichten, die in ihrer Gesetzmäßigkeit nahezu überzeitlichen Charakter haben. Sie gehen weit über bloßen Kompetenz- und Wissenserwerb, den die Zeit gerade erfordert, hinaus, deren Topoi je nach Mode wechseln und neu formuliert werden; sie zielen auf tiefere Bildungsschichten des menschlichen Wesens ab, was nicht heißt, die sogenannten Kulturtechniken zu vernachlässigen. Waldorfpädagogik zielt auf eine gesunde Entwicklung des gesamten Menschenwesens ab, nicht nur hinsichtlich seiner intellektuell-rationalen, sondern auch seiner emotionalen und vor allem seiner Willensbildung. Das, was der Mensch erkennt, soll auch Hände, die zupacken, bekommen, die die Welt auch tatsächlich verändern – denn Handlungsbedarf haben wir an allen Ecken und Enden der gesellschaftlichen Gegenwart. Es ist ein Merkmal und Problem der gegenwärtigen Verfasstheit des Menschen, dass er zwar viel weiß und erkennt, aber nicht danach handelt.

Eine der größten Herausforderungen der Gegenwart ist die Digitalisierung des gesamten Alltagslebens. Die letzten beiden Jahre und die Not der Pädagogen haben gezeigt, auf welcher basalen menschlichen Fähigkeit ein »Lehrplan«, und erst recht ein »Waldorflehrplan« sich stützen muss, um zukunftsfähig zu bleiben: Was es jetzt braucht, ist die Intensivierung menschlicher Beziehungen und Wahrnehmungsfähigkeit in allen Lernsituationen. Sich in der digitalen Welt zurechtzufinden, mit ihr sinnvoll umgehen zu lernen, nicht von ihr abhängig oder sich von ihr bestimmen zu lassen, braucht als »Abgleich« die konkrete ungefilterte menschliche Begegnung.

Waldorfpädagogik ist wie jede gute Pädagogik eine Beziehungspädagogik. In Zukunft wird ein Lehrplan genau diese Qualität in das Zentrum zu stellen haben. Da kann auch auf den einen oder anderen Unterrichtsstoff verzichtet oder auf Essentials reduziert werden, aber nicht auf Kosten der waldorftypischen Beziehungsstifter wie zum Beispiel Eurythmie, Gartenbau, Kunst- und Kunstbetrachtung oder Klassenfahrten und Praktika.

Ein Lehrplan ist nur ein Skelett ohne Blut und Muskeln, ein unbeseeltes, methodisch-didaktisch ausgeklügeltes Konstrukt, eine vielleicht gute pädagogische Gebrauchsanweisung. Leben hauchen ihm die Schüler, Lehrer und Eltern ein.

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