Den eigenen Rhythmus finden

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! 

Rhythmus trägt das Leben, Rhythmus spart und gibt Kraft. Unsere gesamte menschliche Organisation baut auf rhythmischen Prozessen auf, die sich physisch, seelisch und geistig wechselseitig beeinflussen. Das kleine Kind liebt den Rhythmus; er gibt ihm Orientierung, Raum für sein Wachstum und seine Entwicklung. Spätestens als Schulkind beginnt es, Variationen des »Ewig-Gleichen« anfangs mit Vorsicht, später mit Absicht durchzuspielen. Im Jugendalter kommt es dann zu einer meist strapaziösen Umkehr alles Gewohnten. Die Nacht wird zum Tag, gegessen wird unabhängig von den Mahlzeiten, Hausaufgaben kann man auch spät abends oder kurz vor Schulbeginn machen.

Für die Medizin, Therapie und Pädagogik ist der Rhythmus unerlässlich und Indikator von Gesundheit und Krankheit. Als erwachsener Mensch wird man vernünftigerweise eine ausgeglichene und geregelte Lebensführung für angemessen halten – und was angemessen heißt, ist individuell. Denn der erwachsene Mensch kann sich mit zunehmender Freiheit rhythmischen Ordnungen entziehen. Meist macht das auf Dauer krank, muss es aber nicht zwangsläufig. Aus der Salutogeneseforschung weiß man, dass man durchaus aus dem Rhythmus kommen darf, wenn es Sinn und Verstand hat, was man tut, auch wenn es nicht im Einklang mit körperlichen oder seelischen, tages- oder jahreszeitlichen oder gar planetarischen Rhythmen steht.

Im Rhythmus liegt die Tendenz zum Einschlafen, Entspannen, Wegträumen, zur Routine, zum Trott und Takt. Alles, was uns aus dem Rhythmus bringt, macht dagegen wach. Wer geht und stolpert, wessen Kreislauf nicht mehr »rund« läuft, wer in eine seelische Krise kommt oder bemerkt, wie ihn Gefühle blockieren, wessen Gedankengebäude keine befriedigenden Antworten mehr geben, kommt zu Bewusstsein. Hier kann der Erwachsene im Unterschied zum Kind bewusst Ausgleich schaffen. Je bewusster sein Tun und Lassen, desto mehr kann er sich von seinen vegetativ-animalischen Anteilen, die viel stärker rhythmischen Prozessen unterworfen sind, emanzipieren, das Schlafbedürfnis nimmt zum Beispiel ab.

Gelegentlich aus dem Rhythmus zu kommen hilft, wieder seinen Rhythmus zu finden.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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